Zum Tod von Hüsker-Dü-Legende Grant Hart Jede Wunde eine Melodie

Gegen jede Chance: Er saß mit Hippiemähne hinter dem Hardcore-Schlagzeug, er brachte Punks zum Weinen. Zum Tod des großen, feinfühligen Hüsker-Dü-Trommlers und Rock'n'Roll-Songwriters Grant Hart.

Getty Images

Von


Der Deal war nicht gut. Rund 50 Leute waren 2012 in den Hamburger Club gekommen, Grant Hart bekam nach dem Soloauftritt, bei dem er viele tolle alte Hüsker-Dü-Stücke und viele tolle neue gespielt hatte, am Tresen nur ein paar kleine Scheine auf die Hand. Draußen tobte der gemeinste Eissturm, den Hamburg seit langem gesehen hatte, der Musiker sollte anschließend alleine Gitarre und Verstärker über die spiegelglatten Straßen in sein Hotel schleppen.

Weshalb er das alles macht? Wegen seiner kranken Mutter, die Medikamente braucht, erzählte Hart in dieser Nacht beim letzten Bier am Tresen. Und weil er nichts anderes könne, weil er immer nur Musik gemacht habe. Und das, seit er Ende der Siebzigerjahre im Alter von 17 Jahren in Saint Paul und Minneapolis mit Bob Mould und Greg Norton Hüsker Dü gründete, die viele Menschen auf der Welt für die wichtigste Band im Spannungsfeld zwischen Punk und Pop halten.

Hüsker Dü, das war ein Traum aus Energie, Melodie und Poesie. Hüsker Dü, das war aber auch ein Alptraum aus Zorn, Paranoia und Sprachlosigkeit. Einiges hatte möglicherweise mit der lange Zeit undefinierten Sexualität der Musiker zu tun. Grant Hart outete sich später, da lag die Band schon in Trümmern, als bisexuell, Bob Mould noch sehr viel später als schwul. Die Band galt als schwierig zu managen, es gab Gerüchte über komplizierte Liebeskonstellationen und wahre Geschichten über Drogenabhängigkeiten. Hart war auf Heroin, Mould auf Alkohol und Speed.

Hippie mit Stirnband und Melodien

Trotzdem wurden Hüsker Dü zur wohl erfolgreichsten und einflussreichsten Indie-Band der Achtzigerjahre, ohne die der Erfolg von Bands wie Sonic Youth und Nirvana niemals möglich gewesen wäre. Hüsker Dü machten vor, wie man gegen jede Chance, aber mit einem gehörigen Maß an kreativer Verzweiflung zu Starruhm gelangt.

An der Figur Grant Hart ließ sich diese Entwicklung besonders deutlich aufzeigen: Als er mit Hüsker Dü in der frühen Hardcoreszene um die große Seenplatte im US-Norden samt ihrer Raspelhaarschnitte aufschlug, war er schon der Hippie mit langen Haaren und Stirnbandfaible, der er bis zu seinem Ende geblieben ist, und dann spielte er auch noch Schlagzeug, obwohl er doch immer einen Hang zur Melodie hatte.

Aber genau darin lag das Wunder von Minneapolis: Wie in der hocherhitzten Hardcorekaskade auf einmal der klassische, harmoniegetriebene Song durchblitzte, in dem es um Liebe gegen alle Chancen ging, aber auch um Gewalt, Mord und Drogentote.

Fotostrecke

6  Bilder
Zum Tode Grant Harts: Der beste singende Punk-Rock-Schlagzeuger überhaupt

Mould galt als Hauptsongwriter, Hart lieferte jedoch einige der markantesten Hymnen der Band, darunter "Pink Turns Blue", "Never Talking to You Again" oder "Diane". Viele handelten von seinen eigenen Katastrophen, jede Niederlage verwandelte er trotzig in eine gen Himmel strebende Melodie.

Harts Einfluss auf nachfolgende Generationen kann nicht überschätzt werden. Der gefühlig überschäumende Neunzigerjahre-Highschoolpogopop von Green Day oder den Foo Fighters ist schwer vorstellbar ohne Hüsker Dü, ohne Grant Hart, ohne den sein Herz aus der Brust reißenden Hippie hinter den Trommeln, der die Punks zum weinen brachte.

Was schief gehen konnte, ging schief

Besonders bei Dave Grohl, der erst bei Nirvana trommelte und später bei den Foo Fighters der Frontmann wurde, konnte man viel Hart in Musik und Auftreten erkennen. Ein Song wie "Don't Want to Know If You Are Lonely" vom 86er Hüsker Dü-Album "Candy Apple Grey" funktioniert immer noch als Blueprint für jeden Foo Fighters-Song. Grohl hat ebenfalls ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter, er nimmt sie sogar oft mit auf Tour und spendiert ihr dann sehr teure Hotelzimmer. Grohl konnte sich viel bei Hart abschauen - Hart aber leider offensichtlich nichts von Grohl in Sachen Karriereplanung lernen.

