Zum Tode Gunter Gabriels Melodien für Malocher

Sein Geld hieß Moos, seine Freundin Puppe: Gunter Gabriel schrieb Lieder für Männer. Sein Lebenslauf war zackig wie die Kurve eines extrem unruhigen Herzens, nun ist der Country-Musiker gestorben.

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Die Platte, die ich in meinem Leben am häufigsten gehört habe, ist wahrscheinlich von Gunter Gabriel. Sein Album "20 Hits - die stärksten Songs vom Liederboss" dudelte ich von meinem vierten bis etwa siebten Lebensjahr mit solcher Penetranz, dass es zumindest ziemlich knapp werden dürfte für die Musik, die ich später heiß liebte, diesen Vorsprung aufzuholen.

"Er ist ein Kerl (der 30-Tonnen-Diesel)", "Hey Boss, ich brauch mehr Geld", "Man nannte ihn Puma", "Komm unter meine Decke", alles Gabriel-Gold ist drauf auf diesem Album. Fast noch mehr als seine Musik beeindruckte mich als Kind das Plattencover, auf dem Gabriel den Gitarrenhals in so handfestem Eisenstangen-Schraubgriff hält, dass sie nicht wie ein Instrument, sondern wie ein Werkzeug aussieht. Bei seinen zahlreichen Fernseh-Gesangsauftritten stellte ich mir als Kind (und auch noch eine ganze Weile später) immer vor, dass er danach dringend weg musste, um noch irgendwo irgendetwas zu schweißen, dengeln oder zersägen.

Seine schönsten Lieder waren Melodien für Malocher. "Lieder für Männer", wie er bei einem Interview, das ich Anfang der Nullerjahre mit ihm führte, beharrte: "Wie jeder Mensch liebe ich eine weiche Frauenbrust, aber bei meiner Musik, da bin ich ein Männer-Mann."

Bruchlanden, aufrappeln, wieder straucheln

Er konnte wunderbare Knalltüten-Geschichten erzählen, bei denen es einen nicht weiter scherte, ob sie tatsächlich stimmen: Dass er nie ohne Gedichtband von Hesse aus dem Haus ging, Arthur Schopenhauer und Karl Jaspers liebte und dass David Bowie bei seinen Berliner Plattenaufnahmen immer so gerne die Leberwurstbrote aß, die ihm Gabriels damalige Freundin schmierte. Und knochenharte Geschichten von seiner Kindheit, seinem Vater, der die Kinder schlug und die Mutter zur Abtreibung mit einer Stricknadel zwang. Sie starb, als Gabriel vier Jahre alt war, und daher, glaubte er fest, habe er zeitlebens so einen starken Drall zum Weiblichen gespürt. Vier Ehefrauen, vier Scheidungen, rundherum so mancherlei.

Man würde gerne kurz reinlinsen in sein Leben, wie es gelaufen wäre - hätte er in den Achtzigerjahren nicht all das schöne Geld verjuxt, das er mit seinen eigenen Hits, vor allem aber mit Kompositionen für Rex Gildo, Juliane Werding, Roland Kaiser, Peter Alexander und viele andere verdiente. Zehn Millionen, sagte er selbst, habe er mit windigen Immobiliengeschäften verloren, und dann geriet alles außer Takt. Pleite, Alkohol, Gewalttätigkeiten, Drogen, Depressionen und andere Krankheiten.

Sein wirtschaftlicher Lebenslauf ab da: So zackig wie der Herzschreiber einer sehr unruhig schlagenden Pumpe. "Pumpe", auch so ein Gabriel-Wort, wie sein Geld immer Moos hieß und seine Freundinnen oftmals Puppe. Bruchlanden, aufrappeln, dann wieder straucheln, verdienen und verlieren, gewinnen und zerrinnen. Gabriel lebte zeitweilig im Wohnwagen entlang der Autobahnen oder mal in einem Ersatzteillager, bevor er sich sein Hausboot, kaufte, eine ehemalige DDR-Arbeiterunterkunft, die zuletzt im Harburger Binnenhafen vor Anker lag.

Promo-Bild in Unterhose

Interessanter als seine regelmäßigen Eskapaden und Stürze war seine Haltung, sein trotz schwerster Zerbeutelung immer glaubwürdiges So what? Die schönste unter vielen schönen Anekdoten ist für mich die Sache mit der Unterhose. Für ein Tribute-Album, das 2003 eine Schar Punkbands für Gabriel aufnahm, sollten Promo-Bilder angefertigt werden, auf denen er in staatsmännischer Anzugpose fotografiert werde. Weil er auf den Bildern ohnehin nur bis zum Oberkörper zu sehen sein würde, absolvierte Gabriel das Shooting bequemlichkeitshalber in Unterhosen - und versehentlich wurde auch ein unbeschnittenes Foto aus der Reihe raus an die Presse geschickt, das Gunter Gabriel in aller Hui-pfui-Herrlichkeit zeigte. In den Redaktionen hielt man die Schlüpfer-Schau für einen gewollten Gag, mindestens ein großes Musikmagazin druckte das Foto ahnungslos groß ab. Während Management, Agentur und Fotograf bei Erscheinen komplett die Nerven verloren, amüsierte Gabriel sich wie Bolle über das Bild, das ihm schließlich besser gefiel als die geplanten, sliplosen Oberkörper-Fotos.

