Ausnahmepianist Sokolov Grundsanierter Schubert, aberwitziger Beethoven

Gern überrascht der Klaviervirtuose Grigory Sokolov sein Publikum. Schubert fließt bei ihm sehr flink, Beethoven strömt mit majestätischer Kraft. Wie sich diese Extreme verbinden, zeigt seine neue CD - natürlich wieder live aufgenommen.

Klaus Rudolph/ Deutsche Grammophon

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"Ganz entschieden zu schnell!" Auf YouTube gibt es ja bekanntlich nicht nur Video-Clips, sondern auch Nutzer-Kommentare. Und zu Grigory Sokolovs neueren Clips etwa mit Franz Schuberts "Impromptu" aus op. 90 kritisieren die versammelten Rezipienten nahezu einhellig das Tempo, in welchem Sokolov das berühmten Stück nimmt. Der späte Horowitz und der unantastbare Brendel, die hätten das richtig gemacht, meint ein anderer. Tatsache ist: Bei Sokolov kann man sich seiner Sache nie gewiss sein, der stets tüftelnde und suchende Künstler geht den Kompositionen auf den Grund - und entdeckt dabei meist Neues. Wie er derzeit seinen Schubert in der kleinen Form sieht, kann man den Aufnahmen auf seinem neuen Live-Album entnehmen. Sie entstanden in Warschau, im Mai 2013. Und sie entführen den Hörer in eine neue ganz und gar unzärtliche, frisch-analytische Schubert-Welt. (Sehen Sie Sokolov in Aktion auf Medici.tv.)

Sokolov wählte für dieses Recital die erste "Impromptu"-Gruppe aus, die zu den meistgespielten Werken aller Klavierabende gehören dürften: sehr bekannt, sehr ausinterpretiert. Sokolov lüftet sie gut durch, ohne sie schockzufrosten, er analysiert voller Liebe zu Details und zu rhythmischen Akzenten. Stets überrascht er den Hörer mit Extremen, die aber nie aufgesetzt oder maniriert wirken. Die hypnotischen Achtel-Girlanden im Es-Dur-"Impromptu" schwingen wie sanfte Wellen, deren Schaukeln den Hörer fast schwindlig werden lässt. Weniger Sentiment und Romantik, dafür mehr Klarheit und Frische: ein grundsanierter Schubert.

Gut durchlüftet ohne Schockfrost

Was Sokolov an rasantem Tempo bei Schubert vorlegt, das nimmt er bei Beethovens großer "Sonate für das Hammerklavier" op. 106 wieder heraus. Satte 50 Minuten benötigt er für das gesamte Werke, allein rund 20 Minuten für das tiefsinnige Adagio des dritten Satzes - mehr geht fast nicht! Friedrich Gulda fertigt das Adagio in 13 Minuten ab, für die ganze Sonate benötigt er nur etwas mehr als 30 Minuten. Es liegt nicht unbedingt auf der Hand, dass bei so konträren Interpretationsansätzen vergleichbare Ergebnisse erreicht werden.

Sokolov verliert - in doppeltem Sinn - nie die Beherrschung: Er spannt notwendigerweise den ganz großen Bogen. Und es gelingt ihm, diese Spannung von auftrumpfenden Akkordballungen zu Beginn bis zum aberwitzigen und ideenvollen Fugen-Finale aufrecht zu erhalten. Während Gulda mit drängenden Bewegungen und eruptiven Akzenten vorwärts strebt, baut Sokolov bedächtig an der Architektur der bei ihm fast übergroß wachsenden Sonate. So stellen beide den Aufbau und die Bauart des Werkes beeindruckend klar dar: Damit könnte selbst Beethoven zufrieden sein.

Die Wahrheit ist im Konzert

Die Fans des "Schnellen" sollten eigentlich auf der sicheren Seite sein, denn op. 106 bekam von Beethoven als eines der wenigen Stücke eine extrem flotte Metronomisierung. Wie er diese allerdings genau gemeint hat und wie man damit überhaupt umgehen soll, darüber streiten die Experten schon immer. Letztlich bleibt die Verantwortung beim Interpreten: Sokolovs Aufnahme vom August 2013 aus dem Salzburger Festspielhaus bezwingt mit ihrer Geschlossenheit. Von den siebenstimmigen Akkorden gleich zu Beginn bis zu den heiklen Oktaven im Finale stellt schon der erste Satz enorme technische und gestalterische Anforderungen. Dies ist eben keine nette Sonate, sondern Beethovens Achttausender fürs Piano, der jede Menge Kondition, Timing und Übersicht verlangt. Auch wenn der kurze zweite Satz, ein dezentes Scherzo, scheinbar Leichtigkeit verbreitet, bevor es im Presto mit heiklen Oktaven in einen dunklen, leisen Schluss rauscht.

