Grönemeyers WM-Hymne Steh auf, wenn du Musikfreund bist

Da dreht sich nichts: Warum keiner Herbert Grönemeyers "Zeit, dass sich was dreht", die offizielle Hymne zur Fußball-Weltmeisterschaft, mitsingen mag.


Fußball-Hymnen sind wie Sommerhits: Was sie zu Klassikern macht, ist schwer auszurechnen. Jedenfalls singt kein Mensch mit, wenn sie zu gewollt sind, zu ehrgeizig, wenn sie zu kompliziert sind und klingen, als hätte jemand mitten im Song den Sender verstellt. So wie bei "Zeit, daß sich was dreht", der offiziellen WM-Hymne von Herbert Grönemeyer, oder, im Amtsdeutsch des Ausrichters: "The Official Fifa 2006 World Cup Anthem".

Grönemeyer bei der WM-Eröffnung: Alles ist gewollt
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Grönemeyer bei der WM-Eröffnung: Alles ist gewollt

Man hat die Hymne seit Beginn der Weltmeisterschaft selten gehört, noch seltener in voller Länge, das ZDF, so scheint es, setzt sie etwas häufiger ein als die anderen Sender. Die Fans in den Stadien singen sie nicht, jedenfalls nicht von selbst. Vielleicht ist es aber ein Trost für Grönemeyer, daß seine Hymne immerhin bekannter ist als das offizielle "Lied" der Weltmeisterschaft, gesungen von Il Divo und Toni Braxton: Ihr schmalziges "The Time of Our Lives" hat in etwa den Ruhepuls einer Eckfahne.

Bochumer Schwere

Daß Herbert Grönemeyer in der Lage ist, Hymnen zu schreiben, hat er oft bewiesen, und so klingt auch sein alter Hit "Bochum" in den ersten Takten von "Zeit, daß sich was dreht" an. Nach ein paar Zeilen typischer Grönemeyer-Lyrik ("Wer sich jetzt nicht regt, wird ewig warten", vor einigen Jahren hieß das noch "Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders") und noch ein paar Takten Grölemeyer (er singt "Oeoeoe", was aber "Ojeojeoje" heißen könnte) dreht sich dann tatsächlich was – und zwar der ganze Song. Er stolpert abrupt in andere Rhythmen und in eine ganz andere Klangfarbe, und kurz meint man sogar, "Yéké Yéké" von Mory Kanté zu hören, das war ja auch mal ein großer Sommerhit.

Aber da hat niemand am Sender gedreht, all das ist gewollt, hier singen Amadou und Mariam, ein Pop-Duo aus Mali, das Herbert Grönemeyer für sein Lied engagiert hat, aus den allerehrenwertesten Gründen: einerseits, wie er kürzlich sagte, um eine Leichtigkeit zu zeigen, die man von den Deutschen nicht kennt. Und dann, um auf die nächste WM in Afrika im Jahr 2010 hinüberzuspielen und zugleich gegen das Gefälle zwischen Nord und Süd zu protestieren, um wachzurütteln und "der Welt eine neue Drehung" zu geben, wie es auf seiner Website heißt. Es ist also eigentlich eher eine Hymne für die Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit – und damit ist, aller Euphorie über die Ballkünste von Schweinsteiger, Klose und Ballack zum Trotz, nicht die deutsche Nationalmannschaft gemeint. Wobei in beiden Fällen Entwicklungshilfe natürlich ein großes Thema ist.

Am Ende türmen sich die Chöre in Grönemeyers Hymne opernhaft auf, wagnerianischer Bombast zu afrikanischen Trommeln, und irgendwie gehen die Klänge schon zu einer Art Weltmusik ineinander auf – wenn es nur nicht so penetrant pädagogisch wäre. Warum soll jetzt "deutsche Leichtigkeit" unbedingt afrikanisch herbeigetrommelt werden? Als die deutsche Nationalmannschaft im Jahr 1996 aus England zurückkehrte und die gewonnene Europameisterschaft auf dem Frankfurter Römer feierte, stimmte der damalige Kapitän Jürgen Klinsmann vom Balkon herunter "Football’s Coming Home" an – und Tausende Fans zu seinen Füßen sangen selig mit. Auf englisch. Sehr schief, aber glücklich. Niemand hatte sie dazu gezwungen. Das war deutsche Leichtigkeit, wenn man die unbedingt unter Beweis stellen muß. Und der Rest der Welt, zumindest die tief zerknirschten Engländer, sahen dabei zu.

