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Guttenbergs Live-Zapfenstreich: Abschalten bitte!

Ein Debattenbeitrag von

Das gab es noch nie: Die ARD sendet live den Abschied eines Bundesministers - und reduziert so ihre Zuschauer auf die Rolle von Claqueuren. Hätte Guttenberg wirklich höchste Ansprüche an seine Verantwortung, er würde sich die Übertragung verbitten.

Karl-Theodor zu Guttenberg: Durch die Hintertür Zur Großansicht
REUTERS

Karl-Theodor zu Guttenberg: Durch die Hintertür

Zwei Jahre war er Minister. Am 1. März trat er zurück. Nicht, weil er, wie er zuvor gelegentlich kokettiert hatte, sich ganz lässig einem Leben außerhalb der Politik zuwenden wollte - sondern nach einer Affäre.

Die Bundeswehr verabschiedet Karl-Theodor zu Guttenberg nach einer der kürzesten Amtszeiten in der Geschichte des Verteidigungsministeriums mit einem Großen Zapfenstreich. Das war's, das steht ihm von Amts wegen nun einmal zu, könnte man sagen und sich anderem zuwenden - hätte die ARD nicht an diesem Donnerstagabend um 18.25 Uhr eine Sondersendung ins Programm genommen: "Zu Guttenberg geht" - und zwar live.

Direkt nach den "Tagesthemen" am Mittwoch wurde die Sendung mit einem Trailer beworben, als ginge es darum, einen Blockbuster anzupreisen, ein Ereignis. Auch Phoenix, n-tv und N24 berichten aus dem Berliner Bendlerblock. "Dieses höchste militärische Zeremoniell möchten wir im Programm nicht übergehen", verteidigt der ARD-Sprecher Lars Jacob die Entscheidung.

Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik wurde ein Zapfenstreich für einen Verteidigungsminister live im ARD-Fernsehen übertragen, nicht der für Franz Josef Jung, nicht der für Peter Struck. Was unterscheidet Guttenberg von seinen Vorgängern? Die geplante Bundeswehrreform? Jünger, fotogener ist er, sogar adelig. Auch ist er populärer. "Dem anhaltend großen, auch polarisierenden öffentlichen Interesse an der Person Guttenberg wollen wir gerecht werden", sagt Jacob. Ist das ein Kriterium, das eine Live-Übertragung rechtfertigt? Anders als beim Zapfenstreich für Gerhard Schröder endet keine politische Ära, anders als beim Zapfenstreich für Horst Köhler geht kein Staatsoberhaupt.

Hintertür des Bendlerblocks

Egal, ob als Wirtschaftsminister auf dem Times Square in Manhattan oder als Verteidigungsminister bei Kerner - auf die Kunst der Inszenierung hat sich Guttenberg bestens verstanden. Manches Bild von ihm wirkte sogar ein bisschen zu gestellt, etwa als er sich gemeinsam mit seinem Vater beim Schachspiel fotografieren ließ. Auf dem Brett fehlten die schwarzen Figuren. Kein Foto Guttenbergs allerdings konnte so geschönt sein wie seine Doktorarbeit - die war schließlich in wesentlichen Teilen abgekupfert.

Guttenberg geht nicht als Held. Er hat sich etwas zu Schulden kommen lassen. Sein Doktortitel wurde ihm aberkannt. Es läuft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn.

Wenn die ARD nun das Zeremoniell der Verabschiedung überträgt, erhält Guttenberg jene Macht über die Inszenierung zurück, die er zuletzt verloren zu haben schien. Fackelschein, die Kapelle spielt "Smoke On The Water" - übertragen in die deutschen Haushalte. Bei manchem in der Geschichte der Bundesrepublik Gestürzten dürfte Neid aufkommen: Wenn Rücktritt, dann so! Durch die Hintertür des Bendlerblocks könnte der Ex-Minister nach einem solchen Auftritt eigentlich gleich wieder zurück auf die politische Bühne.

In seiner Rücktrittserklärung hatte Guttenberg von "höchsten Ansprüchen" gesprochen, die er an seine Verantwortung anlege. Nicht nur deshalb, auch der "Demut" wegen, die von deutschen Christdemokraten gern beschworen wird, sollte sich Karl-Theodor zu Guttenberg eine Fernsehübertragung seines Zapfenstreichs verbitten.

Ein Rücktritt wie der Guttenbergs ist kein Event. Die Live-Sendung des daraus folgenden Zeremoniells ist geschmacklos. Das von der ARD ins Feld geführte öffentliche Interesse hätte Hintergrundberichterstattung jederzeit gerechtfertigt. Die Übertragung aus dem Bendlerblock aber dient der neuerlichen Überhöhung eines Politikers, der dann doch viel gewöhnlicher war, als so mancher glauben wollte. Die Zuschauer reduziert sie auf die Rolle von Claqueuren. Als wäre dies nur der nächste Akt eines Polit-Schauspiels: gestürzt - und doch ganz groß.

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insgesamt 404 Beiträge
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1. wieso abschalten
hjka 10.03.2011
es zwingt den Sysop oder den Zuschauer doch niemand zum Einschalten
2. Zappenstreich
JJCoolman, 10.03.2011
Zitat von sysopDas gab es noch nie: Die ARD sendet live den Abschied eines Bundesministers - und reduziert so ihre Zuschauer auf die Rolle von Claqeuren. Hätte Guttenberg wirklich höchste Ansprüche an seine Verantwortung, er würde sich die Übertragung verbitten. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,750121,00.html
Hmm... Wahlkampfhilfe für die LINKE? Es stehen immerhin drei Landtagswahlen an:-)
3. ja, aber...
MasaGemurmel 10.03.2011
Ich stimme der Perspektive des Artikels ja zu... aber wenn icg mich recht entsinne...: Wurde die Verabschiedung von Schröder nicht auch LIVE übertragen? Mich widert es an, wie Guttenberg in der Deutschen Politik "implantiert" und positioniert wird. Gewisse Kreise scheinen ja wie im Delirium darauf zu warten, daß wir einen konservativen CSU-Mann im Kanzleramt haben. USA lässt grüßen. Wann hört das endlich auf?
4. Gutti
mooringman, 10.03.2011
Der Herr zu Guttenberg,seines Zeichens der zur Zeit größte Blender der deutschen Politik,kann 100 Zapfenstreiche haben,ich schaue mir keinen einzigen an!Außerdem gibts Sport zu der Zeit im TV! Welcher ARD Intendant hat das eigentlich ins Programm genommen mit welchem Parteibuch?
5. .
Der Markt, 10.03.2011
Ich hoffe, jetzt ist dann auch mal endlich Schluss mit diesem Schnösel. Es gibt wichtigere Themen.
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