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Metal-Szene in Indien Der Traum vom Schlamm in Wacken

Harte Musik, langes Haar, wenig Geld, aber viel Ärger mit der Polizei: Wer in Indien auf Heavy Metal steht, hat's schwer. Doch Jungs wie Nolan, Sahil oder Salman eint ihre große Leidenschaft. Und für einen von ihnen erfüllt sich an diesem Wochenende ein Traum: Er spielt auf dem Wacken Open Air.

AFM Records

Aus Bangalore berichtet Anne Backhaus


Nolan schreit, er brüllt, doch sein Mikrophon bleibt stumm. Irgendetwas stimmt nicht. Ein Techniker fummelt nervös an Kabeln, legt Schalthebel um. Plötzlich kracht ein Knacken durch den winzigen Raum. Der Sound ist da. Nolan grinst, er nickt erleichtert seinem Drummer zu. Es bleibt ja nicht viel Zeit. In einer halben Stunde gehört der Proberaum einer anderen Band. Sie müssen üben. Schnell.

Neben der mit Schaumstoff gedämmten Glastür des Proberaums sitzt Ave, eine zierliche Frau. Sie lächelt. Ave liebt es, wenn Nolan schreit. So hat sie ihn zum ersten Mal erlebt, auf einer Bühne. Damals war sie ein Fan. Jetzt ist sie seine Frau. In ihrer Hand hält sie das Bier von Nolan, der lange Haare trägt, einen Kinnbart und ein schwarzes T-Shirt, auf dem in rot "Bestial Warlust" steht. Nolan heißt mit Nachnamen Lewis und ist Sänger von Kryptos, einer der wenigen Metalbands Indiens, die sich international einen Namen gemacht haben, wenn auch nur einen kleinen.

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Metalheads in Indien: Die harten Jungs aus Headbangalore
Auf der anderen Seite der Glastür hocken mehrere Männer dichtgedrängt nebeneinander, auf dem Boden stapeln sich Gitarrenkoffer, Bierflaschen, Turnschuhe. Die Musiker warten auf den Proberaum, man darf nur barfuß hinein oder in Socken. Sie sind aus Chennai angereist, sechs Stunden Autofahrt, nur um hier zu spielen.

Eine weitere Tür führt nach draußen ins Freie. Zwei Männer lehnen an einem Auto, ein Dritter steht vor ihnen und raucht, einer telefoniert. Noch eine Band, für sie ist drinnen kein Platz mehr. Die Gasse, in der sie stehen, ist in gelbes Licht getaucht. Hühner laufen unter Wäscheleinen umher, Frauen tragen Wassereimer auf den Köpfen, Kinder starren die Musiker an. Der Proberaum liegt mitten in einem Wohnviertel in der südindischen Stadt Bangalore. Nolans Stimme dringt bis auf die Straße, fällt aber in dem Gewirr aus hupenden Autos, aufgedrehten Radios und lärmenden Menschen kaum auf. Krach ist in Indien kein Problem. Heavy Metal hingegen schon.

Arbeiten im "Affen-Anzug"

Indien ist das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Von den über 1,2 Milliarden Einwohnern hört der Großteil traditionell orientierte indische Musik, oft verbreitet über Bollywood-Filme. Nur wenige wissen, was Heavy Metal ist. Männer in schwarzen T-Shirts und mit langem Haar sind nicht gern gesehen. Auch nicht in Bangalore, das hiesige Metaller "Headbangalore" nennen, weil es als liberal gilt und als Metal-Metropole des Landes - wenn man von so etwas überhaupt sprechen kann. Doch immerhin finden sich hier ein paar Bühnen, die auch Metal-Bands bespielen dürfen und eine kleine, aber treue Szene, die sich auf Konzerten versammelt. Einen festen Ort haben die Fans jedoch nicht, keine Bar, keinen Live-Club (mehr über die Szene in Bangalore gibt's hier im Video).

"Metal hat hier keine richtige Zukunft", sagt Nolan etwas resigniert. Seine Probe ist vorbei, er steht mit seinen Bandkollegen draußen in einer dunklen Hausecke und raucht, sie halten Bierflaschen in den Händen, verstecken sie aber hinter ihren Rücken. Wenn Männer mit schwarzen T-Shirts und langem Haar auf der Straße Alkohol trinken, bekommen sie es in Indien schnell mit der Staatsmacht zu tun. "Wir sind ein bequemes Ziel für die Polizei, die zu korrupt ist und zu machtlos, um gegen echte Verbrecher vorzugehen - gegen Vergewaltiger, Drogenhändler oder käufliche Politiker."

