US-Sängerin Halsey "Ich bin immun gegen alles"

Sie ist der Liebling der US-Linken, nun will sie auch den Mainstream umarmen: Halseys neues Album ist eine Romeo-und-Julia-Operette - und eine Metapher für Amerikas aktuelle Beziehungskrise.

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Was Amerika gerade erlebe, sagt Halsey, sei die Endphase einer langen Trennung. "Wir flirten schon so lange mit einer wirklich üblen Mentalität, dass wir kurz vor einem Punkt stehen, an dem es so schlimm ist, dass es einfach nicht mehr geht. Ich hoffe, dass Donald Trump der finale Beziehungskrach ist, der große Streit, an dessen Ende man den anderen nie mehr wiedersehen will."

Halsey heißt eigentlich Ashley Nicolette Frangipane, ist 22 Jahre alt und stammt aus New Jersey. Vor zwei Jahren eroberte sie mit ihrem Debüt-Album "Badlands" die US Charts und wurde zum androgynen, Pixie-Cut-tragenden Poster-Girl des liberalen Amerikas. Freimütig sprach die junge Sängerin über ihre psychischen Probleme, ihre Bisexualität, ihre multiethnische Abstammung von einer Mutter mit italienisch-irisch-ungarischen Wurzeln und einem afroamerikanischen Vater.

In ihrer Musik, einer zu Schroffheit und Bombast neigenden, sehr modernen Spielart elektrifizierter Rockmusik und EDM-Clubsounds, entwarf sie eine apokalyptische Fantasiewelt, in der sie Teenager-Ängste und die Dämonen ihrer bipolaren Störung verhandelte. Ihr Hedonismus und sorglose rich kids parodierender Song "New Americana" ("High on legal marijuana / Raised on Biggie and Nirvana") wurde, ähnlich wie kurz zuvor "Royals" von Lorde, zu einer Hymne für die von Selbstzweifeln und politisch-ökonomischer Unsicherheit geplagten Jugend.

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Halsey: Superheldin des US-Pop

Jetzt erscheint mit "Hopeless Fountain Kingdom" Halseys zweites Album, mit dem sie ihren Status als Popstar einer neuen Generation weiter untermauern wird. Schon als sie letztes Jahr die Gastrolle als Sängerin in "Closer", einem einschmeichelnden Nummer-eins-Hit der Band The Chainsmokers übernahm, wurde deutlich, dass Halsey sich in eine weniger radikale Richtung entwickeln würde.

Folgerichtig dominieren auf ihrem Album nun weichere, wärmere R&B-Sounds und breitwandiger Pop, bei dem die Wuchtigkeit und der Schwulst der Achtzigerjahre und der Industrial-Rock, mit dem sie aufwuchs, mitschwingen. Die "New York Times" zeigte sich in ihrer Album-Rezension bereits irritiert ob der stilistischen Wendigkeit, auch in anderen Medien tauchten Fragezeichen auf. "Who is Halsey trying to be?", überschrieb das "W"-Magazin seine Story.

Die Antwort kennt Halsey, die Lady Gaga als einen ihrer größten Einflüsse nennt, vermutlich auch noch nicht so genau. Aber sie hat eine klare künstlerische Vision, der sie mit mutiger Konsequenz gefolgt ist: Das "Hopeless Fountain Kingdom", angeblich nach einem Brunnen in ihrer New Yorker Nachbarschaft benannt, beschreibt sie als jenseitige Sphäre für alle, die nicht gut genug waren, um in den Himmel zu kommen, und nicht böse genug, um zur Hölle zu fahren.

Dort erzählt sie über 16 Songs hinweg eine alternative Romeo-und-Julia-Operette mit verfeindeten Familien und einem Pärchen in Nöten - ein Actionfilm der Leidenschaft, der sich in den zugehörigen Videoclips an Baz Luhrmanns cooler Kino-Adaption ebenso wie an deftigen Musik-Dramen wie "Streets of Fire" orientiert.