Während der Ex-Nirvana-Mann ein wohliges Plätzchen im Mainstreamrock fand, schlitterte Hart stets von einem Desaster ins nächste. Ärger mit Plattenfirmen, Spätfolgen seiner Heroinsucht, ein schwerer Unfall mit dem Bandbus, der Hart mit zertrümmerten Knochen zurückließ - was schief gehen konnte, ging schief.

Trotzdem brachte der Musiker, ganz der Künstler, den jede Katastrophe dazu treibt, nur noch größer zu denken, weiter Werke von entrückter Schönheit hervor. Oft stülpte er ihnen mit leichter Hand komplizierte Konzepte über. Etwa 1989 für das Album "Intolerance", das er auf Tournee damals mit der deutschen Band The Strangemen aufführte. Zuletzt erschien 2013 das Mammutwerk "The Argument", bei dem Hart Anleihen bei John Miltons Höllensturz-Epos "Paradise Lost" vornahm; 20 Songs über gefallene Engel.

Schon bei seinem letzten Hamburger Auftritt vor fünf Jahre hatte er am Tresen mit den paar zerknitterten Euros in der Hand von diesem Großprojekt erzählt, er klang dabei hinreißend größenwahnsinnig. Es sollte ein Geschenk für seine kranke Mutter werden, um die er sich sorgte und die er über alles verehrte.

Vor einiger Zeit erkrankte Grant Hart selbst an Krebs, die letzten Bilder von ihm stammen von einem Auftritt im Juli, wo er mit Freunden wie Greg Norton von Hüsker Dü und Dave Pirner von Soul Asylum auf der Bühne stand. Er ist da schon von der Krankheit schwer gezeichnet, lacht aber immer noch sein widerständiges Lachen unter seiner ebenso widerständigen Hippiemähne hervor. In der Nacht zu Donnerstag ist Grant Hart, einer der größten Rock'n'Roll-Songwriter aller Zeiten, der aus jeder Wunde eine Melodie zutage förderte, seinem Krebsleiden erlegen. Er wurde nur 56 Jahre alt.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
basstomouth 14.09.2017
1. Rest in Peace
Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich zur Schule geradelt bin und im Walkman lief "New Day Rising" und auf dem Heimweg "Land Speed Record". Ruhe in Frieden, Grant.
hefe21 14.09.2017
2. Hüsker per Dü
So richtig gerecht ist er ja nicht, der Rockn Roll Gott, aber darauf legt er wohl auch keinen Wert. Da kann man nur schnell eine Selbstgebrannte im Handschuhfach mit 2 Lieblingssongraketen der US-Outlaws suchen: Private Plane und Keep Hanging On (1985). Wenn man Musik in synthetischen Treibstoff umwandeln könnte - damit müsste es hinhauen.
FatherMacKenzie 14.09.2017
3. If There's A Thing That I Can't Explain ...
Is why the world has to have so much pain ... - Turn On The News/Zen Arcade Ohne Hüsker Dü hätte ich mein Teenager-Dasein auf dem Dorf nicht überlebt. Die Musik klang wie gegossenes Metall aus meinen damaligen Kassettenrecorder und ich habe jeden damit genervt. Mit der Musik im Kopf habe ich Kriege geführt, Lehrer ad absurdum erklärt und die schönsten Frauen geküsst. Ohne die Musik wirkte mein Dorf, meine Lebensblase wie ARD in Schwarzweiß mit anschließendem Testbild. Ich habe Grant Hart immer gemocht. Er war einer der wenigen Musiker, die sich regelmäßig per Email meldeten und sich sogar Namen merken konnten. Auch wenn manchmal nur seltsame Hundebilder oder Bilder eines alten Mercedes geschickt wurden. Warum auch immer. Schade.
steppenrocker 14.09.2017
4. Pink Turns to Blue
Ein schöner Artikel, der diesen so großen und sensiblen Musiker angemessen würdigt. Die Überlebensgröße von "Zen Arcade", die großen Hart-Hymnen "The Girl Who Lives On Heaven Hill", "Green Eyes", "Flexible Flyer", "Don't Wanna Know If You Are Lonely" oder "She Floated Away". Und dann die erste Soloplatte: Now everything is over Now everything is done Everything's in boxes At twenty-five forty-one Was für eine zärtliche Seele. Möge sie in Frieden ruhen. Danke für alles, Grant.
Subpop 14.09.2017
5. Makes no sense at all
Candy Apple Grey eine meiner meist gehörten und zerkratzten Platten - heute höre ich sie so laut bis die Nachbarn klingeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.