Metal-Band Kissin' Dynamite: Die Schlampen-Schwaben

Von Nora Gantenbrink

Sex, Whiskey, Haarspray - wie kommen fünf kleine Jungs aus Schwaben auf die Idee, blöde Metal-Macker-Klischees der Achtziger aufzuwärmen? Und sich mit stinkenden Vogelfedern zu schmücken? Die Antwort von Kissin' Dynamite lautet: Ein Mofa fährt doch jeder! Einen Tourbus nicht.

Kissin' Dynamite: Metal aus Münsingen Fotos
AFM Records

"Ich stinke", sagt Hannes zur Begrüßung. Hannes, toupierte Haare, tätowierte Hühnerbrust, sitzt bauchfrei auf einem roten Sofa in der Hamburger Markthalle. Er sieht ein bisschen aus wie der blonde Bruder von Bill Kaulitz. Er trägt eine Weste mit Vogelfedern, und die stinkt. Deshalb hat Hannes sie mit Deo eingesprüht. Und jetzt riecht sie stinkig mit Deo-Note.

"Die Federn kann man nicht waschen", sagt er. Unpraktisch, aber eben ein Bühnenoutfit. Hannes schwäbelt. Ein schwäbelnder Vogel mit Stinkefedern.

Hannes ist Sänger und Frontmann der Band Kissin' Dynamite, einer Metalband aus Münsingen (Landkreis Reutlingen) und Burladingen (Zollernalbkreis), benannt nach dem gleichnamigen Song von AC/DC. Hannes Lieblingsgetränk ist Jack Daniels. Neben Hannes sitzt Jim. Steffen, Andi und Ande duschen, essen oder rauchen. Gleich ist Soundcheck. Touralltag.

Sieben Wochen lang sind Kissin' Dynamite als Vorband der britischen Power-Metal-Band Dragonforce unterwegs. Fast jeden Tag parkt ihr Bus in einer anderen Stadt. Kopenhagen, Hamburg, Zürich, Bilbao, Paris, bald auch Tokio.

Kissin' Dynamite - "Six Feet Under"
Mehr Videos von Kissin' Dynamite gibt es hier auf tape.tv!
Hannes, Jim und die anderen drei haben gerade erst Abitur gemacht, machen aber seit mehr als zehn Jahren Musik, haben über 600 Livekonzerte gespielt. Jim begann mit neun, Hannes mit sechs. Damals waren die E-Gitarren größer als die Jungs und ihre Träume größer als der Landkreis. "Wir wurden in ein Klischee geboren", sagt Hannes.

Katholische Provinz. Einfamilienhaus. Familiengrab.

Kissin' Dynamite entstand aus zwei Schülerbands. Da waren zum einen die Blues Kids, zum anderen Mad Flash. Und ein gemeinsamer Gedanke: raus aus der Provinz. Rockstars werden. Man tat sich zusammen. Ihr erster Proberaum war der Gewölbekeller eines Motorradclubs in Münsingen. Das Wasser stand dort an schlechten Tagen zwanzig Zentimeter hoch und an guten Tagen roch es nach Schimmel. Das war 2006.

Mit 15 unterschrieben sie bei EMI

Sie waren etwa elf Jahre alt, als sie begannen als Coverband auf Biker-Festivals zu spielen. Ihre Eltern fuhren sie zu den Auftritten. Dann spielten sie "Highway to Hell" und andere Hits, die Biker mögen. "Wir kamen vom Blues über den Rock'n'Roll zum Metal."

Metal und Hardrock waren aber nicht das, was ihre Schulkameraden hörten. "Die dröhnten sich mit HipHop voll", sagt Jim. In einem Fußballkäfig ihres Gymnasiums veranstalteten sie illegale Battles. Hopper gegen Rocker. In den Charts standen die Pussycat Dolls featuring Snoop Dogg, Rihanna und Eminem.

2007 traten Kissin' Dynamite bei einem Konzert auf, bei dem man verschiedenen Plattenfirmen vorspielen konnte. Am nächsten Tag hatten sie ein Angebot von zwei Majorlabels. Sie entschieden sich für EMI. Da waren sie 15 Jahre alt.

