Jazzinstrument Scharfe Harfe

Mit Harfen können Musiker Säuselmusik produzieren. Müssen sie aber nicht: Denn das schwere und schwierige Saiteninstrument eignet sich auch für unsentimentalen Jazz, wie neue CDs zeigen.

Lena Semmelroggen

"Swingende Harfen sind die weißen Raben im Jazz- und Pop-Instrumentarium", heißt es im Begleittext einer LP von 1960. "Rar wie Wasser in der Wüste" seien Musiker wie Jonny Teupen. Dessen Platte "Harpadelic" ist gerade als CD-Reissue erschienen, in einer Zeit, in der das 5000 Jahre alte Instrument endlich seinen Platz im Jazz gefunden hat.

Das beweist etwa eine Harfenistin in der mit Echo-Preisen ausgezeichneten Gruppe Quadro Nuevo, im Berliner Andromeda Mega Express Orchestra und im Quintett des schwedischen Saxofonisten Magnus Lindgren. Oder der aus Kolumbien stammende Harfen-Virtuose Edmar Castaneda, der als Stargast zu Jazzfestivals in aller Welt reist. Das dänische Trio Blue Lotus mit Tine Rehling an der Harfe bringt am 24. Oktober seine neue CD auf den Markt. Schon 2013 erschien das Debütalbum der Deutschen Kathrin Pechlof mit ihrem Trio.

Pechlof steht für eine Generation von Künstlerinnen jenseits des Klischees vom Harfen-Engel, der mit plätschernden Glissandi und perlenden Läufen romantische Klangtapeten zaubert. Die Spielweise der jungen Harfinistinnen ist dagegen unsentimental, manchmal geradezu trocken und scharf. Eher Rache- als Rauschgoldengel.

Die Elektrifizierung des Traditionsinstruments

Die gebürtige Münchnerin Pechlof studierte Harfe am dortigen Richard-Strauss-Konservatorium und später Jazzkomposition in Köln. Sie trat als Solistin auf, spielte in Kammermusik-Ensembles. In Berlin, wo Pechlof inzwischen lebt, wurde sie Mitglied des avantgardistischen Cosmic Groove Orchestras, eines Quartetts in der Besetzung Gitarre, Harfe, Bass und Drums. Im Trio mit dem Altsaxofonisten Christian Weidner und dem Bassisten Robert Landfermann leitet sie nun erstmalig selbst eine Gruppe. Dabei betont Pechlof, dass die drei "in fast allen Improvisationen wie ein Meta-Instrument agieren", es gäbe "selten einen expliziten Solisten".

Die Geschichte der Jazzharfe begann vor über 50 Jahren. Damals versuchten die studierten Pianistinnen und Harfenistinnen Dorothy Ashby und Corky Hale, das Instrument im Jazz zu etablieren. Später nutzte die Multiinstrumentalistin Alice Coltrane die Harfe für Meditationen. Die exzentrische Tonkünstlerin Zeena Parkins elektrifizierte das Traditionsinstrument. Der am Rande des Jazz agierende Schweizer Harfinist Andreas Vollenweider wurde weltbekannt als New-Age-Musiker. Perkussiv jazzig musiziert dagegen Edmar Castaneda.

Pechlof bewundert den 36-jährigen Castaneda, der nicht wie sie aus der Klassik kommt, sondern aus der Folklore. Castaneda spielt auf einer traditionellen kolumbianischen Harfe. Die ist leichter als die übliche Konzertharfe, die über 40 Kilo wiegt, 1,80 Meter hoch ist, 47 Saiten und sieben Pedale hat - unsichtbar für das Publikum ist Harfespielen Knochenarbeit. Dennoch liegt der Frauenanteil in den Harfeklassen an den Hochschulen bei 100 Prozent. Weshalb beherrschen so viele Frauen also das Instrument? "Weiß ich nicht", antwortet Kathrin Pechlof, "das müssen Sie die Männer fragen."


CD-Angaben: Jonny Teupen: Harpadelic (MPS) Teil der 25-CD-MPS-kulturSPIEGEL-Edition, als Einzel-CD erhältlich; Kathrin Pechlof: "Imaginarium" (Pirouet); Blue Lotus: "Seven Continents" (Stunt). Ab 24. 10. erhältlich.

Vinyl-LP: Edmar Castaneda & John Locke: "Colibri" (Edition Longplay)



insgesamt 3 Beiträge
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IGEL-SPONLINE 11.10.2014
1. Ach Du liebe Zeit ...
"Weshalb beherrschen so viele Frauen ... das Instrument? "Weiß ich nicht", antwortet Kathrin Pechlof: 'Das müssen Sie die Männer fragen.'" ... seit über 40 Jahren verschafft Andreas Vollenweider diesem Instrument in unnachahmlicher Weise Gehör (und widerlegt damit das Klischee). Noch Fragen, Frau Pechlof, Herr Hielscher?
fortyplus 12.10.2014
2. Marie Antoinette...
...brachte die Harfe an den französischen Hof. Seitdem wird das Bild des "Harfenengels" gehegt und gepflegt. Es ist - nicht nur bei der Harfe - mehr als seltsam, dass Musikinstrumente so mit geschlechtsspezifischen Klischees belegt werden. Was wohl die alten Barden dazu gesagt hätten...?
fortyplus 12.10.2014
3. Marie Antoinette...
...brachte die Harfe an den französischen Hof. Seitdem wird das Bild des "Harfenengels" gehegt und gepflegt. Es ist - nicht nur bei der Harfe - mehr als seltsam, dass Musikinstrumente so mit geschlechtsspezifischen Klischees belegt werden. Was wohl die alten Barden dazu gesagt hätten...?
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