Debüt-Album von Harry Styles A Bigger Bang

In der Boyband One Direction sang er Teenager um den Verstand. Nun hat Harry Styles sein erstes Soloalbum veröffentlicht - und spielt darauf Rockmusik, die auch den Vätern gefallen dürfte.

Jamie-James Medina/ Sony Music

Harry Styles kann jetzt fliegen. Im Video zu "Sign Of The Times" steht der Brite zunächst im matten Grasland der schottischen Insel Skye. Im dunkelblauen Gucci-Mantel blickt er in den grauen Frühabendhimmel, bis nach einer guten halben Minute seine schweren Stiefel erstmals den Kontakt zum Boden verlieren. Ein paar Sekunden später hebt er endgültig ab, steigt nach oben, schwebt immer höher, blickt verwundert auf Wipfel, Gipfel, Meer.

Der Song selbst ist eine Powerballade aus dem Lehrbuch: Was mit ein paar Klaviertönen beginnt, mit zarten Streichern und Styles Gesang, der nach einer Weile brüchig in die Kopfstimme wechselt, gewinnt rasch an Körper. Das ist eine gelernte Popstruktur, die in vielen Songs vorkommt; etwa in "Don't Look Back In Anger" von Oasis, Robbie Williams' "Angels", und natürlich "Hey Jude" und John Lennons "Imagine". Sie wurde lange nicht mehr so clever umgesetzt wie in "Sign Of The Times".

Nun ist Styles' erstes Album erschienen. Nicht alle Songs können die Grandezza von "Sign Of The Times" halten, aber sie haben eins gemein: Styles und sein Produzent Jeff Bhasker arbeiten mit Mitteln, die mit der Gegenwart herzlich wenig zu tun haben, sondern an verschiedensten Spielarten angloamerikanischer Rockmusik andocken, deren Wurzeln mindestens 20, manchmal über 40 Jahre in der Vergangenheit liegen

"Carolina" kreuzt Stealers Wheels 1973 aufgenommenen Hit "Stuck In The Middle With You" mit Mittneunziger-Britpop der Blur-Schule. "Ever Since New York" könnte man sich gut von Travis-Mann Fran Healy gesungen vorstellen, der Refrain ist dann doch eher Fleetwood Mac. Und im abschließenden "From The Dining Table" muss man an den angezauselten Folk von Künstlern wie Devendra Banhart oder M. Ward denken. Nur in der Mitte des Albums wird es albern, die Lehre, die man aus Liedern wie "Only Angel" und "Kiwi" ziehen kann: Den entfesselnd riffrockenden Macker nimmt man Styles nicht ab.

Das spielt aber keine große Rolle. Viel interessanter ist, wie Styles sich mit seinem Album gegen die zuletzt gelernten Prinzipien der Popmusik stellt. Egal ob Drake, Justin Bieber oder Calvin Harris, egal ob Ed Sheeran, Justin Timberlake oder Beyoncé: Der Sound, der die aktuellen Charts dominiert, funktioniert weniger über den jeweiligen Song an sich, als über die Atmosphäre und greift dafür fast immer auf elektronische Grundierungen zurück.

Dad-Rock als L ösung

Ausgerechnet jetzt mit einem Album zu kommen, bei dem am besten der etwas despektierliche Begriff "Dad-Rock" greift, klingt zunächst nach einem Himmelfahrtskommando. Die betonte Verankerung des neuen Klangbilds in der Vergangenheit ist aber ein Schachzug, den sich Styles und Bhasker, der in den letzten Jahren mit Bruno Mars, Rihanna, Beyonce und Lana Del Rey arbeitete, gut überlegt haben dürften.

Mit One Direction operierte Harry Styles schließlich nah am Verfallsdatum, denn die Zeitspanne, in der eine Boyband wirklich funktioniert, ist begrenzt. Jede Pubertät hat ihren Soundtrack, und mit ihrem Ende schlafen auch Hysterie und Hingabe der Fans ein. Irgendwann sind sie aus dem Alter heraus, in dem sie sich mit Zuckermelodien um den Verstand singen lassen wollen. One Direction wurden 2010 in der britischen Castingshow "The X Factor" zusammengestellt und waren gute fünf Jahre aktiv, in etwa so lange wie Take That in ihrer ersten Phase. 2015 verkündeten sie jene "Pause", in der sie sich nun befinden. Vieles spricht dafür, dass sie endgültig sein wird.

