Hauptstadt-HipHop in Nöten Das Genital mit der Lupe suchen

Gewalt- und Männlichkeitswahn gehen nicht mehr so recht im Berliner HipHop. Und auch die Umsätze schwinden: Ein Label nach dem anderen schließt. Nur die Jungs von K.I.Z. haben weiter Erfolg - mit Selbstironie und anarchischem Humor.

Von Johannes Gernert


Sie waren schon immer recht weit vorne mit ihren Ideen. Jetzt haben die Berliner Rapper von K.I.Z. auch noch schöne Bilder für das Ende gefunden. Dass der deutsche Gangsta-Rap nach etlichen erfolgreichen Jahren in vielerlei Hinsicht mehr schrumpft als wächst, das wurde gerade in den vergangenen Monaten immer deutlicher. Und man kann diesen Schrumpfungsprozess metaphorisch wohl kaum besser fassen, als mit einem Album, auf dem die Männer von Frauen geschlagen werden - und sich am Ende darüber streiten, wer den Kürzesten hat.

Das ist eine wunderhübsche Bankrotterklärung für eine Branche, deren Mitglieder stets mit den übertriebensten Schwanzvergleichen beweisen wollten, dass sie alles weghauen können, wer oder was immer sich ihnen da in den Weg stellt. Und das Allerbeste daran ist, dass sich in diesem Track auch einer der größten Gangsta-Rapper, die dieses Land je gesehen hat, dazu bekennt, dass er sein Genital wie Sherlock Holmes mit der Lupe suchen muss und auf der Straße als schwanzloser Barbie-Gatte Ken verunglimpft wird. Es ist Sido, mit einem Gastbeitrag.

Sicher, sie meinen das ironisch. Aber zutreffend ist es trotzdem.

Bushido statt Siegfried Lenz

Die wesentlichen Filialen des Rap-Betriebs haben dichtgemacht. Es fing an mit dem Royal Bunker, der mit Kool Savas und Sido das heitere Mutterficken mit leicht ironischem Unterton etabliert hat. K.I.Z. sind dessen letzte Vertragspartner. Dann folgte Aggro Berlin, dorthin war Sido später gewechselt. Das Kettensägen-Label um den geistreichen Kreativchef Specter hatte mit seinem Rap-Comicfiguren-Kabinett und kalkulierter politischer Inkorrektheit den Teenagermarkt erschlossen. Im April setzten die Macher ein Kreuz auf ihre Homepage: "Die Plattenfirma schließt."

Kurz vorher hatte der Veteran Kool Savas den Exitus seines Labels Optik Records verkündet. Massiv, das neueste Sternchen, das Sony BMG versucht hatte, mit einigem Aufwand an den Gangsta-Rap-Himmel zu schießen, verglühte mit seinem neuen Album auf Platz 30 der Charts.

Diese Untergangsstimmung schien auch den Filmproduzenten-Routinier Bernd Eichinger zu erfassen, der wenige Tage nach dem Aggro-Ende mitteilen ließ, er werde jetzt erst mal schnell Bushidos Leben verfilmen.

Eigentlich wäre ja planmäßig die Lenz-Novelle "Schweigeminute" dran gewesen. Aber wer weiß schon, ob sich 2010 noch jemand an einen jungen Deutsch-Tunesier namens Anis Ferchichi erinnert. Auch Bushido selbst wirkt latent verunsichert und wünscht sich öffentlich Sex mit Angela Merkel, um irgendwie im Gespräch zu bleiben. Sein Label mit dem, auf den ersten Blick äußerst kryptisch klingenden Namen "Ersguterjunge" vermeldete einen Künstlerabgang nach dem anderen.

"Das Feuilletejong" habe schon lang behauptet HipHop sei tot

Wenn man die Rapper von K.I.Z. trifft, um mit ihnen über ihre Untergangsmetaphorik auf dem Album "Sexismus gegen rechts" und über den desolaten Zustand der Branche zu sprechen, vervollständigt sich das Bild zunächst: Lethargisch räkeln sie sich auf durchgesessenen Sofas. Süßlicher Nebel zieht durch den Raum.

Tarek, der seinen rasierten Schädel in einem Track als Abrissbirne bezeichnet, rafft sich auf, um zu widersprechen. "Das Feuilletejong", sagt er. Dann muss er erst einmal lachen. Es habe ja schon lange behauptet, dass HipHop tot sei. Vielleicht, überlegt er, versinke der Mainstream gerade wieder ein wenig im Untergrund. Kein Schaden. Dass Geschäftsstellen schließen, sagt Maxim, "heißt ja nicht, dass die einzelnen weniger Geld verdienen". Überhaupt sei es der falsche Ansatz, sich kommerzielle Sorgen zu machen.

Es fällt trotzdem auf, dass die MC-Matrosen auf dem sinkenden Rap-Tanker sich in stürmischen Zeiten aneinander zu klammern scheinen. Die Zeit der Messerattacken und Schussangriffe ist offenbar vorüber. Stattdessen versöhnt man sich im Angesicht des nahen Endes. Selbst die Erzrivalen Bushido und Fler machen in sozialen Netzwerken auf Online-Verbrüderung. Dass Sido mit Künstlern des Royal Bunker, also mit K.I.Z., rappt, ist schließlich auch alles andere als selbstverständlich. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er den Bunker-Chef Marcus Staiger noch als Schlange bezeichnet. "Wir waren persönlich ja nie verfeindet", sagt K.I.Z.-MC Maxim, weiterhin sehr gelassen.

Dass sich nun ausgerechnet K.I.Z. so demonstrativ zuversichtlich geben, könnte auch daran liegen, dass sie sich schon einen kleinen Schritt weiter wähnen. Klassische Gangsta-Rapper sind sie nie gewesen. Das Genre haben sie zwar grundsätzlich akzeptiert, aber gleichzeitig persifliert. Und sie haben es immer erweitert. Auf "Sexismus gegen rechts" liefern sie eine eigene Version der Rocker-Nummer "Halbstark", vertonen Anal-Phantasien über R&B-Rhythmen und singen den Text der deutschen Nationalhymne zur Melodie des französischen "Champs Elysée". Auf ihren Konzerten mutieren sie ohnehin zu Elektro-Punkern, weil sie besser grölen als singen können. Die Hallen sind dabei meist ausverkauft. Abgründe aller Art gehören zu ihrer Arbeit. Vielleicht sind sie über den aktuellen deshalb schon hinaus.

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