Hauptstadt-Rap "Drecksäcke kriegen keinen Respekt"

Jeder Vierte arbeitslos, jeder Fünfte Sozialhilfe-Empfänger, Ausländeranteil fast 50 Prozent - Wedding ist als Ghetto der Hauptstadt verrufen. Die Rapper des Labels Shokmuzik haben etwas gegen dieses Image: Mut, Ehrgeiz, Talent.

Von Daniel Haas und Frithjof Ohm (Fotos)


Sie kommen zu fünft. Drei Männer, zwei Frauen. Mit ihren Jogginghosen, schlecht sitzenden T-Shirts undbilligen Turnschuhen sehen sie aus wie ein Abziehbilddes Ghettoprolls. Nur die Schlagstöcke passen nichtins Bild. "Sofort aufhören zu fotografieren", blaffteine der Frauen. "Und ich will von allen die Ausweise.Außer von Ihnen."Zivilpolizei. In der Nähe hat ein Raubüberfallstattgefunden, alle sind verdächtig: Big Sal, derDeutschamerikaner, Crackaveli, dessen Eltern Serbensind, Emok, Biggie und Osan, die Berliner Türken. Nurauf den Reporter passt die Täterbeschreibung - junger Mann, T-Shirt, Sneakers - nicht."Die Ferien sind vorbei, jetzt glauben wieder alle, sie müssen achtWochen nachholen", sagt einer der Polizisten, während seineKollegin Biggie verhört. Der 16-Jährige verschränktdie Arme vor der Brust und schüttelt stoisch den Kopf.

Nein, er habe mit der Sache nichts zu tun.Ob die Ferien vorbei sind oder nicht, spielt für viele Jugendlicheim Wedding eigentlich keine große Rolle: Sie gehen ehkaum in die Schule. So wie früher Crackaveli, der mit17 Jahren die Realschule schmiss und anfing zuarbeiten, weil er Vater wurde. Oder der Afrodeutsche D'Irie, der mit 14 zum ersten Mal auf der Anklagebank saß. Heute sind die beiden als Rapper beim Weddinger LabelShokmuzik unter Vertrag. Gerade haben sie ihr erstes Album veröffentlicht, "Doppeltes Risiko", HipHop-Magazine wie "Juice" und "Backspin" schreiben über sie, das ZDF will eine Reportage drehen.

Der Erfolg hat sie nicht gegen die Verhältnisse immun gemacht."Ich werde pausenlos kontrolliert", beschwert sichCrackaveli, 23. "Ich häng' mir demnächst meinen Perso umden Hals." Osan, mit Biggie einer der Nachwuchs-MCsbei Shokmuzik, setzt nach: "Die haben uns gesternschon mit ihren Ferngläsern beobachtet.

"Nicht nur die Rapper von Shokmuzik, der ganze Kiezsteht unter Beobachtung. Wedding, das ist ein Synonymfür Gewalt und Verbrechen. Jeder Vierte ist hierarbeitslos, jeder Fünfte lebt von Sozialhilfe, derAusländeranteil liegt bei fast 50 Prozent. Vor allemden Hinterhof vom Weddinger Haus der Jugend haben dieGesetzeshüter im Visier. In der Nähe liegt der sogenannte Nauener, ein berüchtigter Drogenumschlagplatz, ein paarhundert Meter weiter beginnt die Drontheimer Straße, die Ende der neunziger Jahre zum Zentrum eines blutigenBandenkrieges wurde.

Kreativität statt Kiffen

Dabei ist das Haus der Jugend ein Lichtblick imansonsten trostlosen Viertel. Hier finden Workshopsund Abendschulunterricht statt, man will die Kindervon der Straße holen, ihnen eine Perspektive geben.Nicht umsonst hat Shokmuzik-Chef Big Sal die Besucheraus Hamburg hierher geführt: Bis vor kurzem hat er indem Graffiti-besprühten Bau Unterricht gegeben, täglichvier bis fünf Stunden mit DJs, Rappern und Produzenten.