"Es ist wie eine Comic-Version einer realen Beziehung, Gut gegen Böse in einem alternativen Universum", sagt Halsey, die sich selbst als Marvel-Comic-Nerd bezeichnet und Fan des ironisch gebrochenen Superhelden "Deadpool" ist. Als Vorlage diente eine echte Liebesgeschichte, die sie vor Jahren durchlebte: "Ich wollte so dringend mit jemandem zusammen sein damals, aber es fühlte sich an, als würde die Welt untergehen, wenn wir zusammenkommen, weil wir einfach so unterschiedlich waren."

Ihre Obsession ging so weit, dass sie Gefahr lief, Teile ihrer Persönlichkeit zu opfern. Aber letztlich entschied sie sich dafür, sich selbst treu zu bleiben. "Ich bin froh darüber, weil es mir beibrachte, mich aus einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu befreien."

Schon auf "Badlands", sagt Halsey, sei es darum gegangen, ihre eigene Persönlichkeit zu reflektieren. Sie wolle sich nicht nur beklagen, welches Leid ihr andere oder die Welt zufügen, sondern auch analysieren, welche Fehler sie selbst gemacht hat. "Vieles in meinem Songwriting dreht sich darum, mir meine eigenen Schwächen einzugestehen. 'Badlands' behandelte das in Hinblick auf meine geistige Gesundheit; 'Hopeless Fountain Kingdom' erzählt von meinen Unzulänglichkeiten als Liebhaberin."

Die Metapher von der großen Beziehungskrise Amerikas mit Trump als ultimativem Trennungsgrund kommt also nicht von ungefähr, sondern aus der intensiven Beschäftigung mit Liebesdingen, die sie in den letzten zwei Jahren beim Verfassen ihrer neuen Songs durchlebt hat. Die sanfteren, gefälligeren Soul-Anklänge ihres Albums erklärt sie ebenfalls aus ihrem inhaltlichen Konzept heraus: "R&B war schon immer die Referenz, wenn es darum geht, ein Liebeslied zu schreiben, also machte es Sinn, sich diesem Genre zu nähern, wenn es um die große Liebe geht."

"Hopeless Fountain Kingdom" beeindruckt also weniger durch politische Statements, es ist die künstlerische Emanzipation einer jungen Frau, die ihr Repertoire und ihre Talente austestet und erweitert. Halsey schwärmt von Vorbildern wie Gaga oder Rihanna, die mal Pop, mal R&B oder Rock machten, aber durch ihre Stimme, ihre Persönlichkeit oder ihre narrativen Elemente und Themen stets erkennbar blieben. Sie habe in den vergangenen zwei Jahren so üble Beschimpfungen in den sozialen Medien erlebt, "über meinen Körper, meine Familie, meinen Lebensstil, ich glaube nicht, dass man mich noch mit irgendetwas schockieren könnte", sagt sie. "Aber das hat auch etwas Gutes: Jetzt bin ich immun gegen alles!"

Derart abgehärtet, fühlt sie sich fit für die "High-School-Mentalität" der bullies und bitches, die in der US-Gesellschaft zurzeit herrsche. "In Zeiten der Krise", sagt sie, "verwischen die Grenzen zwischen Popkultur und Politik, es wird zu ein und derselben Sache." Jeder Künstler trage Verantwortung, sich seines sozialen Bewusstseins, seiner Authentizität und politischen Haltung zu vergewissern. Es gebe für Entertainer zwei Optionen: "Du kannst dich dafür entscheiden, die Leute davon abzulenken, was gerade passiert. Oder du entscheidest dich dafür, ihre Aufmerksamkeit auf die Probleme zu lenken - und ihnen zu helfen, sie zu überwinden."

Halsey hat sich für die zweite, engagierte Variante entschieden. Aber für sie bedeutet das auch, den Mainstream zu umarmen. "Hopeless Fountain Kingdom", mit seinen von Hit-Lieferanten wie Greg Kurstin (Adele), Lido und Benny Blanco (The Weeknd, Ed Sheeran) produzierten Hymnen, ist ihr charmantes Versöhnungsangebot an ein in Konservative und Progressive gespaltenes Publikum. Und ein beherzter Schritt auf die ganz große Bühne.

