Heavy Metal Zu laut für China

In China führt die Regierung einen Kleinkrieg gegen Heavy Metal. Konzerte platzen, Musiker und Fans werden schikaniert. Sie stören den "Chinesischen Traum". Eine Reportage aus dem Moshpit von Peking.

Suffocated

Von und Caroline von Eichhorn, Peking


Als zwei Streifenpolizisten im Frühjahr am Tango Club in Peking vorbeispazieren, hören sie einen merkwürdigen Krach und riskieren einen Blick hinein. Drinnen tanzen Metalheads Siqiang, im Westen als "Wall Of Death" bekannt. Die schwarz gekleideten Rocker stehen sich gegenüber und rennen aufeinander zu. Lange Haare fliegen durcheinander, als beide Fraktionen zusammenstoßen. Einige wirft der Aufprall zu Boden. So etwas haben die Polizisten noch nie gesehen. Sie fordern Verstärkung an.

Für das 330-Festival ist es das Ende. Nach gerade mal zwei Auftritten ist Schluss mit Headbangen, die eingetroffene Verstärkung lässt den Klub räumen. Kou Zhengyou sitzt auf der Bühne und weint. Er hat das Metal-Festival erfunden, zum ersten Mal seit der Premiere 2002 darf es nicht stattfinden, eine Zäsur für die junge Szene.

Staat und Kunst haben in China immer ein heikles Verhältnis zueinander, doch in diesem Jahr ist es eskaliert. So viele Konzerte wie nie sind abgesagt oder verschoben worden, besonders viele in der Hauptstadt. Pekings größtes Open-Air-Event, das Rockfestival Strawberry, bekam im April zum ersten Mal keine Genehmigung. Die Behörden verlegten es "auf unbestimmte Zeit".

Publikum beim 330-Festival 2014
Kou Zhengyou/ 330 Festival

Publikum beim 330-Festival 2014

Ähnlich erging es dem Hauptkonkurrenten Midi: Der Genehmigungsprozess lief so schleppend, dass die Veranstalter es in letzter Minute in eine andere Stadt verlegten, 650 Kilometer von Peking entfernt. Der japanische Sänger Makoto Kawabata, Frontmann der Truppe Acid Mothers Temple, durfte erst gar nicht auftreten, ebenso die britischen Punker The Boys. Besonders hart trifft es HipHopper mit sozialkritischen Texten - und Heavy Metal.

Künstler sollen "im Gleichklang mit dem Volk atmen"

"Sie kennen die Metal-Kultur einfach nicht", sagt Kou Zhengyou lachend. Der Erfinder des 330-Festivals, der als Gitarrist einer Thrash-Metal-Band schon beim Wacken Open Air aufgetreten ist, sitzt auf der Dachterrasse eines Pekinger Cafés, entnimmt der Packung vor ihm eine Zigarette nach der anderen und versucht, diese "Missverständnisse" zu erklären. Klar falle mal jemand beim Siqiang hin und blute aus der Nase, meint der 36-Jährige. Aber dann käme gleich jemand um ihn zu stützen. "Man hilft sich bei uns gegenseitig."

Die Behörden haben Schwierigkeiten, Kous Sicht zu akzeptieren - die Menschenmassen seien gefährlich, die Events ungeeignet für Minderjährige, so begründen sie die Absagen. Das Tango sei überhaupt nur für 600 Menschen zugelassen, erfuhr Kou nach der chaotischen Räumung auf dem Polizeirevier - da waren bereits 1300 Tickets verkauft. "Davon hat uns der Klub aber gar nichts erzählt", sagt Kou.

Festival-Organisator und Metal-Musiker Kou Zhengyou
Caroline von Eichhorn

Festival-Organisator und Metal-Musiker Kou Zhengyou

Bislang interessierten solche Dinge in China auch niemanden. Dass die Behörden es damit nun umso genauer nehmen und der Druck auf Musiker steigt, ist politisch gewollt. In einer Rede forderte Präsident Xi Jinping kürzlich, die Künstler mögen "im Gleichklang mit dem Volk atmen" und sozialistische Werte vorleben.

Derzeit verbreitet Xi mit der Kampagne vom "Chinesischen Traum", wie er sich dieses Zusammenleben vorstellt: Hausfassaden, Baustellenwände und U-Bahnen des Landes sind vollgeklebt mit Plakaten, die ein heiles Familienleben im Schoße des Staates porträtieren. Auf den Motiven unterrichten graubärtige Schriftsteller das Volk über die Segnungen des Sozialismus, Maler pinseln idyllische Bergwelten, brave Musiker zupfen an der Laute Volkslieder. Jedes noch so kleine Dorf ist voll mit der Propaganda.

