Pop-Trend Hardvapour Wenn Briten sich als Osteuropäer tarnen

Globalisiert, apokalyptisch, extrem tanzbar: Hardvapour vereint Industrial-Techno und Goth-Romantik - und ist die Musik der Stunde. In seinem neuen Buch seziert Jens Balzer aktuelle Pop-Entwicklungen. Ein Gastbeitrag.

Menschen im Klub, hart gewordener Dampf
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Menschen im Klub, hart gewordener Dampf


Zur Person
  • Sven Marquardt
    Jens Balzer, Jahrgang 1969, ist einer der profiliertesten Pop-Kritiker Deutschlands. Er ist Vize-Ressortleiter im Feuilleton der "Berliner Zeitung" und Kolumnist für den "Rolling Stone" sowie für den RBB-Sender radioeins. In seinem so analytischen wie unterhaltsamen Buch "Pop" entwirft er ein Panorama gegenwärtiger musikalischer Entwicklungen - vom Niedergang maskulin definierter Rockmusik über Noise-Exzesse und Berghain-Techno, queeren Pop und digitalen Feminismus bis hin zu Helene Fischer.

Die Party neigt sich ihrem Ende entgegen, das eben noch schlechtgelaunt tanzende Volk will bereits mit bleiernen Köpfen und leeren Augen aus dem Klub in den nebligen Morgen zu taumeln beginnen, zurück in die verwüstete Stadt. Aber der DJ steigert nun noch einmal das Tempo, lässt die Bässe ein letztes Mal mächtig brummen und schwanken und prügelt die metallisch scheppernden, verzerrten Beats zum Schluss besonders kraftvoll und laut in die Ohren und die Körper seiner Hörer hinein.

Manchmal hört man auch zarte Soundblüten in dem grobianischen Krach blühen: eine wehmütig wirkende Melodie von einer Balalaika oder einer Geige, die in dem Klangdurcheinander klagend vergeht; ein Akkordeon, das betrübt eine ostukrainische Volksweise schnauft, die sich mit der Vergänglichkeit allen Lebens befasst.

So oder so ähnlich klingen die Lieder, die jetzt unter dem Namen Hardvapour kursieren. Hardvapour ist die Musik der Stunde; der spannendste, hitzigste, umstrittenste Sound, den der Pop in dieser Saison hervorgebracht hat. Hardvapour ist globalisiert und apokalyptisch, hoch tanzbar und extrem destruktiv; er paart die neblig-verwehte Ästhetik des letzten Goth- und Romantik-Revivals mit der Aggressivität und den verzerrten Do-it-yourself-Klängen von Industrial Techno und Punk. Die Hardvapour-Produzenten tragen Namen wie DJ Alina, Krokodil Hunter oder DJ Vlad; Letzterer hat dem Genre mit seinem Mixtape "Hardvapour" im Frühjahr die erste umfassende Leistungsschau gestiftet.

Erschienen ist das Werk - selbstverständlich nur als Download oder Musikkassette erhältlich - auf dem Antifur Label, das seinen Sitz angeblich im ukrainischen Mykolajiw hat und von DJ Vlad unter seinem bürgerlichen Namen Vladyk Predovitch betrieben wird.

Auch dieser bürgerliche Name ist aber vermutlich erfunden; viel spricht dafür, dass es sich bei Vladyk Predovitch wiederum um ein Pseudonym des Londoner Produzenten Wolfenstein OS X handelt, der in den vergangenen Jahren als prägender Protagonist des Vaporwave-Genres bekannt wurde.

Die Feier der Langsamkeit und die Sehnsucht nach Geistern

Im Dezember 2015 entwarf er mit seinem Album "End of World Rave" die Blaupause für den neuen Hardvapour-Sound: ein bunter Reigen brutalistisch bratzender Tracks, nicht unähnlich dem maskulinen Hooligan-Techno aus der Gabber-Szene der Neunzigerjahre. "Feel-bad rave-music on shitty drugs", hat der britische Kritiker Matt Broomfield den Klang beschrieben. Tatsächlich sind die Songs auf der Platte durchweg nach rauscherzeugenden Substanzen benannt, aufsteigend geordnet nach Intensität und Gesundheitsgefährdung: Es beginnt mit "Alkohol", "Cannabis" und "Kokain" und endet beim "Krokodil", der aktuellen Lieblingsdroge der depravierten russischen Vorstädtejugend. Danach kommt dann nur noch "Armageddon", als letztes Lied.

Nicht nur DJ Vlad ist ein falscher Osteuropäer; ähnlich verhält es sich - soweit wir das wissen - auch mit DJ Alina, Nadya Draghici, Flash Kostivich und den anderen Hardvapour-DJs. Der neueste Trend aus dem Internet-Underground wird also von britischen Produzenten bestimmt, die sich als DJs aus Russland, Rumänien und der Ukraine ausgeben und eine möglichst billig erscheinende apokalyptische Tanzmusik pflegen. Das ist einerseits albern - und andererseits toll, gerade weil es so albern ist.

Noch toller ist, wie elegant der Hardvapour alle einander scheinbar widersprechenden Tendenzen der Popmusik der vergangenen Jahre ineinander zu verschränken versteht. Die Feier der Langsamkeit und die Sehnsucht nach Geistern und ihrem Jenseits, die das Hippie- und Goth-Revival der Nullerjahre prägten, findet sich hier ebenso wie die ganz metaphysikfreie Hyperbeschleunigung des neuesten Digital-Natives-Pop von Hannah Diamond und den mit Schlumpfstimme quietschenden Avataren des PC-Music-Labels.