Keine schönen Stellen, sondern Architektur

Alle diese Gegensätze vereint Grigory Sokolov zu einem breiten, aber immer strömenden Fluss, der nicht auf oft überraschende Akzente verzichtet, aber sie stets diszipliniert einbindet in die Logik seiner Darstellung. Keine Bilder einer Ausstellung, keine schönen Stellen, sondern Architektur bildet Sokolov ab: Das Beste, was man mit der Hammerklaviersonate anstellen kann. Das ist dann auch keine Frage allein des Tempos mehr - Gulda präparierte diese Elemente auf seine Weise heraus, Sokolov auf eine andere. Beethoven hält beides mühelos aus, seine Sonate belohnt auch unterschiedliche Mühen.

Etwas anderes bekommen Sokolov-Fans bei seiner diesjährigen Tournee zu hören: Wenn es sich der Maestro nicht anders überlegt (was durchaus vorkommen kann), so spielt er neben einigen Schubert-Stücken ein Chopin-Programm.


Tourneedaten: 14.03. Freiburg, 17.03. Bremen, 19.03. Hannover, 20.03. Braunschweig, 22.03. Hamburg, 21.04. Stuttgart, 23.04. München, 08.05. Dortmund, 10.05. Düsseldorf, 12.05. Berlin, 14.05. Schwetzigen, 31.05. Köln (weitere folgen)

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
MirFälltAuchKeinNameEin 10.01.2016
1. hmm, die Rezensent kennt also zwei Einspielungen op.106
Von der Hammerklaviersonate gab es wohl schon immer sehr unterschiedliche Versionen. Wirklich langsamer als z.B. Emil Gilels oder Barenboin ist Sokolov nicht. Der Unterschied zu Gulda ist so absurd, dass doch eigentlich ein Vergleich zu näheren Versionen viel sinnvoller wären. Es gibt eben nicht eine einzige Aufnahme die alles abdeckt. Pollini war Anfang der 90er dem Ideal life in Berlin sehr nahe.
jozu2 10.01.2016
2. Es gibt kein richtig!
Dafür sind Interpreten doch da. Ein Stück mal anders spielen. Bei Pop/Rock sind die meisten begeistert, wenn jemand ein 10-30 Jahre altes Stück abändert und etwas Neues schafft. Bei Klassik ist jede Abweichung von der Norm ein Frevel an dem mehrere Jahrhunderte toten Beethoven/Bach/Mozart. Gerade bei Mozart bin ich mir sicher, dass der ganz begeistert von Synthesizern und modernen Drums wäre. Also warum soll einer nicht mal versuchen, ein bekanntes Stück anders zu spielen?
Here Fido 10.01.2016
3. Bin gespannt
Mein Exemplar kommt erst in der nächsten Woche, ich bin sehr gespannt zumal ich op. 106 damals leider nicht live miterleben konnte. Das mit den Tempi ist so eine Sache. Ich finde die Gulda Aufnahme hervorragend, wenn man bei dem Tempo seine Gestaltungskraft bewahrt - und das tut Gulda - kann es sehr mitreißend sein - besonders in der Fuge. Aber auch deutlich langsamere Aufnahmen wie z.B. von Gilels und Solomon sind großartig. Den 1. Satz geht Sokolov in der Tat langsam an aber für ein Urteil reicht der Soundschnipsel nicht. Den Schubert finde ich beim Reinhören in die Schnipsel nicht zu schnell. Ich kenne die Berliner Aufnahme von Nr. 2 aus D946 und finde, dass er es da eher langsam angehen lässt. Was mir was immer wieder auffällt ist, mit welcher klanglichen Akribie Sokolov Melodietöne verbindet. Unvergessen sind mir sich unfaßbar im Raum verbindende Töne im Largo von Beethovens op. 10 Nr. 3 im Konzert des letzten Jahres. Sokolov spielt in einer eigenen Liga. Ich freue mich auf die CD.
mockhd 10.01.2016
4. Sokolov - Arthur Schnabel
Vielleicht lohnt sich in Bezug auf Beethoven und Schubert ein Vergleich mit Aufnahmen von Arthur Schnabel. z.B. Beethoven Op. 57 (Aufnahme von 1933)und Schubert D 960 (Aufnahme von 1939).
Here Fido 10.01.2016
5.
Zitat von mockhdVielleicht lohnt sich in Bezug auf Beethoven und Schubert ein Vergleich mit Aufnahmen von Arthur Schnabel. z.B. Beethoven Op. 57 (Aufnahme von 1933)und Schubert D 960 (Aufnahme von 1939).
Nun, dann kann man aber auch gleich op. 106 von 1935 heranziehen. Schnabel ist nach meiner Kenntnis der Erste, der Beethoven's als unspielbar geltende Metronom-Angaben umsetzte. Aber m.E. kämpft er so sehr mit dem Tempo, das ihm die Gestaltungsmöglichkeiten abhanden kommen. Keine gute Aufnahme.
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