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Bizarrer Mick-Jagger-Fetisch

Harry Styles baut sich nun seine eigene Welt - und bedient sich zahlreicher Kniffe. Früh umwehte ein diffuser Nimbus der Authentizität seine Musik: Nicht näher benannte "Insider" steckten dem britischen "New Musical Express" schon im März, die Platte würde nach David Bowie und Queen klingen. Father John Misty, der aktuell wichtigste Popstar Amerikas, twitterte ebenfalls im Frühjahr, das Album sei "f***in' insane".

Styles selbst pflegt indes einen bizarren Mick-Jagger-Fetisch. Was in einem Sketch in der US-Fernsehshow "Saturday Night Live" noch wie ein Scherz wirkte, treibt in der Realität seltsame Blüten. Styles' Bühnenoutfits lassen sich mit etwas Recherche regelmäßig Rolling-Stones-Auftritten zuordnen: Als er zuletzt einige Songs für das US-Morgenmagazin "Today Show" spielte, erinnerte sein rosa Anzug arg an jenen, den Jagger 1971 bei einem Auftritt in der britischen Hitparadensendung "Top Of The Pops" trug. Die "Daily Mail" meldete sogar, Styles nehme Tanzunterricht, um die Bewegungsabläufe seines Idols besser nachahmen zu können, er wolle langfristig auch Jaggers Artikulation übernehmen.

Ob's stimmt? Wahrscheinlich nicht. Ob es lustig ist? Unbedingt, alleine, weil es all diejenigen, die davon ausgehen, dass die Rock'n'Roll-Welt untergeht, wenn einer wie Styles in einem Satz mit Jagger genannt wird, in die Schnappatmung treibt.

Harry Styles ist nicht das erste One-Direction-Mitglied, das eigene Musik veröffentlicht. Zayn Malik, der die Band schon 2015 verließ, debütierte im vergangenen Jahr erfolgreich mit zeitgenössischem R'n'B-Pop mit Bad-Boy-Kante. Louis Tomlinson tat sich für die Single "Just Hold On" mit EDM-Star Steve Aoki zusammen und lieferte nervige, aber letztendlich solide Wummsmusik für den Autoscooter. Niall Horan, der empfindsame Blonde, der heute ein bisschen so aussieht, als wäre er einer Kampagne für britische Landhausmode entsprungen, ist mit Kuschelrock im Rennen, dessen Wirkprinzip gar nicht so weit entfernt vom Harry-Styles-Sound liegt, der im direkten Vergleich aber blass bleibt.

Wo sich bei ihnen die jeweilige Zielgruppe recht einfach festmachen lässt, es sich also letzten Endes um Gebrauchsmusik handelt, nimmt Styles mit seinem Solo-Debüt alle mit. Die Fans von früher. Deren Eltern. Betrachtet man die musikalische Ausrichtung dieser Platte, sogar die Großeltern. Und, das hat er mit seiner Ex-Freundin Taylor Swift gemein, die Entscheider im Kulturbetrieb.

Im Video zu "Sign Of The Times" läuft er übrigens einige Schritte über Wasser. Es sieht nicht ganz einfach aus, er schwankt einmal ein bisschen, die schweren Boots versinken eine Idee zu tief im Meer, aber letztendlich fängt er sich. Harry Styles bekommt das alles schon hin.

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insgesamt 3 Beiträge
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snickerman 15.05.2017
1. Treffer!
Alle paar Monate mal kommt was aus dem Radio, dass einem die Kinnlade runterklappt. Sign Of The Times ist so ein Song. Kannte weder den Mann noch Musik seiner Band, aber das ist ein großartiges Stück!
langenscheidt 16.05.2017
2. Als Dad...
... kann ich dieser knabenhaften bis falsettartigen Stimme nichts abgewinnen.
freddykrüger 16.05.2017
3. Langweilig
hab mir 5 Stücke des Albums heute morgen im Stream angehört. Öde. Was soll rockig daran sein. Eine Kleinjungenstimme der man anmerkt das sie kein Rockbackround hat. Forist 2 hat recht, fürchterliche Knabenstimme. Die Musik hat keinen Wumms und ist langweilig. Hier soll dröge Popgülle als Rock verkauft werden. Lächerlich. Schuster bleib bei deinen Leisten, mach weiter Kleinmädchenmusik.
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