Die Metalheads mit ihren fremden Ritualen passen da so gar nicht ins Bild einer Gesellschaft, die schon ein Tattoo auf dem Oberarm "guai", also komisch, findet. Menschen wie Kou fallen auf, mit ihren Pferdeschwänzen und schwarzen Shirts, auf denen Bands wie Suffocated, Raging Mob oder Pupil of Satan gehuldigt wird.

Leidtragende des Umschwungs sind Fans wie Erika und Kulo aus Shanghai. Die Mitte-20-Jährigen lieben Konzerte, diesen Sommer trinken sie ihr Bier allerdings häufig zu Hause auf der Couch ihrer WG im 8. Stock. "Wir haben keine Möglichkeit mehr, zu einem Metal-Gig zu gehen", sagt Kulo.

Die Freundinnen interessieren sich nicht für Shopping oder Popmusik wie die meisten in ihrem Alter. Sie tragen Gothic-Klamotten, Tattoos und wollen anders sein. "In vielen Metal-Songs geht es darum, den eigenen Weg zu finden, zu kämpfen", meint Erika. Beide glauben, dass diese Einstellung der kommunistischen Partei nicht gefällt.

Auftritt der Gruppe Source Code im Mao Livehouse in Peking
Christoph Behrens

Auftritt der Gruppe Source Code im Mao Livehouse in Peking

Das plötzliche Interesse der Regierung wundert sie dennoch. "In China kümmert es keinen, wenn jemand betrunken Auto fährt oder ein Jugendlicher Alkohol trinkt", sagt Erika. "Aber jetzt sorgen sie sich wegen Metal?" Die Szene sei doch sehr klein, alles andere als eine Massenbewegung.

"Die Regierung hat Angst vor Dingen, die sie nicht kennt", sagt Cassandra. Die 30-jährige Chinesin mit kinnlangen rot gefärbten Haaren arbeitet in einer der wenigen Metalbars Chinas, dem Inferno in Shanghai. Sie hat sich den Namen der Bar dick über den ganzen Unterarm tätowiert.

Vor Kurzem musste das Inferno umziehen. Im vorherigen Viertel gab es zu viele lautstärkenbedingte Polizeibesuche. Cassandra bekommt immer mehr Anfragen von jungen Metal-Bands, die auftreten wollen. Genau deswegen sei die Regierung aufmerksamer, glaubt sie. "Kultur beeinflusst das Denken. Wenn eine Kultur zu dominant wird, fühlt sich die Regierung bedroht."

Was auf der Bühne passiert, wird nun schärfer kontrolliert

Marc Loupe (Name geändert) erinnert sich an Zeiten, in denen es anders war. Der Franzose kam 2002 als Musikmanager nach Peking, organisierte Konzerte und holte ausländische Bands auf die Bühne. "Ich war beeindruckt von der Energie der Stadt", sagt Loupe. Er zog nach China, denn er habe das Gefühl gehabt, auch die Regierung wolle die Kultur fördern. "Sie waren flexibel, was neuen Geschmack angeht, auch gegenüber Dingen, die sie selbst nicht verstehen. So wie Menschen, die auf Festivals Gefühle zeigen."

Doch seit etwa zwei Jahren, nach dem Aufstieg Xis, ändern sich die Dinge. Bei ausländischen wie chinesischen Bands werde schärfer kontrolliert, sagt Loupe. "Sie wissen es nicht mehr zu schätzen."

Metal-Konzertplakat: Auftritte wie der von Suffocated werden seltener
Caroline von Eichhorn

Metal-Konzertplakat: Auftritte wie der von Suffocated werden seltener

Das spürt der Musikpromoter, wenn er Konzerte organisieren will. Bis zu drei Monate vor einem Auftritt ersucht er um eine Genehmigung. Er und sein Team müssen alle Liedtexte ins Chinesische übersetzen und an die Kulturbehörde schicken.

Die Beamten wollen die genaue Tracklist sehen, von diesem Spielplan dürfen die Musiker auf der Bühne nicht mehr abweichen. Für Musiker auf Tour eine Schikane, denn unterwegs feilen sie natürlich an ihrer Performance, streichen Nummern und fügen andere hinzu. Seit Kurzem muss Loupe auch Videos von alten Auftritten abliefern. Man interessiert sich für Vorstrafen der Musiker, Drogendelikte, antichinesische Äußerungen oder Sympathien für Tibet.