Der Erfolg war enorm, am Ende waren es fast zu vieleBewerber: "40, 50 Kids in einem Raum. DieSozialarbeiter haben 'nen Schock gekriegt", sagt BigSal, 30, und seine Augen leuchten. "Wir wollen nichtüberreden oder therapieren, wir wollen denen Bock machen.Damit sie die nächsten zehn Euro vielleicht in ihren Rechner investieren, anstatt sich was zu kiffen zukaufen." Osan, 16, und Biggie sind zwei dieser Workshop-Kids, die jetzt rappen, anstatt auf der Straße abzuhängen,zwei, die stolz sind, dabei zusein. "Die Kids kommen zu uns, wollen reden, dazugehören", sagt Veli. "Du kriegst hier keinen Respekt,wenn du ein Drecksack bist."

Respekt, das ist die harte Währung im HipHop, undbeim anschließenden Besuch im Studio, ein paar Straßenweiter, sind die Respektspersonen bereits da: DonCorleone, der mit halbgeschlossenen Augen hinter dem Schreibtisch thront, während ein Bittsteller ergebenseine Hand küsst. Und Tony Montana alias Scarface, diedurchgeladene Maschinenpistole im Anschlag. Die großen Gangster der Popkultur im Posterformat, dazu ein paarabgewetzte, mit Klebeband geflicktePlastikledersessel, ein winziger fensterloserAufnahmeraum, in dem ein Wunderbäumchen gegen dieschlechte Luft ankämpft: Das ist die Residenz derBerliner Rap-Avantgarde. Hier bastelt Produzent Kris Ill, 24, an denbrettharten Beats und spröden Synthiesounds, die zum Markenzeichen von Shokmuzik geworden sind.Vom Glamour des Gangsterlebens à la "Der Pate" ist man also noch weit entfernt, dafür wird in den Songs, die ausdem Ghettoblaster wummern, um so ausgiebiger gefeiert,gemordet und gefickt. "In unserem Viertel sticht man auf Partys ab", skandiert D-Irie in "Nur die Starken"; "Ich weiß, du brauchst es hart", erklärt Crackaveli in einem anderen Stück einer Gespielin. Verschafft man sich so den viel beschworenen Respekt? Mit pubertärem Geprotze und gewaltverliebten Attitüden?"Wir rappen über das, was wir kennen", sagt D-Irie, 24. Dass seine Texte zu Gewalt anstiften könnten, hält er für Unsinn. "Wennso etwas passiert, ist das ein Erziehungsproblem. Darumkümmer' ich mich nicht."

Man nehme außerdem Rücksicht auf die Gemeinde; aufden Konzerten innerhalb des Viertels, zu dem diemuslimischen Familien mit ihren Kindern kämen,verzichte man beim Vokabular konsequent auf "Schlampen","Nutten" und "Ficken". Die harten Drogen,die rund um den Nauener Platz verkauft würden, seien das eigentliche Problem. Und dass für die Kids alles zu frühlosgeht. Was er damit meint? "Dass ich Stress habe", sagt Crackaveli, der mit 13 das erste Mal verhaftetwurde. "Es kam alles viel zu früh. Ein Kind sollteunbeschwert aufwachsen. Aber wenn du schon mit neunmitkriegst, dass alle Stress haben, dann fickt alles deinen Kopf.Das ist nicht in Ordnung."