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Schlagerstar in Wacken: Heino? Heilige Pommesgabel!
Nolan hat Kryptos bereits vor 15 Jahren gegründet. "Die meisten Fans und Musiker hier sind aber Mittelklassekinder, die ein wenig rebellieren wollen", sagt er. "Mit wahrer Leidenschaft für Metal hat das wenig zu tun. Sobald sie einen Job finden und heiraten müssen, war's das." Ave nickt. Sie hat den 34-jährigen Kryptos-Frontmann vor einem halben Jahr geheiratet, beide teilen sich ein Zimmerchen im Haus seiner Eltern.

Zu Beginn spielte Kryptos Coverversionen von Metallica, Black Sabbath oder Led Zeppelin. Doch obwohl die Band bald eigene Songs schrieb, inzwischen drei Studioalben vorzuweisen hat und dieses Jahr zum zweiten Mal in Europa tourt, können die Bandmitglieder nicht von ihrer Musik leben. Im Gegenteil: Für Tourneen nehmen sie Kredite auf und geprobt wird nach Feierabend. Tagsüber verwaltet Nolan als Bankangestellter Konten und trägt Anzug, "Affen-Anzug", nennt er ihn. Nolan sagt: "Ich hasse diesen Job." Ave nickt.

Selbst wenn die Familie sich nicht einmischt, kämpfen Metal-Musiker und -Fans hier beinahe täglich gegen große und vermeintlich kleine Hindernisse. Das fängt an mit dem Kauf von Instrumenten, Platten oder Band-Shirts, die sie oft online aus dem Ausland bestellen müssen - für viele nahezu unbezahlbar. Das Internet und Smartphones haben westliche Musik für indische Teenager zwar leichter zugänglich gemacht, das gilt auch für Heavy Metal. Doch der ist in Indien alles andere als gesellschaftlich akzeptiert. Und im Westen weiß kaum jemand, dass es überhaupt Inder gibt, die Metal mögen. Dementsprechend rar sind Auftritte von ausländischen Bands.

"Jedes Jahr werden wir stärker"

Salman Syed will das ändern. Der rundliche Mann ist gerade mal 24 Jahre alt, aber schon seit sechs Jahren im Geschäft. Er sitzt am anderen Ende der Stadt in einem dunklen Büro und öffnet er einem die Tür, steht man in einer Garage. Salman ist der Manager von Kryptos und seit Anfang des Jahres auch von Millennium, einer der ersten indischen Metal-Bands überhaupt. Im Jahr 2007 organisierte er die Europa-Tour von Kryptos, nun stellt Salman das Bangalore Open Air (B:O:A) auf die Beine, das laut seiner Aussage größte asiatische Metal-Festival.

"Manchmal weiß ich wirklich nicht mehr, warum ich mir das antue", sagt Salman. Er sitzt gebeugt auf einem Bürostuhl, er schüttelt den Kopf. Gerade kam einen Anruf vom Amt, wie so oft in den vergangenen Wochen. Beim "Commissioner of Police" und beim "Commissioner of Excise", bei Polizei und Luxussteuerbehörde, musste Salman bisher 19 Genehmigungen für sein Festival einholen. Und je näher der Festival-Termin rückt, umso mehr kommen hinzu. Heute fordern die Bürokraten Geld für ein Dokument, das offiziell die Erlaubnis erteilt auf der Bühne ein Mikrophon zu benutzen. Indische Behörden mögen kein Heavy Metal.

"Leidenschaft", sagt Salman und lehnt sich zurück. "Ohne Leidenschaft geht hier gar nichts. Man muss kämpfen in Indien." Salman kämpft dafür, dass internationale Bands ins Land kommen - und indische Bands im Rest der Welt bekannt werden. Mit Erfolg, wie er findet - der Metal-Standort Indien wächst und gedeiht. "Wir bauen langsam eine Szene auf", sagt Salman. "Jedes Jahr werden wir stärker."

Für Salman hat der Heavy Metal ein Geburtsdatum. "Am 17. März 2007 machte Iron Maiden auf der "A Matter Of Life And Death"-Tour in den Palace Grounds in Bangalore Station. "Das war der Tag, an dem Metal zu uns kam", sagt Salman. Das Konzert war der erste Besuch von Iron Maiden auf dem indischen Subkontinent - und der bis dato größte Auftritt einer Heavy-Metal-Band in Indien, rund 38.000 Fans feierten die britische Metal-Legende. "Sänger Bruce Dickinson stand auf der Bühne, sah in all die indischen Gesichter und konnte es nicht fassen", sagt Salman. "Er hat ein paar Mal versucht mit uns zu sprechen, vergeblich. Sobald er den Mund aufmachte, haben alle nur noch gejubelt." Salman seufzt, halb wehmütig und halb gestresst, denn er greift jetzt zum Telefon, er muss sich um die Mikrophon-Genehmigung kümmern.