Die deutsche Gruppe Equilibrium durfte im Frühjahr nicht einreisen, geplante Konzerte wurden abgesagt - wegen Visaproblemen, schrieb die Band. Wegen heidnischer Texte, vermutet Metal-Fan Kulo. Vor einigen Jahren seien die Gesetze zwar auch schon so gewesen, meint Loupe, aber die Beamten hätten sie nicht zu ernst genommen. "Jetzt sehen sie sich alle Videos an, hören die Musik, lesen die Texte." Eigentlich könnten sie Musikkritiker sein, witzelt der Franzose.

Zum ersten Mal seit 15 Jahren macht sich Loupe um seine eigene Zukunft in China Sorgen. Doch viel schlimmer findet er, dass die Gesellschaft mit der neuen politischen Linie ihre Dynamik verlieren könnte.

"Wacken in China"

Dabei haben gerade die Metalheads in China bereits sehr viel erreicht. Ende der Achtziger kam Metal von den USA nach China. Kou Zhengyou hörte sie damals zum ersten Mal, auf illegalen Kassetten aus den USA. Der Zoll zerschnitt die Bänder, erzählt Kou. Er und seine Freunde klebten sie wieder zusammen, hörten rein und wussten: Diesen Sound wollen sie auch machen.

Suffocated live: Eine der wenigen Profibands des Landes
Suffocated

Suffocated live: Eine der wenigen Profibands des Landes

Kou kaufte sich eine Gitarre und einen Bass und legte los - lange Zeit als Hobbymusiker. Seit vier Jahren können er und seine Band Suffocated von der Musik leben. "Als eine von vielleicht fünf Metalbands in China", sagt Kou.

Auch die Zensur ist erwachsen geworden, mit der Schere von damals hat sie nichts mehr gemeinsam. Doch um Strömungen wie Heavy Metal einzustampfen, ist es zu spät. Längst gibt es nicht mehr nur in Peking oder Shanghai moderne Konzertsäle, auch in Millionenmetropolen wie Lanzhou, Wuhan oder Suzhou entstehen neue Klubs und Bands mit erstaunlicher Vielfalt. Die Gruppe Nine Treasures um Frontmann Askhan aus der Inneren Mongolei vereint Hardcoresound mit mongolischen Melodien und kehligem Steppengesang, eine ganz eigene chinesische Variante des Folk Metal.

Bandfoto von Nine Treasures aus der Inneren Mongolei
Nine Treasures

Bandfoto von Nine Treasures aus der Inneren Mongolei

Und die Musiker sind geübt darin, Freiräume zu erobern. Kou verlässt das Dachterrassencafé und fährt mit der U-Bahn zu einem Bürokomplex. Mit dem Fahrstuhl geht es ins dritte Untergeschoss, an Parkplätzen vorbei, in einen verspiegelten, hell erleuchteten Proberaum. Kabel liegen am Boden, die Mischpulte sind nagelneu. Kous Bandmitglieder stehen schon bereit, vier dunkel gekleidete schweigsame junge Männer an spitzen Gitarren und hinter einem Schlagzeug.

Seinen Plan, das 330 groß zu machen, will Kou nicht aufgeben. "Ich werde mein ganzes Leben damit verbringen, Metal in China möglich zu machen", sagt er. "So etwas wie Wacken in China". Er tritt auf sein Pedal und seine verzerrte Gitarre übertönt alles andere.

Proberaum im Bürokomplex: Kou Zhengyou (r.) und seine Band
Caroline von Eichhorn

Proberaum im Bürokomplex: Kou Zhengyou (r.) und seine Band

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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
e625 02.08.2015
1. So verwunderlich ist das nicht,
wenn man bedenkt, dass persönliche Freiheit eines der größten Themen des Metal ist (neben der Geschichte, Fantasy und Horror/Blood+Gore).
mattijoon 02.08.2015
2. China will eine Weltmacht sein
Das bedeutet nicht nur, ökonimisch stark zu sein. Eine wirkliche Weltmacht inspiriert die Welt in Sachen Kultur, Freiheit, und Menschenrechte. Das China, das sich hier zeigt, ist ein rückwärtsgewandtes China des 20. Jahrhunderts, nicht das China des 21. Jahrhunderts. Ich hoffe, die Führung besinnt sich.
rexroma 02.08.2015
3.
Und dabei dürfen doch sogar in Pyongyang Bands wie Laibach auftreten. Da kann sich die Partei bei Kim dem alten Metalhead noch was abschauen.
thelix 02.08.2015
4.
Danke für den Artikel: ich habe gerade mal bei NINE TREASURES reingehört, die Jungs sind ja der Hammer! :)
erst nachdenken 02.08.2015
5.
Richtig innovativ wird China so niemals werden, denn dafür braucht es freies denken und gestalterischen Freiraum. Gut für uns.
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