Dirigenten-Überraschung Wenn der Funke überspringt

Gustavo Gimeno überzeugt mit Temperament und Charisma, wie es sich für einen Dirigenten gehört. Dabei verlässt er sich nicht auf allzu bewährte Konzert-Hits. Auf seinen neuen CDs überrascht er mit frühem Bruckner und Schostakowitsch.

Anne Dokter

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Was für ein Zauber! Als Gustave Gimeno im Dezember 2016 das Hamburger Philharmonische Staatsorchester dirigierte, bemerkte man von Beginn an eine geradezu elektrisierende Spannung und immensen Druck.

Prokofjews "Symphonie classique" stand zunächst auf dem Programm, und sie bekam eine gehörige Dosis Energie. Druckbetankung mit Emotion, was Prokofjews clever-knappem Klassiker enorm guttat. Dazu hatte Gimeno den fabelhaften Virtuosen Augustin Hadelich als eigensinnigen Partner, und beide waren sich gottlob einig, dass man auch aus Mendelssohns oft gespieltem Violinkonzert etwas Unerhörtes machen kann.

Hadelichs zupackender Ansatz und seine detailfreudige Ausformung passten bestens zu Gimenos Entdeckungsreise. Es wurde ein ebensolcher Triumph wie die abschließende "Scheherazade" von Rimski-Korsakow, auf der Gimeno dann eine pointierte Fantasyerzählung in Musik zauberte.

Ein Rausch, aus dem man leider erwacht

Jetzt hat Gustavo Gimeno gleich zwei neue CDs am Start (Pentatone). So ein Paukenschlag passt zu Gimeno, der seiner musikalischen Konzertkarriere als Solo-Schlagzeuger des Concertgebouw Orchersters Amsterdam das erste Highlight aufsetzte, bevor er sich dem Dirigieren zuwandte.

Der Spanier (1976 in Valencia geboren) war bis 2012 erster Schlagwerker beim Concertgebouw. Er sammelte Pult-Erfahrungen natürlich bei Bernard Haitink in Amsterdam, dann bei Mariss Jansons und Claudio Abbado, sodass er fit war, 2015 das Orchestre Philharmonique du Luxembourg als Chefdirigent zu übernehmen. Zuvor gab Gimeno Talentproben als Gastdirigent der Münchner Philharmoniker, des Cleveland Orchestra und des City of Birmingham Symphony Orchestra.

Nun also gleich zweimal eine "Erste"! Die Symphonie Nummer eins von Anton Bruckner und der Symphonien-Einstieg von Dmitrij Schostakowitsch. Beides keine Werke, mit denen man leicht glänzen kann. Sergiu Celibidache, zu Lebzeiten anerkannter "Bruckner-Guru", nahm die Nummer eins nicht in den von EMI dokumentierten Münchner Bruckner-Zyklus auf, und der Komponist selbst war bezüglich der Publikumsresonanz seines Erstlings eher unzufrieden. Gustavo Gimeno wählte für seine Aufnahme mit den Luxemburgern die 1891 gedruckte, also ältere "Wiener Fassung" (nicht die später entdeckte Linzer).

Wenn man nun hört, wie engagiert Dirigent und Orchester das Frühwerk von Beginn an mit präziser Detailarbeit und rhythmischer Kraft befeuern, kann man allerdings kaum nachvollziehen, weshalb die 1868 uraufgeführte Symphonie keinen Eindruck beim Publikum hinterließ. Nicht direkt ein Flop, aber: man ging zur Tagesordnung über.

Intime Lässigkeit bei Schostakowitsch

Allein die beiden Mittelsätze (Adagio / Scherzo) fächert Gimeno abwechslungsreich, als üppige Mixtur aus später Romantik, Wagner-Anklängen und vager Ahnung von der Moderne auf. Bestimmt ein schlüssiger Ausblick auf künftige symphonische Kathedralen Bruckners und immerhin schon eine gediegene Kirche mit raffinierter Architektur.

