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Grand-Prix-Debakel: NDR-Unterhaltungschef tritt zurück

Nach dem desaströsen Abschneiden des deutschen Beitrags beim Eurovision Song Contest in Kiew hat der Unterhaltungschef und Grand-Prix-Beauftragte des NDR, Jürgen Meier-Beer, seinen Rücktritt eingereicht. Er machte die deutsche Musikindustrie für die Misere verantwortlich.

Grand-Prix-Spezialist Meier-Beer: "Die Zuschauer hatten keine bessere Wahl"
NDR

Grand-Prix-Spezialist Meier-Beer: "Die Zuschauer hatten keine bessere Wahl"

Hamburg - Jürgen Meier-Beer werde auf eigenen Wunsch zum 1. Juli die Leitung der Abteilung Unterhaltung abgeben und die Abteilung Internationale Projekte und Musik des NDR-Fernsehens leiten, teilte der Sender heute mit. Damit verabschiede er sich nach zehn Jahren auch von der Organisation der deutschen Beteiligung am Eurovision Song Contest. Beim NDR denkt man offenbar sogar über die Abschaffung eines eigenen deutschen Vorentscheids nach. "Wenn ein erfolgreicher Künstler einen guten Titel präsentiert und sagt, ich nehme teil, aber ohne den Vorentscheid, dann könnten wir das machen", sagte Meier-Beer der dpa.

Zur Zukunft des Grand Prix und der deutschen Qualifikation sagte der scheidende Unterhaltungschef: "Wir wollen einen guten, international chancenreichen Titel ins Rennen schicken. Dafür stellen wir erst einmal alles in Frage." Allerdings gebe es derzeit noch keine konkreten Überlegungen für den Wettbewerb 2006, die Gespräche mit den deutschen Plattenfirmen stünden noch aus.

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Meier-Beer habe dem Grand Prix in Deutschland "ein neues Image gegeben und den Eurovision Song Contest zu einem Markenzeichen der Unterhaltung im Ersten weiterentwickelt", betonte NDR-Programmdirektor Volker Herres. Meier-Beer selbst sagte, er freue sich, dass der Grand Prix "trotz schwieriger Bedingungen" wieder zum Publikumsmagneten geworden sei - "auch wenn ich mir zu meinem Abschied ein besseres Abschneiden des deutschen Beitrags erhofft hätte". Die deutsche Teilnehmerin Gracia war am Samstag beim Finale in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf dem letzten Platz gelandet.

Seinen Abschied nutzte der 54-Jährige erneut für einen Appell an die Musikindustrie, sich beim nächsten europäischen Wettstreit stärker zu engagieren - "nicht zuletzt im Interesse der Millionen Grand-Prix-Fans". Auch die anderen Titel des deutschen Vorentscheids hätten im internationalen Finale kaum Chancen gehabt. Die deutschen Fernsehzuschauer "hatten einfach keine bessere Wahl", sagte Meier-Beer. Die Zulieferungen von Wettbewerbssongs aus der Musikindustrie seien viel geringer ausgefallen als sonst. "Die Branche kümmert sich derzeit vor allem um den eigenen Markt, der Export deutscher Musik spielt da kaum eine Rolle."

Meier-Beer betonte, dass der Skandal um Chartmanipulationen durch CD-Massenkäufe nichts mit der schlechten Platzierung Gracias zu tun gehabt habe - davon hätten die Grand-Prix-Fans im Ausland kaum etwas mitgekriegt. Auch am Auftritt Gracias habe es nicht gelegen: "Die Qualität des Titels war international nicht gut genug."

In seiner neuen Funktion soll Jürgen Meier-Beer die Zusammenarbeit des NDR mit ausländischen Sendern und Produzenten bei Dokumentar-Koproduktionen ausbauen. Ferner werde er an der redaktionellen Entwicklung und Betreuung neuer Nachmittagsformate für das Erste arbeiten, hieß es. Sein Nachfolger als Unterhaltungschef wird laut NDR Jan Schulte-Kellinghaus. Er übernimmt die neuen Aufgaben zusätzlich zu seiner bisherigen Funktion als Leiter der Talkredaktion im NDR.

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