Einige Tage später erhält Salman tatsächlich das Dokument. Und einige Wochen später ruft Tosin Abasi, Gitarrist von Animals As Leaders, einer US-amerikanischen Progressive-Band, von einer Bühne des B:O:A: "Wer konnte ahnen, dass Indien Metalheads hat?" Der indische Rolling Stone schreibt von knapp 4000 Besuchern. Weniger, als sich Salman erhofft hatte. Aber mehr als beim ersten Versuch im Jahr zuvor. Unterstützt wird das Festival inzwischen vom Wacken Open Air (W:O:A), laut eigenen Angaben dem größten Metal-Festival der Welt. Wacken leiht kein Geld, aber seinen Markennamen.

"Animals As Leaders" live at Bangalore Open Air auf YouTube ansehen

Vor Animals As Leaders aus Washington D.C. haben Demonic Resurrection aus Mumbai gespielt, auf der Bühne gegenüber. Sahil Makhija ist Frontmann der Death-Metal-Band, er selbst nennt sich Demonstealer, für seine Fans ist er der "Godfather of Indian Metal". Der 31-Jährige steht nicht nur gern auf der Bühne, er hat auch eine eigene Kochshow. Auf YouTube läuft bereits Folge 15 der Video-ReiheHeadbangers Kitchen, in der Sahil mit bekannten Metal-Musikern Essen zubereitet und sie dabei interviewt.

"Das Bangalore Open Air war phantastisch, aber wir brauchen wohl noch zehn Jahre, um hier eine richtige Szene zu haben", sagt Sahil. Er gehört zu denen, die allen Widerständen zum Trotz fest an die Zukunft des indischen Metal glauben. Sahil lebt in seinem alten Kinderzimmer: ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch. Hinter dem großen Fenster liegt das Meer, nebenan schaut seine Mutter Fernsehen.

"In Indien von Metal-Musik zu leben, ist nahezu unmöglich", sagt Sahil, der hauptberuflich als IT-Experte arbeitet. "Wir haben hier kaum Labels - aber dafür ein riesiges Land, in dem man nur in wenigen Städten Metal spielen kann", erklärt er. Ein Konzert ist für viele Besucher absoluter Luxus, zum Geld für das Ticket kommt oft eine weite Anreise. Das durchschnittliche Einkommen in Indien liegt bei rund 500 Euro pro Monat, doch das ist nur Statistik: Für viele Fans dürften es eher 80 Euro sein, so dass bereits zwei Euro für eine Eintrittskarte als kleines Vermögen gelten.

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Metal-Festival in Wacken: Totenköpfe und jede Menge Dosenbier
An der Wand über Sahils Bett hängen Plakate von seinen Auftritten, mit Demonic Resurrection spielte er im vergangenen Jahr in London. Und auch die Flyer seiner Freunde pinnt er überall an, Kryptos hängt neben seinem Nachttisch. Nolan und Sahil kennen sich seit 15 Jahren.

Nolan tritt mit Kryptos dieses Jahr in Wacken auf, ein Traum - Sahil hat es mit Demonic Resurrection nicht ins Line-Up geschafft, er hofft auf das kommende Jahr. "Klar, ich bin enttäuscht", sagt Sahil, zuckt mit den Schultern und schaut hinaus aufs Meer. "Was soll man machen? Ich freue mich jetzt erstmal für Nolan."

"Jeder indische Metalhead würde sein Leben lang im Matsch stehen, wenn er dafür Wacken erleben dürfte", sagt Nolan. Es ist jetzt Ende Juli, er steht mitsamt Band am Hauptbahnhof in Hamburg, die vier Jungs haben sich gut vorbereitet für Deutschland und für Wacken, jeder hat zwei vollgestopfte Taschen dabei, sie haben Gummistiefel im Gepäck und dicke Pullover und Regenjacken. "Wenn es zu kalt oder nass wird, trinken wir einfach mehr Bier", sagt Nolan. Ave, seine Frau, ist weniger gelassen. "Nolans Zelt ist doch kaputt", sagt sie.

Kryptos haben bereits einige Gigs ihrer "Coils Around Europe"-Tour gespielt, zwei Auftritte in Norwegen mussten sie leider absagen. "Es ist dort doch zu teuer für uns", sagt Nolan. Aber der Höhepunkt, der steht ihnen ja noch bevor: Am 4. August werden Kryptos um 0.10 Uhr Ortszeit die sogenannte W.E.T. Stage des Wacken Open Air betreten und dort bis 0.55 Uhr spielen - als erste indische Metal-Band überhaupt. Danach folgt noch ein Auftritt in Aschaffenburg, und am 12. August wartet dann der Flieger in Frankfurt, um sie zurück nach Indien zu bringen. Einen Tag später muss Nolan wieder seinen Dienst am Bankschalter antreten.

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5 Leserkommentare
ofelas 02.08.2013
signaturen 02.08.2013
w.r.weiß 03.08.2013
e-cdg 03.08.2013
manpreet_singh 06.09.2016

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