SPIEGEL TV Dokumentation: Kämpfernatur Gunter Gabriel

In seinen guten Momenten kaufte man ihm wirklich fast ab, dass jeder im Grunde nur einen Zettel bräuchte, wie er an der Wand seines Hausbootes hing, darauf in dicken Buchstaben: "Steh auf! Mann". Und gönnte es ihm, als er 2003 wahrhaftig im Studio seines großen Idols Johnny Cash in Hendersonville, Tennessee, ein Album mit Cash-Liedern auf Deutsch aufnehmen durfte. So viele Ostereier hatte er mir als Kind in seinen Platten versteckt, die ich Jahrzehnte später, mit beginnender Cash-Liebe, nach und nach zusammenklauben konnte.

"Mehr war verdammt noch mal nicht drin"

Allein Cashs "Wanted man", das Gabriel 1973 in "Ich werd' gesucht in Bremerhaven" umgedichtet hatte! Aus der Zeile "Wanted man in Buffalo" wurde bei ihm "Ich werd' gesucht in Wuppertal" - poetischer kann man bundesdeutsche Un-Poesie nicht übersetzen. Aus Cashs "Man in Black" wurde der "Mann hinterm Pflug". Und "One piece at a time" adaptierte Gabriel zu "Ein Stückchen pro Tag", das auch als Metapher für seine unermüdlichen, trippelschrittigen Hochrappeleien gelesen werden kann: Der Erzähler in diesem Lied ist ein armer Bandarbeiter im Auto-Werk, der jeden Tag ein anderes winziges Teil in der Butterbrotdose aus der Fabrik schmuggelt, bis irgendwann die fertige Luxuskarosse vor seinem Haus steht.

Um in der Gabriel-Metapher zu bleiben, müsste er den Wagen dann direkt an den nächsten Baum setzen. Für alles, was ihm glückte - etwa seine Wohnzimmertour 2008, als er für jeweils 1000 Euro über 500 Privatkonzerte gab und sich so wieder einmal, Stückchen für Stückchen, aus der Pleite schaffte - gab es einen sonderbaren Auftritt, einen Ausfall, einen eigentlich unentschuldbaren Machismo oder schlecht zu ertragende Deutschlandverklärung. Für jedes "German Recording" auf seiner großartigen Cover-Platte "Sohn aus dem Volk" von 2009 gab es ein Tauchbad im Trash. Schon lange vor Gabriels Dschungel-Camp-Auftritt im vergangenen Jahr hatte er im Promi-Realityformat "Die Alm" nächtliches Wildpinkeln zelebriert. So what, auch hier.

Gabriel war am 10. Juni von einer steinernen Wendeltreppe gestürzt, heute Vormittag starb er an den Folgen des Unfalls, kurz nach seinem 75. Geburtstag. Vor ein paar Jahren gab er in einem Interview seinen Wunsch-Grabspruch zu Protokoll, er würde ihm stehen: "Er hat sein Bestes gegeben, mehr war verdammt noch mal nicht drin".



insgesamt 32 Beiträge
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w.weiter 22.06.2017
1. Sehr liebevoll geschrieben,
Frau Anja. Eine sehr angenehme Würdigung eines "knorrigen" Kerls. Man mochte ihn, oder nicht. "Love him or leave him". Egal. Herr Gabriel: "Misch den Himmel auf, und trete dem Erzengel kräftig in den Hintern". Ruhe, aber bleibe unsanft, BOSS!
Jor_El 22.06.2017
2. Ach Gunther...
Ich fand dich immer ein bisschen doof, aber jetzt vermisse ich dich doch.
angelpop 22.06.2017
3. Alte Socke .............
wir werden dich vermissen. See you in heaven.
aktiverbeobachter 22.06.2017
4. Original
Der letzte Wagen ist immer ein Kombi. RIP Gunther.
volkerrachow 22.06.2017
5. Gunter war ein Mann, ein ganzer Mann
Er war ein Prolet, er war ein unnachahmlicher Geschichtenerzähler. Er war, und dafür habe ich ihn bewundert und es ihm immer gegönnt, ein echtes Stehaufmännchen. Respekt dafür. Ich hätte gerne noch viele Geschichten gehört. Danke Gunter.
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