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Seite 1
elisa1 04.06.2017
1.
Lady Gaga musikalisch als Vorbild zu haben, sagt schon alles. Die Frau ist zwar eine begnadete Künstlerin, aber das, was sie berühmt gemacht hat, ist einfach nur Discounterware. Furchtbar! Und was Halsay nun so besonders machen soll, erschließt sich mir auch nicht. Fast alles, was heutzutage in die Charts gerät, trieft vor Langeweile und Überproduktion. Dasselbe mit den sogegannten Blockbustern im Kino. Kein Charakter, kein Mut, nichts! Es geht nur noch um Masse und Kommerz! Da lobe ich mir all jene, die Indy bleiben und ihr eigenes Ding machen. Die werden zwar nur auf Soma FM "PopTron" oder "Indy Pop Rocks" gespielt, dafür besitzen sie ihren eigenen Charme, den früher in den 80ern noch fast jeder Künstler besaß. Schlimmer als der momentane Mainstream sind nur noch solche Phänomene wie Trap. Techno und HipHop waren ja schon fürchterliche Einflüsse der Musikgeschichte, aber das übertrifft noch mal alles.
KaroXXL 04.06.2017
2. Traurig
Zitat von elisa1Lady Gaga musikalisch als Vorbild zu haben, sagt schon alles. Die Frau ist zwar eine begnadete Künstlerin, aber das, was sie berühmt gemacht hat, ist einfach nur Discounterware. Furchtbar! Und was Halsay nun so besonders machen soll, erschließt sich mir auch nicht. Fast alles, was heutzutage in die Charts gerät, trieft vor Langeweile und Überproduktion. Dasselbe mit den sogegannten Blockbustern im Kino. Kein Charakter, kein Mut, nichts! Es geht nur noch um Masse und Kommerz! Da lobe ich mir all jene, die Indy bleiben und ihr eigenes Ding machen. Die werden zwar nur auf Soma FM "PopTron" oder "Indy Pop Rocks" gespielt, dafür besitzen sie ihren eigenen Charme, den früher in den 80ern noch fast jeder Künstler besaß. Schlimmer als der momentane Mainstream sind nur noch solche Phänomene wie Trap. Techno und HipHop waren ja schon fürchterliche Einflüsse der Musikgeschichte, aber das übertrifft noch mal alles.
Ich vermute leider das Ende der Fahnenstange ist da noch nicht erreicht. Es wird wohl eher noch beliebiger und austauschbarer, glattgebügelter und gleichgeschalteter werden was den Mainstream in Sachen Filme und Musik angeht. Bis irgendwann auch der Letzte rebelliert...
hausfeen 04.06.2017
3. Pop sucht sich immer mal wieder "frisches" Blut, um nach oben zu gelangen.
Dabei wird die Zerstörung des Spenders billigend in Kauf genommen. So geschehen wie mit Punk, Reggae, Rock (aller Varianten).
cave68 04.06.2017
4.
"ich bin immun gegen alles"... vor allem komplett immun dagegen anständige Musik mit Wiedererkennungswert zu produzieren...ganz zu schweigen von der Allerweltsstimme. Geht es eigentlich nur mir so?Oder warum hören sich so ziemlich alle dieser Mainstream-Sängerinnen fast identisch an?Fast als wäre nicht nur die Musik sondern auch die Interpretin geklont.
paysdoufs 04.06.2017
5. Hilfe ich werde alt... ;-)
Nie gehört den Namen. Zuerst habe ich's darauf geschoben, dass ich auch in jüngeren Jahren um linkspopulistisch angehauchte Musik eher ein Bogen geschlagen habe (meistens zu anstrengend...); aber in Anbetracht der Lobeshymne von Herrn Borcholte habe ich natürlich trotzdem auf das Video zu "Now Or Never" geklickt... Was soll ich sagen? Für mich austauschbare Massenware :-( Taylor, Miley oder Katy lassen grüssen (wobei erstere wenigstens von Ryan Adams gecovert wird und letztere immer mal wieder optisch unterhaltsame Videos abliefert).
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