Guns N' Roses in Berlin Stimmung so schlecht wie der Sound

Die aktuelle Tournee von Guns N' Roses gilt eigentlich als Erfolg. Im Berliner Olympiastadion zeigte sich jedoch die bittere Wahrheit dieser Rock'n'Roll-Wiedervereinigung: Sie wirkte lustlos, frustriert und ohne Kraft.

DAVIDS/ Christina Kratsch

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit befinden sich die jahrelang zerstrittenen Kernmitglieder von Guns N' Roses, also der Sänger Axl Rose, 56, der Gitarrist Slash und der Bassist Duff McKagan, nun seit 2016 auf ihrer ersten gemeinsamen Tournee seit 25 Jahren. Deren vorerst letzten Abschnitt eröffnete die Band am Sonntagabend im Berliner Olympiastadion.

Für eine Band, die mehr erreicht hat als die meisten anderen, sind Guns N' Roses ziemlich weit unter ihren Möglichkeiten geblieben. Im Wesentlichen gründet der Ruhm der kalifornischen Rockband auf zwei Alben: dem 1987 erschienenen "Appetite For Destruction", mit über 30 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Debüt aller Zeiten, sowie dem auf zwei Einzelwerke verteilten "Use Your Illusion" von 1991. Guns N' Roses sind zwar die größte Rockband ihrer Generation, aber eine richtige Karriere ist ihnen nicht geglückt: Zu groß die Egos, zu exzessiv der Drogenkonsum.

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Guns N' Roses: Im Rock'n'Roll-Dschungel

Nach Auftritten von Greta van Fleet und den Manic Street Preachers betreten Guns N' Roses um kurz nach 19 Uhr die Bühne. Von den ersten Tönen an ist der Klang derart katastrophal, wie man es auf diesem Niveau eigentlich nie erlebt. Der größte Schwachpunkt ist allerdings Axl Rose selbst: Die Band spielt zur Eröffnung zwei ihrer größten Hits, "It's So Easy" und "Mr. Brownstone", aber Rose ist diesen Songs zu keinem Zeitpunkt stimmlich gewachsen. Er setzt immer wieder aus, überlässt dem Publikum einzelne Zeilen, die diese dann aber gar nicht mitsingen, weil die Stimmung so schlecht ist wie der Sound. Beim vierten Song, "Welcome To The Jungle", hat Rose sich halbwegs gefangen, aber so ganz wird er seine Stimme an diesem Abend nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Der Sänger wirkt lustlos, frustriert, ohne Kraft.

Faszinierend ist nur Axls Garderobe

Dabei gilt die Tournee eigentlich als Triumph: Bereits jetzt ist sie die vierterfolgreichste Konzertreise aller Zeiten. Zur Überraschung vieler beginnen die Shows stets pünktlich, Skandale oder sonstige Ausfälle blieben bislang aus. Eine Erfolgsgeschichte, die man unbedingt erwähnen muss, weil sie sich dem Berliner Beobachter am Sonntagabend so gar nicht offenbart: In den Sitzreihen klaffen riesige Lücken, das zugegebenermaßen riesige Olympiastadion ist bei Weitem nicht ausverkauft.

So zeigt sich in Berlin - nach den sehr guten Konzerten, die Guns N' Roses 2017 in Hannover und München gegeben hatten - die bittere Wahrheit dieser Tour: Es gibt keinerlei Interaktion zwischen diesen Männern, sie haben sich ganz offensichtlich nichts mehr zu sagen. Jedes der ausufernden, immer noch ergreifend vorgetragenen Gitarrensoli von Slash, jeder Laufweg, jede Pose scheinen vertraglich festgelegt zu sein. Es ist eine nüchtern und routiniert über die Bühne gebrachte geschäftliche Unternehmung dreier mittelalter Millionäre

Axl Rose und Slash 1985: Zu groß die Egos, zu exzessiv der Drogenkonsum
Getty Images

Axl Rose und Slash 1985: Zu groß die Egos, zu exzessiv der Drogenkonsum

Der Abend bezieht seine Faszination im Wesentlichen aus dem Umstand, dass diese drei Männer überhaupt gemeinsam auf einer Bühne stehen. Und aus der grotesk geschmacklosen Garderobe von Axl Rose, versteht sich. Sie setzt sich diesmal aus einer kunstvoll zerschnittenen Designer-Jeans, einem um die Hüfte gebundenen Flanellhemd, einem Ensemble fetter Goldketten sowie einem Hut zusammen, den Rose über einem Stirnband trägt, das nahtlos in eine riesige Sonnenbrille überzugehen scheint.