Englische Eleganz

"Football’s Coming Home", gesungen von den Komikern Skinner und Baddiel und den Lightning Seeds, war das offizielle Lied der Engländer bei der Europameisterschaft 1996. Darin ging es um: Fußball. Nicht um Politik und Völkerverständigung oder Vergangenheitsbewältigung, im Gegenteil: Im Video liefen Skinner und Baddiel im Trikot des damaligen deutschen Nationalspielers Stefan Kuntz herum, und wenn man dessen Namen englisch ausspricht, ist das ein sehr böses Schimpfwort. Aber die deutschen Fans haben es trotzdem gesungen, sie singen es noch heute, immer wieder.

Und denselben Fans steigen bestimmt immer noch Tränen in die Augen, wenn sie "Un’ Estate Italiana" von Edoardo Bennato und Gianna Nannini hören, das Lied zur Weltmeisterschaft 1990 in Italien, das die magischen Nächte und Tore und den Himmel im italienischen Sommer besingt. Und vielleicht fangen sie sogar an zu tanzen, ganz undeutsch leicht, wenn sie Ricky Martins "La Copa de la Vida" hören, die Hymne der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich, die davon handelte, daß die Liebe und das Leben und der Fußball ein Kampf und ein Spiel sind, pura pasión, wahre Leidenschaft.

Aber weil "Zeit, daß sich was dreht" so verkopft daherkommt, steckt Herbert Grönemeyers Lied überhaupt nicht an. Nur im Englischen traut es sich etwas deutlicher an Fußball heran: "To win again, to never stop fighting, moving as one will still work for all", so lauten die ersten Zeilen, aber vermutlich hätte das auf deutsch gesungen zu martialisch geklungen: Wieder zu gewinnen, nicht aufzuhören zu kämpfen, sich wie ein Mann zu bewegen, hilft immer noch allen – da sieht man mal, wie leicht die Deutschen die Dinge nehmen.

Deutsche Leichtigkeit

Was also singen wir zur WM, wie die "taz" ihre Leser schon seit ein paar Ausgaben fragt? Nicht Bob Sinclairs verpfiffenes "Love Generation", "der erste offizielle Hit zur Fifa-WM 2006", wie es angepriesen wird, samt Goleo im Video, das merkwürdigerweise in Amerika spielt. Und auch nicht den Stumpfsinn der Sportfreunde Stiller, deren Schunkelsong "’54, ’74, ’90, 2006" schon allein daran scheitert, daß man den Titel vor lauter Apostrophen und Zahlensalat kaum kapiert. Die Fans in den Stadien haben die Frage nach der Hymne längst entschieden. Wenn überhaupt, dann singen sie schon seit den Vorbereitungsspielen der deutschen Nationalmannschaft bei "Schwarz und Weiß" des Fernsehkaspers Oliver Pocher mit.

Das Lied ist saudämlich und ein schamloses Plagiat von "Football’s Coming Home", aber Pocher weiß all das auch, es ist die Parodie eines Fußball-Songs samt "Jetzt geht’s los" und aller denkbaren Moderatorenklischees wie der "Turniermannschaft" Deutschland und den Fans als "zwölftem Mann" im Rücken. Aber wenn man "Schwarz und Weiß" gegen den überpolitisierten Grönemeyer-Song hält, der auch von Schwarz und Weiß handelt, wird das Lied einem doch wieder sympathisch. Weil Oliver Pocher begriffen hat, daß Fußball nur Fußball ist und keine Weltformel. Pocher will nur spielen, wie jeder Fußballer, wie jeder Fußballfan auf der ganzen Welt. Da sieht man mal, wie leicht die Deutschen die Dinge nehmen können. Tobias Rüther

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.



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