Hannes und Jim sagen: "Die anderen Jungs hatten damals Mofas und Kippen. Wir hatten einen Plattenvertrag!" Die Gleichung war einfach: Es gab in der schwäbischen Provinz weitaus mehr Jungs mit Mofas als mit Plattenvertrag. Selbst der Schuldirektor besaß jetzt ein Kissin'-Dynamite-T-Shirt. Und auch der Dorfpfarrer sympathisierte mit der Band. Er verstand allerdings kein Englisch und somit keine Texte wie:

"All the whores and the sluts and the bitches/ With their chambers of twilight and sin/ All the lust and the zest and temptation/ Very well then, I give in."

Huren, Schlampen, Sünde, und alles in Schwaben. Ein bisschen erinnert die Karriere der fünf an das Buch "Dorfpunks" von Rocko Schamoni. "Aber mit Punk hatten wir nie was am Hut", sagt Hannes. Sie seien alle "addicted to Metal".

Das aktuelle Kissin'-Dynamite-Album "Money, Sex & Power" ist das dritte der Band und verkauft sich wohl von allen am besten, auch wenn es nicht revolutionär ist, Frauen mit großen Brüsten über Pokertische kriechen oder Pressebilder vor Flammen schießen zu lassen, so wie es die Glam-Metal-Bands der Achtziger und frühen Neunziger gemacht haben, Mötley Crüe etwa, Ratt oder Poison.

Aber manchmal ist wohl die wirksamste Waffe gegen ein angeborenes Klischee, ein neues zu leben, selbst wenn es alt sein mag.

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Out of Date
OneTwoThree 16.11.2012
Zitat von sysopSex, Whiskey, Haarspray - wie kommen fünf kleine Jungs aus Schwaben auf die Idee, blöde Metal-Macker-Klischees der Achtziger aufzuwärmen? Und sich mit stinkenden Vogelfedern zu schmücken? Die Antwort von Kissin' Dynamite lautet: Ein Mofa fährt doch jeder! Einen Tourbus nicht. Heavy Metal: Kissin' Dynamite aus Schwaben wollen raus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/heavy-metal-kissin-dynamite-aus-schwaben-wollen-raus-a-865441.html)
Nunja, Metal ist das nicht. Liegt eher in die Richtung GlamRock. Oder, wie ich es nennen würde: Pop-Musik.
2.
!!!Fovea!!! 16.11.2012
Zitat von OneTwoThreeNunja, Metal ist das nicht. Liegt eher in die Richtung GlamRock. Oder, wie ich es nennen würde: Pop-Musik.
Nach der Outfitbeschreibung: Hairmetal. Das ist noch unterirdischer als GlamRock.
3. optional
Septic 16.11.2012
Das Video zeigt eher normale Popmusik. Das ist eher Soft Rock. Nett und harmlos, kann man in jedem Radio spielen. Heavy Metal klingt anders.
4. genau wengen solcher Bands......
h0wkeye 16.11.2012
habe ich mich Mitte der 80er, als diese ganze Europe, John Bon Jovi usw. Welle als Heavy Metal verkauft wurde, aus dem Metal verabschiedet. Aber es gibt jetzt ja wieder eine Metal-Szene, die auch kommerziell sehr erfolgreich ist, da kann man es schon verstehen, wenn die Majors wieder anfangen, kleinen Jungs und Mädels sowie den ganzen Maffay Leuten so ein bisschen Metal-Feeling zu verkaufen. Ein paar lange Haare, ein Video mit schlamperten Mädels und dahinter ein Sound, mit dem Vidal Sasson auch gleich das passende Haarschampoo verkaufen könnte. Damit wird dann die "neue Mitte" erreicht, also all die Konsumenten, um die auch VW mit dem Golf buhlt. Golf - Rock - Bon Jovi - da war doch mal was.......
5. Kein Metal
aescurd 16.11.2012
Mir wird hier das Wort "Metal" überstrapaziert. Das ist kein Metal, sondern maximal Rockmusik. Wenn der Laie glaubt, DAS sei Metal, ist es kein Wunder, dass er bei dem eigentlichen Begriff noch heute an Fönfrisuren und Ledermontur denkt!
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