Hamburgische Staatsoper: Leonore leidet im falschen Film

Von Werner Theurich

Großes Kino in der Hamburgischen Staatsoper: Star-Regisseur Hans Neuenfels tauchte Beethovens einzige Oper "Fidelio" fast komplett in eine filmische Schwarzweiß-Ästhetik. Das wurde ein Drahtseilakt mit heftigen Turbulenzen.

Neuenfels-"Fidelio" (mit Christian Baumgärtel als Jacquino): Theatralischer Blow-up des gelebten Lebens
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Neuenfels-"Fidelio" (mit Christian Baumgärtel als Jacquino): Theatralischer Blow-up des gelebten Lebens

Licht aus, Film an: "Fidelio" prangte in weißen Lettern auf dem Vorhang der Hamburgischen Staatsoper, gefolgt von klassischen Anfangstiteln, und von Beginn an wähnte man sich beim unterkühlten, hochsmarten Autorenkino. Ludwig van Beethovens "Fidelio", unter erheblichen kreativen Schmerzen mit drei Fassungen geboren und erst 1814 zum Erfolg geworden, bietet allerdings auch besten Filmstoff. Der zu Unrecht eingekerkerte Rebell Florestan, Opfer einer Intrige, von der geliebten Frau befreit, die sich als Mann verkleidet ins Gefängnis einschlich und en passant noch das Herz der Schließertochter verwirrt: zuverlässiges Material.

Doch Regisseur Hans Neuenfels, 62, Bühnenveteran, Nachdenker und skandalgestählt, macht bei seinem Hamburger Operndebut aus dem in Spanien angesiedeltem, griffigen Politszenario keine platt aktualisierte Terror-Plotte. Er wirft den Stoff zurück auf die Leidenschaft, die Besessenheit und die immanente Enttäuschung, die allen emotional getriebenen Kämpfen oft schon als Keim innewohnt. Wir steigen nicht empathisch hinab ins Tal der Leiden, vielmehr werden die Verwerfungen und Eruptionen eine Etage höher ausgestellt - als bewusst theatralischer Blow-up des gelebten Lebens.

Grelle Broadway-Lichtattacke

So ist die Wohnung des Gefängnisdirektors Rocco eher vom diskreten Charme der Bourgeoisie durchzogen als von der naturalistischen Ärmlichkeit des subalternen Erfüllungsgehilfen. Aufstieg und Veränderung des skeptischen Terror-Knechtes deuten sich schon an. Ein Art-deco-Spanien mit akkurat beschürzten Dienstmädchen, edelhölzernen Tischen und Stühlen, eingehüllt von mehreren großen Rahmen, die nach und nach zu illuminierten Flächen mit greller Broadway-Licht-Attacke werden. Immer schön Schwarzweiß, immer äußerst stylish, denn dieses Drama von der Gattenliebe wird präsentiert, nicht ausgespielt.

Es sind Ideen, Energien und Entwürfe, die Neuenfels faszinieren, und mit denen er nach Lust und Laune spielt. So wie Marzelline, die verliebte Tochter des Knastchefs Rocco, mit ihrem riesigen Hund herumtollt, der von einem drahtigen und ausdrucksvollen Mitglied des opulenten "Bewegungschores" gespielt wird, eines in Hamburg stets gepflegten Instrumentes der Bühnendramaturgie. Dieses wohl austarierte Team spielt die Protagonisten häufig an die Wand, ob als Stellvertreter-Ballett die Gesellschaft, den Klerus oder das Unterbewusstsein: immer präsent, oft dominant, meistens überdeutlich in der Symbolik. Eben wie im richtigen Leben.

Distanzierende Zwischenwelt

Falk Struckmann, M., als Pizarro: Weiß geschminkter Tyrann
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Falk Struckmann, M., als Pizarro: Weiß geschminkter Tyrann

Die singspielhaften Zwischendialoge der Oper hat Hans Neuenfels gleich in eine distanzierende Zwischenwelt verlagert und lässt sie aus dem Off sprechen. Allerdings so exaltiert und deklamatorisch, dass man sich mal wieder im Kintopp wähnt(oder im TV bei den "Vätern der Klamotte" mit Hans-Dieter Hüsch, während der weiß geschminkte Tyrann Don Pizarro und die liebende Leonore/Fidelio grimassierend die Pantomime von Gewalt und Leidenschaft zelebrieren. Und dazu marschiert die Zinnsoldaten-Armee des Terrorherrschers auf: Keine Chance für edle Freiheitskampf-Euphorie, zu blechdosenhaft die Pose und die silbrige Spielzeug-Ausstattung.