Ebenso umweglos finden Gustavo Gimeno und seine Luxemburger Musikerinnen und Musiker den fast lässigen, coolen Ton des frühen Schostakowitsch, der ja auch noch auf der Suche nach der Moderne war. Etwa beim übermütig durch die Instrumentengruppen wirbelnden Allegro im Zweiten Satz, wenn die Klarinette auftrumpfend die Führung übernimmt und später dem Klavier den musikalischen Staffelstab übergibt: Alles eng verzahnt von Maestro Gimeno, der stets auf den kompakten, aber schlank-durchsichtigen Gesamtklang achtet.

Dadurch entsteht die Lässigkeit, die Schostakowitschs "Erste" atmen lässt. Noch sehr in der Tradition von Prokofjew und inspiriert von Strawinsky, experimentiert Schostakowitsch mit leichten Klängen, noch ohne Idee von der späteren Wucht seiner Symphonien. Eine saubere Aufnahmetechnik tut ihr Übriges.

Schon seit 2005 freut sich das bereits 1933 gegründete Orchestre Philharmonique du Luxembourg über einen der besten Konzertsäle des Kontinents. Das Ensemble entwickelte über die Jahre einen guten Ruf als hochrangiger Klangkörper, besonders, seit Gustavo Gimeno die Leitung übernahm. Neben vielfältigen Aktivitäten prägt vor allem das enorm breite Repertoire von den Klassikern bis hin zum 20. Jahrhundert, zu Morton Feldman und Leonard Bernstein, sein künstlerisches Profil.

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insgesamt 4 Beiträge
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Bertha H. 11.06.2017
1. Nicht, dass ich mir das anhören würde.
"mit frühem Bruckner und Schostakowitsch" Stelle ich mir grauenhaft vor. Die 5. Symphonie von Bruckner kann man sich anhören, allerdings ohne dass sich neue Aspekte zur Musik ergeben. Wagner´sche Eklektik. Aber die 1.? Die ist doch nichts. Schostakowitsch, den Lobhudler Stalin tue ich mir auch nicht an. Weder früh noch spät. Meines Erachtens hat der recht gute Filmmusik geschrieben, z.B. den Walzer 2. Mit fui Gefui. Aber die 1. Symphonie, leicht atonal: Krampf. Mehr Lärm als Musik.
helisara 11.06.2017
2.
Zitat von Bertha H."mit frühem Bruckner und Schostakowitsch" Stelle ich mir grauenhaft vor. Die 5. Symphonie von Bruckner kann man sich anhören, allerdings ohne dass sich neue Aspekte zur Musik ergeben. Wagner´sche Eklektik. Aber die 1.? Die ist doch nichts. Schostakowitsch, den Lobhudler Stalin tue ich mir auch nicht an. Weder früh noch spät. Meines Erachtens hat der recht gute Filmmusik geschrieben, z.B. den Walzer 2. Mit fui Gefui. Aber die 1. Symphonie, leicht atonal: Krampf. Mehr Lärm als Musik.
Wenn man keine Ahnung hat.... Es würde ja nichts schaden, sich ein wenig mit Schostakowitschs Biographie zu beschäftigen, bevor man ihn als Stalinlobhudeler bezeichnet. Schostakowitschs Filmmusik ist natürlich der anspruchsloseste Teil seines Werks, seine anderen Werke, ebenso wie Bruckner, sind natürlich etwas anspruchsvoller als eine Filmdudelei von Hans Zimmer.
KV491 11.06.2017
3.
Zitat von Bertha H."mit frühem Bruckner und Schostakowitsch" Stelle ich mir grauenhaft vor. Die 5. Symphonie von Bruckner kann man sich anhören, allerdings ohne dass sich neue Aspekte zur Musik ergeben. Wagner´sche Eklektik. Aber die 1.? Die ist doch nichts. Schostakowitsch, den Lobhudler Stalin tue ich mir auch nicht an. Weder früh noch spät. Meines Erachtens hat der recht gute Filmmusik geschrieben, z.B. den Walzer 2. Mit fui Gefui. Aber die 1. Symphonie, leicht atonal: Krampf. Mehr Lärm als Musik.
Jeder blamiert sich, wie er kann. Sie legen die Latte allerdings verdammt hoch.
regula2 11.06.2017
4. naja,
Zitat von KV491Jeder blamiert sich, wie er kann. Sie legen die Latte allerdings verdammt hoch.
,wo er recht hat, hat er recht.
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