Es gibt vereinzelte Höhepunkte: Einmal sitzt Rose auf dem hinteren Teil einer Harley Davidson, die er zum Klavierhocker umfunktioniert hat, und spielt den Neunzigerjahre-Schmachtfetzen "November Rain". Auch bei "Rocket Queen" gelingt es dem Sänger, einigermaßen überzeugend in sein absurderweise mit einem roten Windschutz versehenes TV-Moderatorenmikrofon zu kreischen. Den berühmten Axl-Rose-Growl, sein Trademark, beherrscht er immer noch relativ gut.

Insgesamt sind derartige Momente jedoch rar gesät, irgendwann hat die Band ein Einsehen. Bis zu 40 Songs spielen Guns N' Roses auf dieser Tournee am Abend, die Auftritte dauern gewöhnlich dreieinhalb bis vier Stunden. Im Berliner Olympiastadion aber brechen Rose, McKagan, Slash und ihre vier Tourmusiker das Konzert bereits eine Stunde vor dem geplanten Ende mit ihrem größten Hit ab: Während Rose sich mitleiderregend durch "Paradise City" röchelt, ist ein guter Teil der Zuschauer schon wieder auf dem Weg zur S-Bahn-Station.

Inzwischen gibt es auf der Internet-Plattform Change.org eine Petition, die gesalzenen Ticketpreise (90 Euro aufwärts) für das vergurkte Konzert zurückzufordern. Knapp 200 enttäuschte Konzertgänger haben bereits unterschrieben.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
angst+money 04.06.2018
1.
Für mich waren GR schon immer die Karikatur einer Rockband. Tut mir leid für alle die da waren; ich will jetzt nicht sagen "Ich hab's schon immer gesagt", aber...
Bulle Geiger 04.06.2018
2. ...mag sein
...und es war ja auch wirklich in allen sozialen Medien zu lesen, dass der Sound grottig war... Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, über wie dünnes Wissen zu dieser Band man im Journalismus stolpert. So sollte man eigentlich, bei entsprechender Recherche, wissen, dass es sich bei den übrigen G'n'R-Mitgliedern keinesfalls um "Tourmusiker" handelt - im Gegenteil: Keyboarder Dizzy Reed (im übrigen auch auf einem der alten Fotos in der Fotostrecke zu sehen) ist seit 1990 Teil der Band, Rhythmusgitarrist Richard Fortus seit 2002. Beide haben vulgo auch schon an "Chinese Democracy" mitgewirkt...sollte man wissen, wenn man über diese Band schreibt.
Llares 04.06.2018
3. Aha
Der Rezensent schreibt auf einem anderen Konzert gewesen zu sein als ich. Ja, der Sound war während der ersten Stücke schlecht. Ob es am Tontechniker oder am Wind lag, kann ich nicht beurteilen. Er wurde aber nach kurzer Zeit wesentlich besser. Wegen 2,5h Spieldauer meckern? Viele Bands schaffen nicht mal 1,5h. Es fehlten nur Don't Cry und You could be mine, ansonsten haben sie alle Hits plus einige Überraschungen (Sliver, Attitude, Wish you were here) gespielt. Im übrigen fing die Show um kurz vor halb acht an. Und das Axl und Slash/ Duff nicht auf einmal Beste Freunde sind, ist klar. Also nicht überraschend. Was mies war, war die Stimmung bei uns im Block (Oberrang 6). Ich frage mich bei so einigen Leuten, warum die überhaupt ins Konzert gehen. Wenn man während der gesamten Show auf seinem Sitz kleben bleibt, sollte man lieber zu Hause bleiben. Ich hatte meinen Spaß und bin froh doch noch mal die Chance bekommen zu haben G'N'R live zu sehen.
royal_flush 04.06.2018
4.
Ich behalte sie lieber in Erinnerung, wie ich sie 1993 erlebt habe. Ich hatte in Erwägung gezogen auf eines der "Not In This Lifetime Tour"-Konzerte zu gehen, um nochmal in Erinnerungen zu schwelgen. Aber ein Vergleich von damals und heute auf Youtube hat meine Euphorie verfliegen lassen und dieser Konzertbericht bestätigt das. Die fast € 100 kann ich mir sparen, das Konzert vor 25 Jahren war sicherlich besser und hat "nur" 65 Mark gekostet.
krautrockfreak 04.06.2018
5. Irgendwann ist mal gut...
Die Kunst ist dabei, zu erkennen, wann die Zeit zum Aufhören gekommen ist. Manche Band schafft das recht gut, die meisten aber verpassen diesen Zeitpunkt.
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