Der Gefangenchor darf dann wenigstens multikulturell dekoriert demonstrieren, was Inhaftierte aller Ländern vermeintlich vereint: die ferne Geliebte. So tragen die Inhaftierten in der bewegenden Hofszene jeweils eine Papp-Kameradin ihrer Herzensdame mit sich herum - eine hinreißende Comic-Parade prototypischer Delinquenten, wie sich vielleicht die "Titanic"-Redaktion eine Amnesty-International-Anzeige wünscht.

Gezielter Bruch

Paradox: Trotz so viel Skepsis vor dem Stoff zoomt Regisseur Neuenfels den Kern des "Fidelio" präzise heran: Die "Namenlose Freude" des illusionistischen, oft kritisierten und bunt interpretierten Happyends, löst er als Idee und Frage aus der Handlung heraus, lässt sie im Jubel-Duett von Florestan und Leonore auf der Bühne "konzertant" mit Notenpult und gewechselten Kostümen darbieten. Noch ein gezielter Bruch, der jedoch nahtlos zu den verschiedenen Darstellungsebenen zuvor passt.

Sogar die hochoffizielle Rettung des Paares gelingt mit Hilfe von Neuenfels' differenzierter "Fidelio"-Deutung: Der unlogisch-läppische Schluss mit dem Minister und Retter Don Fernando gewinnt eine komödiantische und satirische Ebene durch die plötzliche Verständigung zwischen dem Politiker und seinem abtrünnigen Untergebenen. Florestan jedoch kann sich an dieser Harmonie nicht mehr freuen: Er verlässt das Gefängnis als gebrochener, kranker Mann im Rollstuhl, seine Geliebte Leonore fand nicht den Mann, den sie suchte. Freude nur bei allen anderen, die nicht so viel riskierten.

Praller Thriller

Bei so viel Doppelbödigkeit blieben Dirigent Ingo Metzmacher und sein Orchester bei ihren Leisten und betonten die zackig-treibenden Tutti in einem kompakten, druckvollen Sound, bei dem die Solostellen oft reichlich wackelten. Doch der Drive des Philharmonischen Staatsorchesters passte sich der kompakten Bühnenstrategie des Regisseurs glänzend an.

Die international gefeierte Susan Anthony bot eine kraftvolle, allerdings wenig emotionale Leonore, viel kalte Schönheit in ihrem strengen Hosenanzug, doch die Entschlossenheit der mutigen Dame nahm man ihr restlos ab. Sie konnte auch mit dem doppelten Boden ihrer Rolle hervorragend umgehen, litt lustvoll und voller Verve im falschen Film und schien es zu genießen.

Ihr Florestan Hubert Delamboye litt ebenso überzeugend, ließ aber Volumen in der Höhe vermissen und bellte sich etwas zu aggressiv zur Erlösung. Die komödiantische Marzelline von Aleksandra Kurzak spielte am konventionellsten, machte aber gerade deswegen am meisten Spaß - zumal ihr kristallklarer Sopran einfach wunderbar alle Facetten der Rolle zum klingen brachte. Hans-Peter Königs Rocco sang und spielte solide, verlässlich und machtvoll: ein rundes Vergnügen.

Es war ein bizarrer, aber spannender "Fidelio", bei dem es gelang, giftige Satire, Nachdenklichkeit und die Untiefen der Handlung durchaus schlüssig zu einem prallen Thriller zu formen. Die Darsteller hatten dabei manchmal etwas zu kämpfen, doch die Regie hielt alles beieinander. Nicht ganz verständlich blieb, weshalb Hans Neuenfels vom Premierenpublikum so wütend ausgebuht wurde. Aber so war's dann auch für den Skandalgewöhnten ein bisschen großes Kino: Da sind die Bösen auch immer interessanter.

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