Hamburger Songwriter Nils Koppruch ist tot

Hamburg trauert um einen seiner besten Songwriter: Nils Koppruch, ehemals Sänger der Folk-Noir-Band Fink, ist im Alter von 46 Jahren gestorben. Zuletzt hatte der Musiker und Maler ein Album mit seinem Freund und Kollegen Gisbert zu Knyphausen veröffentlicht.

Künstler und Sänger Nils Koppruch: "Umrankter Großstadtcowboy"
Grand Hotel van Cleef/ Andreas Hornoff

Künstler und Sänger Nils Koppruch: "Umrankter Großstadtcowboy"

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Hamburg/Berlin - "Ich sing vor deinem Fenster, und der Regen lässt nicht nach/ Und eine Stimme ruft von oben: Falsches Fenster, falscher Tag", sang Nils Koppruch 2010 in seinem Lied "Die Aussicht". Damals hatte der Hamburger Musiker und Songwriter gerade sein zweites Soloalbum "Caruso" veröffentlicht, eine durchaus launige, sehr burleske Platte. Doch selbst wenn er sich zuletzt in seinen Texten immer mehr Lebensfreude zutraute, eine grundsätzliche Melancholie, ein lakonisches Hadern mit dem Schicksal blieb seinen Liedern stets zu eigen. Am Mittwoch ist der Hamburger Musiker im Alter von nur 46 Jahren verstorben, wie SPIEGEL ONLINE von Mitgliedern seiner aktuellen Band erfuhr. Die Hansestadt trauert um einen ihrer besten Songpoeten.

Nils Koppruch kam erst spät zur Musik. Als Zivildienstleistender jobbte er in einem linken Kinderladen, machte eine Ausbildung zum Koch und sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Den Hamburger Kiez, den Stadtteil St. Pauli und die Reeperbahn, in deren unmittelbarer Nähe er wohnte, nannte er seine Heimat, dort unterhielt Koppruch auch ein kleines Atelier, wo er unter dem Pseudonym SAM seine inzwischen in der alternativen Kunstszene sehr gefragten Gemälde und Skulpturen ausstellte und zum Verkauf anbot. Erst vor wenigen Wochen hatte Koppruch zusammen mit seinem Freund und Kollegen Gisbert zu Knyphausen das erste Album ihrer gemeinsamen Band Kid Kopphausen veröffentlicht.

Mitte der Neunziger hatte Koppruch die Band Fink (Englisch: Verräter) gegründet, um seine Version amerikanischer Volksmusik zu spielen. 2005 löste sich die Gruppe nach sieben vielfach bestaunten und bejubelten Alben auf, Koppruch machte kurz darauf als Solo-Künstler weiter. Johnny Cash habe ihm die Augen darüber geöffnet, dass Country-Musik "nicht gleich Roger Whittaker" sei, sagte er einmal der "Zeit". Es waren vor allem Koppruchs poetische Texte, die Finks Musik zu einer zauberhaften Übersetzung amerikanischer Folklore in eine ganz eigene, schwarz und geheimnisvoll schimmernde deutsche Volksmusik machten. Johnny Cash trifft E.T.A. Hoffmann.

Das Loch in der Welt

In Koppruchs Liedern ging es oft um die Weiten der Welt, die mit den Nickeligkeiten des Alltags kollidierten. Von großer Euphorie stürzten diese Lieder manchmal binnen weniger Verse in tiefste Traurigkeit: "Jeder Tag ruft deinen Namen/ Ich wünsch' Glück an allen Tagen/ Nichts ist besser als eine Liebe auf der Welt/ Kirschen gibt's an Sommertagen nur, solang die Bäume tragen/ und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt", sang er 2010 in "Kirschen".

Koppruchs Kunst als Songwriter bestand darin, der Schmalzigkeit, die der Schwermut stets innewohnt, mit trockenem Scherz zu begegnen. Dem Americana-mythischen Teufel an der Straßenkreuzung lachte er mit verwegenem Blick ins Gesicht: "Ich hab das Loch in der Welt gesehen/ Ich hab reingeschaut/ Jetzt weiß ich, wo sie den Tag andrehen/ Und wer die Stunden zerkaut", sang er in einem der frühen Fink-Songs.

Koppruch wehrte sich stets dagegen, zu viel Persönliches, Biografisches in seine Texte hinein zu interpretieren, er verstand sich als Geschichtenerzähler, als "umrankten Großstadtcowboy", der den Leuten auch mal einen vom Pferd erzählt. Songs zu schreiben, sagte er der "Welt", sei für ihn eine Art Notwehr, "etwas, das ich machen muss, um mir die Welt griffig zu machen".

Dabei sog er die Welt förmlich in sich auf. Wer Koppruch im Hamburger Nachtleben begegnete, konnte sich mit ihm über Gott und die Welt unterhalten. Sein Wissen war frappierend, seine Neugier schier grenzenlos. Was er nicht verstand, wollte er sich erarbeiten. So konnte es vorkommen, dass man mit ihm bis in den frühen Morgen zusammensaß, viel Gras rauchte und ihm Freejazzplatten vorspielte - obwohl er Freejazz eigentlich blöd fand.

Gleichzeitig schien Koppruch ständig zu arbeiten. War er nicht im Studio oder auf Tour, malte er in seinem Souterrain-Atelier auf Hamburg-St.-Pauli. Seine rustikal-geheimnisvollen Panoramen fertigte er bei Bedarf in schneller Taktung an. In Summe dürften über die letzten zehn Jahre mehrere tausend SAM-Kunstwerke entstanden sein.

Nils Koppruch ist in der Nacht zu Mittwoch in seiner Hamburger Wohnung gestorben. Die Todesursache ist derzeit noch nicht bekannt. Er hinterlässt eine Ehefrau und einen kleinen Sohn.

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insgesamt 19 Beiträge
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ExLondonerin 11.10.2012
1. Sehr schade
Nils Koppruch war ein hervorragender Musiker und großartiger Songwriter. Hatte mich sehr darauf gefreut, ihn gemeinsam mit Gisbert zu Knyphausen im November beim RSW zu sehen. Ein große Lücke ist entstanden!
noalk 11.10.2012
2. Traurig
Etliche seiner Lieder haben Gänsehautpotential. rip
JaWeb 11.10.2012
3. Sehr traurig
Ich habe den lakonischen Hamburger Liedermacher sehr geschätzt. Möge er in Frieden ruhen. Seinen Hinterbliebenen und Freunden wünsche ich viel Kraft in diesen schweren Stunden.
majorfabs 11.10.2012
4. mmh
"... im Alter in seiner Hamburger Wohnung gestorben." Mensch, und das bei so einer Nachricht...
wohe1 11.10.2012
5. Soo schade...
... um einen eigenständigen, liebenswerten und originellen Künstler und für seine Familie und Freunde.. Er wurde übrigens nicht einmal 47 Jahre alt (geb. 1965) http://nilskoppruchsupport.wordpress.com/ RIP
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