Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Allroundmusiker Holliger: Die Wut über den verlorenen Schumann

Von

Allroundmusiker Holliger: Jubel seiner Asche! Fotos
Daniel Vass

Heinz Holliger machte die Oboe zum Star-Instrument, er dirigiert auf höchstem Niveau, und obendrein komponiert er Erstaunliches. Alles zusammen gibt es auf zwei neuen CDs zu seinem 75. Geburtstag.

Wie hält man es als Interpret mit Robert Schumann und Claude Debussy? Antwort: Gefühl ist nicht alles, Intellekt hilft. Als hätte der inzwischen 75-jährige Heinz Holliger sein Leben lang Anlauf genommen, so entschlossen springt er als Dirigent in die impressionistische Klangwelt Debussys und macht überraschende Entdeckungen.

Wer die 2012 erschienene Debussy-CD des großartigen Pianisten Rafal Blechacz kennt, der hat eine Ahnung, mit welchem Plan Holliger in der nun erscheinenden Aufnahme mit Orchesterwerken das Werk des Franzosen angehen könnte. Ihn interessiert die Architektur, die zur Bedingung des reinen Klanges wird, wie etwa in seiner Interpretation der "Images" oder des bekannten Konzert-Hits "Prélude à l'après-midi d'un faune". Dieser Faun begann seinen Tanz selten nachdenklicher: Jede Klang-Schattierung, jedes Arrangement-Detail gewichtet Holliger auf seinem neuen Werk mit Bedacht, und sein Radio-Sinfonieorchester Stuttgart bietet alle Intensität auf, um dem Maestro auf seinem detailversessenen Debussy-Trip zu folgen.

Rhythmuswechsel und gleißende Harmoniefolgen fließen zu Spannungsbögen zusammen, Stile mischen sich, von kammermusikalischer Innigkeit bis zu Filmmusikflächen. In der zweiten Saxofon-Rhapsodie, die den Abschluss des Albums bildet, bindet Holliger mit sanft angejazztem Sound alle Elemente, die Debussys Werk so populär machten.

Einen ganz anderen Holliger hat man in der kleinen Form: "Aschenmusik" (ECM) nannte er verwegen seine zweite aktuelle CD, auf der er wenig bekannte Kammermusik von Robert Schumann spielt und sie eigenen, von Schumann inspirierten Kompositionen gegenüberstellt. Das mag auf den ersten Blick vermessen erscheinen, doch es reflektiert eher die Wertschätzung Holligers für das Werk Schumanns, seinem Seelenverwandten. Denn Schumann war mehr als nur Musiker, er arbeitete als Kultur-Intellektueller und Fachjournalist, der sich intensiv um Werke anderer kümmerte und sich Gedanken machte über Musik und Gesellschaft.

Die Nachwelt sollte geschont werden

"Aschenmusik" heißt dieses intime Musikgebinde vor allem, weil es sich in Teilen auf die von Clara Schumann (auf Anraten Johannes Brahms') verbrannten Cello-Romanzen bezieht, die Schumann kurz vor seinem Aufenthalt in der Nervenheilanstalt Endenich komponiert hatte. Sie sollten der Nachwelt "erspart" bleiben, könnten sie doch den Gesamteindruck seines Werkes verfremden oder zumindest verdüstern. Heinz Holliger selbst komponierte darüber - auch aus Wut! - seine vier "Romancendres" für Klavier und Cello (2003), die jedoch in ihrer filigranen Fächerung reine Empfindungen, aber keine historische Spurensuche beschreiben. Holligers eigene Musiksprache gibt diesen Gedanken zu Verlust und Schmerz einen betörenden Klang mit meditativem Charakter, wie es besonders in "R(asche)S Flügelschlagen" zu hören ist: ein Experiment zwischen Musik und Geräusch.

Der gebürtige Schweizer Holliger komponierte schon mit 14 Jahren, studierte dann bei Pierre Boulez und wurde als Schöpfer eigenwilliger Vokal- und Orchesterwerke rasch ebenso erfolgreich wie als Oboen-Virtuose. Für ihn schrieben Kollegen äußerst anspruchsvolle Kompositionen, und auch als Produzent bewies er ein glückliches Händchen - 2002 wurde er für seine Einspielung "Schneewittchen" (ECM) mit einem Grammy ausgezeichnet.

Drei Stücke für Klavier und Oboe op. 94 (auch mit Violine oder Klarinette spielbar) schrieb Robert Schumann 1849, ein Jahr, in dem ihm besonders viel für Stimmen und Kammermusik einfiel. Holliger selbst spielt die Oboe mit kräftigem, klarem Ton, der sich zwingend mit dem Klang des Pianos ergänzt. Schumanns melodischer Erfindungsreichtum, seine harmonischen Überraschungen und Stimmungswechsel packen hier ebenso wie in den großen Werken für Klavier oder Orchester.

Romantische Grandezza

Intensiver noch der Auftakt der CD: Hier gelingt Schumann in den "Sechs Stücken in kanonischer Form" op. 56 der romantische Aufschwung mit fließender Eleganz. Für Oboe, Cello und Klavier 1845 geschrieben, versteckt sich die Grandezza in kurzen Charakterstücken, deren Anmut Heinz Holliger, Anita Leuzinger (Cello) und Anton Kernjak (Klavier) nicht überdehnen, sondern gewissenhaft ausloten - und damit perfekt gewichten. Das Produkt eines denkenden Musikers: Ein informatives Interview mit Holliger im CD-Booklet ergänzt den famosen Eindruck des Albums aufs Beste.


Robert Schumann - Heinz Holliger: Aschenmusik. Mit Heinz Holliger, Oboe; Anita Leuzinger, Violoncello; Anton Kernjak, Klavier; ECM Bew Series; 16,99 Euro.

Claude Debussy: Orchestral Works. Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Leitung: Heinz Holliger. Mit Dirk Altmann, Klarinette; Daniel Gauthier, Saxophon; hänssler Classic; 14,99 Euro.

Gute Ideen für die Schule gesucht!

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein Lob an SPON
peter e. 29.06.2014
dafür, dass man sich mal durchringen konnte, einem Klassik-Protagonisten einen Artikel zu widmen, der sich abseits der allgegenwärtigen auf Massentauglichkeit getrimmten Mainstream-Stars behauptet - auch mit einem bemerkenswerten Maß an Repertoire-Kompromisslosigkeit.
2. Saxophon-Symphonie??
ogonoi 29.06.2014
Sehr geehrter Herr Theurich, ich bin mir ziemlich sicher, dass Debussy kein Werk dieses Namens komponiert hat. Meinen Sie etwas die Rhapsodie No. 2 für Saxophon und Orchester?
3. Seh richtig,...
sysop 30.06.2014
lieber User, gemeint ist natürlich die Rhapsodie für Orchester und Saxophon. Merci für den Hinweis!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige


Facebook
Anzeige


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: