Grand-Prix-Vorentscheid Sieg für die Manufactum-Generation

Wen wollen die Deutschen beim Grand Prix sehen? Einen Wertarbeiter mit Schwung und Zuversicht. Der Swing-Sänger Roger Cicero fährt für die Generation 30 plus nach Helsinki - die Jugend muss sich mit Heidi Klum trösten.

Von Folker Kramer


Drei Mädchen weinten – und ein lachender Mann sagte: "Komplett unfassbar", "überwältigend" und "sensationell". Er war der Gewinner des deutschen Grand-Prix-Vorentscheids, Roger Cicero, 36 Jahre, Jazzmusiker und neuer Held der Manufactum-Generation, die auf Geschmack hält, Techno für Lärm und Monrose für kommerziellen Kitsch.


Cicero gewann mit mehr als Hälfte der TED- und SMS-Stimmen mit seinem Song "Frauen regier'n die Welt" - als wär's ein Kommentar zum internationalen Tag der Frau. Ciceros Swingpop entzückte offenbar noch mehr Menschen als im Vorjahr Texas Lightning, die auch schon mit 47 Prozent der Stimmen ihr Ticket zum Eurovision Song Contest gewannen.

Am Ende der Show aus dem Hamburger Schauspielhaus war Cicero der wahrscheinlich perfekte Gewinner: Seine Konkurrenz wirkte wie ein Vorwand, um ihm, den Spross des Jazzpianisten Eugen Cicero, den Teppich zum Flug nach Helsinki am 12. Mai auszubreiten.

Heinz-Rudolf Kunze nahm sich mit seinem "Die Welt ist Pop" wie ein Relikt aus rotgrünen Zeiten aus – dem Vernehmen nach hat er nur knapp zehn Prozent der insgesamt 900.000 Voten erhalten. Und Monrose, die Casting-Siegerinnen von "Popstars", erreichten nur knapp 20 Prozent der Stimmen, weil ihre Kernkundschaft möglicherweise zeitgleich bei ProSieben dem "Germany's Next Supermodel" entgegenschmachtete.

Cicero jedenfalls passte zum Gemüt des 30- bis 60-jährigen ARD-Publikums kongenial: Er hält auf handgemachte Musik, auf Authentizität, auf Konzerte mit echter Band und Gesang, der nicht erst durch technische Manipulationen am Steuerpult hörbar wird.

Ob er in Helsinki im Mai besser als Texas Lightning abschneiden wird, die im Vorjahr in Athen nur den 15. Platz belegten, mochte Cicero nicht beantworten: "Ich fahre nicht zum Grand Prix, um schlecht abzuschneiden. Lordi hat auch gezeigt, dass man mit unkonventionellen Mitteln gewinnen kann." Zunächst wird er weiter touren mit seinem "Projekt" - gute Musik, wie Cicero und Freunde sie verstehen, auf Deutsch die Texte, jenseits von Schlager und Disco.

Thomas Hermanns, Moderator des Abends, resümierte zufrieden: "Das war wieder typisch Grand Prix – Tränen, Glamour und Drama – großartig." Allein: Die Quote war etwas schwächer als im Vorjahr. 4,6 Millionen Zuschauer waren eine halbe Million weniger als 2006. Die Show lebte abermals von starken Retroelementen, Anklängen aus guten alten seligen Schlagerzeiten – Wencke Myhre, Siw Malmkvist, Gitte Haenning wie Johnny Logan, Katrina (von den Waves) und die Reste von Buck's Fizz zeigten dem deutschen Publikum, dass Livemusik keine Strafarbeit bedeuten muss.

Cicero, der mit filigranen Jazzimproviationen lange vor seiner jetzt platingekrönten CD "Männersachen" Ambition und Anspruch bewies, war im Grunde der Ausdruck zur demographischen Entwicklung: Er gewann offenbar im erwachsenen Altersbereich so überragend, dass die kaum nachwachsende Jugend es mit ihrem Votum für die Monrose-Mädchen schwer hatte. Das Publikum im Schauspielhaus applaudierte allein Cicero mit stehend dargebrachtem Beifall: Er sollte der Held des Abends werden, ihn, nur ihn sollten die betagten Kessler-Zwillinge am Ende als Sieger verkünden.

Die beiden deutschen Tänzerinnen waren ein weiterer Höhepunkt des Abends: Saßen wie Muppet-Puppen auf dem Theaterbalkon im ersten Rang und huldigten mit feinem Lächeln der Show. Sie selbst, 1959 beim Grand Prix für Deutschland am Start, sagten nur knapp: "Wir waren schrecklich damals, aber die Kleider waren toll."

Hermanns, der nur diese Show für die ARD moderiert, zeigte den Intendanten aus der sogenannt ersten Reihe, wie Lockerheit sich mit Witz paart: Das macht ihn zum heimlichen Gewinner des Abends – wie eine selbstbewusste Antwort auf die Jörgpilawarisierung der ARD.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.