Begrenzung der Kampfzone

Dennoch gibt es sie, die heile Welt in derSozialmisere, zumindest stundenweise. Das Straßenfestam Nauener Platz, das am nächsten Tag stattfindet, bringt alle zusammen: Türken, Araber, Deutsche, Serben undKroaten, ein multikulturelles Idyll inmitten eines derhärtesten Krisengebiete des Landes.Auf dem Programm stehen ein Streetsoccer-Turnier,Auftritte von Biggie und Osan, als krönender Abschlusssollen drei Songs von Crackaveli und D-Irie über dieBühne gehen. Veranstalter ist der Kiezboom e.V., seinLeiter, Mesut Lencper, wirbelt aufgeregt zwischen denGästen umher, während auf der kleinen Bühne, die neben demmaschendrahtumzäunten Fußballplatz postiert ist, DJRaz-Q Platten auflegt. Aus den mannshohen Boxen wummern die Bässe. Destiny's Child schwärmen von Männern, die hart sind wieSoldaten, auf dem Feld kämpfen 14 Teams unter demMotto "Kick Fair" um den Pokal. "StreetsoccerKommando 65", "Cash Money Brothers", "Out of Control"oder "Wedding Style" heißen die Mannschaften - Namen, mit denen man Kampfgeist und Humorbeweist. "Wedding Style" waren zuletzt für einShokmuzik-Video rekrutiert worden, darin sah man sie samt Bullterriern bedrohlich einen Hinterhofbevölkern.Doch an diesem sonnigen Samstag sind sie die netten Jungsvon nebenan, man hat Spaß und will ein Zeichen setzenfür den Kiez. Mögen die Medien Wedding als die Heimatvon Prolls, Schäferhunden und Ballonseide schmähen, mag Moabit im Vergleich wirken wie München und die Sozialprognose desolatersein als je zuvor: Zwischen Bolzplatz, Dönerstand und DJ-Pult scheint die Ausweitung der Kampfzone wenigstens für diesen Tag gestoppt.

Der HipHop der Shokker, wie Big Sals Truppe hiergenannt wird, liefert dazu den perfekten Soundtrack: Energisch, wütend und streckenweiseironisch wird die eigene Kultur gefeiert. In der hatmaterialistischer Ghetto-Glamour ebenso Platz wieharsche Sozialkritik. "Ich bin voll Wut, also sei aufder Hut!", skandiert Osan. Eine dauergewellte Blondine, Mitte 50, wippt begeistert mit dem Kopf. Ob sie die Texte nicht etwas hart findet? Sie zuckt die Achseln, dann sagt sie stolz: "Das ist doch mein Neffe!"Ganz Wedding eine große, durch Rap geeinte Familie?Natürlich nicht. Der Mangel an Arbeitsplätzen, derDrogenhandel: Probleme, die sich nicht mit Beats undReimen lösen lassen. Aber für D'Irie und Crackaveliist HipHop die Chance ihres Lebens. "Nimm Sido, der kommtauch aus einem Loch. Hat sich eine Ein-Zimmer-Wohnungmit einem Kumpel geteilt. Jetzt hat er es geschafft. Der ist ein Vorbild", sagt D-Irie. Crackaveli trippelt um den Basketballkorb, nebeneiner Schaukel das einzige Indiz dafür, dass man sichauf einem Spielplatz befindet. "Ich lass' nicht locker,bis ich gewinne; ich bin ein Spieler, ich geh nichtauf die Tribüne", zitiert er aus einem Song. Nein,er will sich nicht mit Hartz IV und Ein-Euro-Jobsabspeisen lassen. "Meine Mutter hat sichtotgearbeitet", sagt er. "Wie meine Schwester, die geht nur rauszum Putzen."Big Sal ist still geworden, nachdenklich schaut er aufdie Kinder, die in der schäbigen Kulisse spielen."Mach den Joint aus!", knurrt er Crackaveli an, als dreikleine Mädchen vor dem Korb Stellung beziehen. "Wirgehören auch zu Shokmuzik", sagen sie Kaugummikauend. Ganz klar: Big Sal und seine Truppe sindHelden im Viertel, Gewinner in einem Stadtteil, denMedien und Politiker längst abgeschrieben haben. "Kommtin 15 Jahren wieder", feixt Crackaveli, die Mädchen zeigensynchron den Mittelfinger. Big Sal lächelt, und als ober den Stand der Dinge zusammenfassen wollte, ruft einkleiner Junge von der Schaukel: "Shokmuzik lebt!"



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