Von Nora Gantenbrink
"Ich stinke", sagt Hannes zur Begrüßung. Hannes, toupierte Haare, tätowierte Hühnerbrust, sitzt bauchfrei auf einem roten Sofa in der Hamburger Markthalle. Er sieht ein bisschen aus wie der blonde Bruder von Bill Kaulitz. Er trägt eine Weste mit Vogelfedern, und die stinkt. Deshalb hat Hannes sie mit Deo eingesprüht. Und jetzt riecht sie stinkig mit Deo-Note.
"Die Federn kann man nicht waschen", sagt er. Unpraktisch, aber eben ein Bühnenoutfit. Hannes schwäbelt. Ein schwäbelnder Vogel mit Stinkefedern.
Hannes ist Sänger und Frontmann der Band Kissin' Dynamite, einer Metalband aus Münsingen (Landkreis Reutlingen) und Burladingen (Zollernalbkreis), benannt nach dem gleichnamigen Song von AC/DC. Hannes Lieblingsgetränk ist Jack Daniels. Neben Hannes sitzt Jim. Steffen, Andi und Ande duschen, essen oder rauchen. Gleich ist Soundcheck. Touralltag.
Sieben Wochen lang sind Kissin' Dynamite als Vorband der britischen Power-Metal-Band Dragonforce unterwegs. Fast jeden Tag parkt ihr Bus in einer anderen Stadt. Kopenhagen, Hamburg, Zürich, Bilbao, Paris, bald auch Tokio.
Katholische Provinz. Einfamilienhaus. Familiengrab.
Kissin' Dynamite entstand aus zwei Schülerbands. Da waren zum einen die Blues Kids, zum anderen Mad Flash. Und ein gemeinsamer Gedanke: raus aus der Provinz. Rockstars werden. Man tat sich zusammen. Ihr erster Proberaum war der Gewölbekeller eines Motorradclubs in Münsingen. Das Wasser stand dort an schlechten Tagen zwanzig Zentimeter hoch und an guten Tagen roch es nach Schimmel. Das war 2006.
Mit 15 unterschrieben sie bei EMI
Sie waren etwa elf Jahre alt, als sie begannen als Coverband auf Biker-Festivals zu spielen. Ihre Eltern fuhren sie zu den Auftritten. Dann spielten sie "Highway to Hell" und andere Hits, die Biker mögen. "Wir kamen vom Blues über den Rock'n'Roll zum Metal."
Metal und Hardrock waren aber nicht das, was ihre Schulkameraden hörten. "Die dröhnten sich mit HipHop voll", sagt Jim. In einem Fußballkäfig ihres Gymnasiums veranstalteten sie illegale Battles. Hopper gegen Rocker. In den Charts standen die Pussycat Dolls featuring Snoop Dogg, Rihanna und Eminem.
2007 traten Kissin' Dynamite bei einem Konzert auf, bei dem man verschiedenen Plattenfirmen vorspielen konnte. Am nächsten Tag hatten sie ein Angebot von zwei Majorlabels. Sie entschieden sich für EMI. Da waren sie 15 Jahre alt.
Hannes und Jim sagen: "Die anderen Jungs hatten damals Mofas und Kippen. Wir hatten einen Plattenvertrag!" Die Gleichung war einfach: Es gab in der schwäbischen Provinz weitaus mehr Jungs mit Mofas als mit Plattenvertrag. Selbst der Schuldirektor besaß jetzt ein Kissin'-Dynamite-T-Shirt. Und auch der Dorfpfarrer sympathisierte mit der Band. Er verstand allerdings kein Englisch und somit keine Texte wie:
"All the whores and the sluts and the bitches/ With their chambers of twilight and sin/ All the lust and the zest and temptation/ Very well then, I give in."
Huren, Schlampen, Sünde, und alles in Schwaben. Ein bisschen erinnert die Karriere der fünf an das Buch "Dorfpunks" von Rocko Schamoni. "Aber mit Punk hatten wir nie was am Hut", sagt Hannes. Sie seien alle "addicted to Metal".
Das aktuelle Kissin'-Dynamite-Album "Money, Sex & Power" ist das dritte der Band und verkauft sich wohl von allen am besten, auch wenn es nicht revolutionär ist, Frauen mit großen Brüsten über Pokertische kriechen oder Pressebilder vor Flammen schießen zu lassen, so wie es die Glam-Metal-Bands der Achtziger und frühen Neunziger gemacht haben, Mötley Crüe etwa, Ratt oder Poison.
Aber manchmal ist wohl die wirksamste Waffe gegen ein angeborenes Klischee, ein neues zu leben, selbst wenn es alt sein mag.
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