Zurückverfolgen lässt sich die Genealogie des Hardvapour bis zu dem Genre, das Ende der Nullerjahre unter dem Namen Witch House firmierte; dabei handelte es sich um den ersten Underground-Pop, der unter den Bedingungen der damals noch neuen sozialen Netzwerke und vor allem von YouTube entstand.

Notorisch waren die 800%-slower-Versionen, die Witch-House-Produzenten wie Shamantis oder Mater Suspiria Vision etwa von Justin-Bieber- oder Katy-Perry-Stücken erzeugten; aus flotten Teenie-Hits wurden durch achtfache Verlangsamung schwer verhallte Ambient-Epen mit winselndem und flehendem Geistergesang. Gegen das immer höher werdende Tempo des digitalen Turbokapitalismus und den alles ausleuchtenden Performance-Zwang neuer Selbstinszenierungsmedien wie Facebook wurde hier auf extreme Entschleunigung, Anonymität und jenseitige Entkörperlichung gesetzt.

Letzte Drehung an der dialektischen Schraube

Diese Ästhetik der Metaphysik 2.0 und der neuen Müdigkeitsgesellschaft fand sich auch noch im Vaporwave wieder, der Anfang der Zehnerjahre aus dem Witch House entstand. Auch hier war der vorherrschende musikalische Effekt der verwischende Hall; bloß kamen die unscharfen Klänge nicht mehr aus dem Jenseits der murmelnden Geister, sondern von der dunklen Seite der globalen Datenströme und -archive. "Far Side Virtual", das Jenseits des Virtuellen, hieß denn auch das gattungsdefinierende Album von James Ferraro aus dem Jahr 2012.

Er modellierte aus dem Daten- und Klangmüll des Internets nervös-glitzernde Miniaturen, die stets kurz vor dem Umschlag in eine geschlossene Form wieder verdampften - also: "vaporisierten". Sounds aus nicht mehr gängigen Betriebssystemen trafen auf die käsigen Keyboardgeräusche älteren japanischen Schlagers; die universale Verfügbarkeit aller möglichen Klänge im sich unentwegt blähenden Gedächtnis des Internets wurde von Ferraro in die paradoxe musikalische Ruhe einer sich selbst überholenden Raserei versetzt.

Hardvapour ist die logische Konsequenz aus dieser Entwicklung, eine letzte Drehung an der dialektischen Schraube. Vom Witch House übernimmt er die Apokalyptik und das Endzeitgefühl, vom Vaporwave die Ästhetik der Globalisierung, die jeden popmusikalischen Stil und Sound aus jeder Epoche von jedem Ort auf der Welt jederzeit verfügbar macht und damit jede musikalische und menschliche Identität absolut austauschbar erscheinen lässt.

Dass die Hardvapour-Künstler ihre "echten" Identitäten nicht mehr hinter Masken oder Avataren verbergen - wie in der Pop-Avantgarde der vergangenen Jahre üblich -, sondern hinter osteuropäischen Pseudonymen, ist ihnen bereits als kulturimperialistische Anmaßung vorgeworfen worden, nach dem Motto: Reiche weiße Kids maskieren sich als Menschen aus armen, undemokratischen oder gar bürgerkriegsgeplagten Staaten, um auf diese Weise interessanter zu wirken.

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Man kann es aber auch gerade andersherum sehen: Produzenten aus einer traditionellerweise weltbeherrschenden Popnation verwischen ironisch ihre eigenen Traditionsspuren, um der letzten Konsequenz der Globalisierung zu huldigen: dass wir in einer Welt ohne Zentrum angelangt sind, in der die interessanteste Musik jederzeit an jedem beliebigen Ort in der scheinbar entlegensten Peripherie zu entstehen vermag.

Was eben gerade nicht heißt - wie man es in der Ära der Digital Natives und des Post-Internet-Pop schon zu denken begann -, dass reale Orte für die Kunst keine Rolle mehr spielen: Jeder Datenstrom, jeder Ausdruck des Virtuellen führt zurück zu einem lebendigen DJ, der unter nicht-virtuellen, nicht-globalisierten Alltagsbedingungen arbeitet und lebt. So feiert der Hardvapour - zu Deutsch etwa: der hart gewordene Dampf - nicht mehr die Wonnen des Virtuellen und des Vaporisierten, sondern die Härte und das Glück der realen Konkretheit. Denn Internet-Ästhetik hin oder her: Am Ende des Tages geht es ja doch nur darum, in einem Klub die Leute zum Tanzen bringen, so elend die Verhältnisse drumherum auch eventuell sind.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
blurps11 23.07.2016
1.
Wieviel Euro gab's denn für diese Buchbewerbung ?
frenchie3 23.07.2016
2. Also, die Musik an sich
kenne ich seit den 60ern. Meine Eltern hatten noch so ein Röhrenradio, da kam das immer auf Langwelle wenn kein Sender eingestellt war. Und es gibt Leute die Bücher darüber kaufen? Die Welt wird immer seltsamer
blitzunddonner 23.07.2016
3. es gibt nicht viele bücher über musik, die nicht floppen.
es gibt nicht viele bücher über musik, die nicht floppen. aber jede computer-, fernseh- oder videozeitung schafft es, eine wertsteigernde cd beizulegen. dann hülfe auch die rezension in spon dem armen buch.
cmontaigne 23.07.2016
4. Banalität
Es fehlt der Hinweis auf die unbeschreibliche Banalität dieser Musik. Ich frage mich, warum Spon dieser fragwürdigen Ansammlung von Lärm und Samplerfetzen so viel Platz einräumt.
SichtausChina 24.07.2016
5. Rammstein ?
Industrial electro gepaart mit metal und goth aesthetic, das war die post-goth szene der 90er doch auch, spaeter machten bands wie Rammstein damit den grossen durchbruch..
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