Kultur

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Helene Fischer in Berlin

Endlich wieder Sommermärchen

Lackoutfits und Ballermann-Musik - bei ihrem Konzert im Berliner Olympiastadion hauchte Helene Fischer der betäubten Fußballseele wieder Leben ein: "Spürst du das?"

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Montag, 09.07.2018   12:29 Uhr

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Es sind die kleinen Dinge im Leben, so Helene Fischer vor 58.000 Menschen im Berliner Olympiastadion. Es sind die kleinen Dinge, die uns glücklich machen. Das ist ihr Anliegen an diesem Abend. Sie spricht es nicht wirklich aus, denn Helene Fischer sagt nie irgendetwas Konkretes, aber sie deutet gern Konkretes an. Etwa wenn sie in die Hundertschaften von schwarz-weißen Helene-Fischer-Trikots ruft: "Berlin, heute soll Euer Sommermärchen wahr werden." Und die Masse jubelt. Am Sonntagabend liefert sie im Berliner Olympiastadion ein 22 Songs starkes, stimmig gesungenes Pop-Bombast-Musical ab, das in donnernden EDM-Beats mündet.

Immer wieder erklärt sie das Konzert: "Es soll wie eine Party sein", sagt sie, oder wenigstens eine "Reihe von goldenen Momenten". Sie wirkt unsicher, ob ihr das auch gelingt, ob sie das Publikum gewinnen kann. Sie will nichts falsch machen. Sie will Deutsche Meisterin und dabei doch bescheiden sein.

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Das Publikum liebt genau diese Attitüde. Im Gegensatz zur DFB-Mannschaft kann die "Frauschaft" HF nicht verlieren, nicht aus ihrer eigenen "Achterbahn" rausfliegen. Sie hat sich eine gelungene Dramaturgie ausgedacht: Die schwächsten Songs ( "Fehlerfrei" "Phänomen") kommen in das erste Segment - unterstützt von krachenden Effekten. Da ist es noch hell und das Publikum noch hüftsteif. Schon zum ersten Song eruptiert ein Vulkan mit buntem Konfetti und Helene verheißt: "Heute gehöre ich nur euch." Dann bricht sicherheitshalber noch Feuerwerk aus.

Ein großes "Na und?"

Die Bühne, das ist ein riesiges H aus leuchtenden LED, flankiert von zwei ebenso mächtigen Leinwänden, die auch Helene zeigen. Da sind also immer mindestens drei Helenes auf der Bühne, manchmal sogar fünf. Was soll da schiefgehen? Fischers Outfit ist eine Apologie des schlechten Geschmacks. Sie trägt alles, was schon immer als verboten galt in Kombination: Glitzer über den Augenbrauen zu blauem Kajal zum bauchfreien Ledertop mit bunten Glitzerkristallen zu fransigen Jeansshorts zur Netzstrumpfhose zu weißem Nagellack zu Overknee-Stiefeln aus Jeansstoff zu Solariumbräune zu blondiert und großen Metallspangen im Haar. Helene sagt ihrem Publikum damit: Ihr dürft das auch. Egal, ob Mann ob Frau. Sie ist ein großes "Na und?"

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Die Leinwände zeigen goldene Sonnen auf changierenden Leopardenmustern. Dazu gibt es silbernes Lametta, rosa Wolken, Regenbogenfarben und funkelnde Kristalle. Einhörner und Katzenbabys werden nicht gezeigt, aber immer mitgedacht. "Wer ist denn schon fehlerfrei", singt Helene, tanzend mit einem silbernen Spazierstock, der aussieht, wie eine überdimensionierte Schraube. Locker? Egal. Sie setzt zur Prozession durch das Stadion an, stehend auf einem Auto, das zu einem Medley im Uhrzeigersinn an den Fans vorbeifährt.

Die Kostümwechsel zwischen den Segmenten werden mit Helene-Meditationen überbrückt. Aus dem Off haucht sie das Publikum an: "Sag mal, spürst du das?" Es ist die Leitfrage des Abends. "Du kannst schweben wie ein Schmetterling", verspricht sie. "Du bist Feuer." Der Zuschauer ist hypnotisiert. Er weiß, er muss keine Entweder-oder-Fragen stellen: Man kann Feuer sein, aber auch Schmetterling. Das ist Leben. Spürst du das? "Worte werden Taten, und Taten verändern die Welt", haucht Helene. Und als sie dann wiederkommt, ist sie eine Mischung aus Sonnengöttin und Whitney Houston in "Bodyguard", als sie ganz silbern "I Have Nothing" singt.

Überhaupt zitiert sie die Popikonen wie wild: Mal reitet sie wie Kylie einen mechanischen Bullen, der bei ihr allerdings ein silbernes Herz ist - ganz wie der Flori. Dann schlägt sie kniend auf den Boden ein wie Britney anno 2000. Und gibt dann, von ihren Tänzerinnen umringt, den um Verlobung bittenden Single-Ladys-Tanz von Beyoncé.

Oooh-oh-oh-oh-oh-ooooh-oh!

Richtig Schwung kommt aber erst mit dem Ballermann-Segment in das Stadion. Helene Fischer ist ein Kind der Neunziger, sie covert Snaps "Rhythm Is a Dancer", Haddaways "What is Love?" und Dr. Albans "Sing Halleluja". Das gefällt allen. Auch Berlins ehemaligem Bürgermeister Klaus Wowereit. Niemand sitzt mehr auf den Stühlen, die man vorsorglich ins Stadion gestellt hatte, man weiß ja nie. "Wir wollen die Leichtigkeit des Seins spüren", erklärt Helene - frei nach Milan Kundera. Und bittet ihren Support-Act Ben Zucker auf eine just in dem Moment aus dem Boden gefahrene Mitten-im-Stadion-Bühne, um mit ihm "Freiheit" zu singen. Helene singt selbst, Zucker landet beim Versuch, wie Westernhagen zu klingen bei Krümelmonsters Kette rauchendem Vater.

Nur folgerichtig also, dass der übernächste Song, der das Finale einleitet, dann "Atemlos" heißt. Hier geht es nun am deutlichsten um Sex. Der muss in der familienfreundlichen Helene-Welt natürlich sauber verdünnt werden. Mit einem Kleid aus durchsichtigen Plastikschuppen und Muscheln singt sie vor unendlichen Wassermassen auf den Leinwänden. Als wenig später Leinwände und Bühne schwarz werden, skandiert das Publikum - wie sonst auch im Stadion - die O-Vokal-Version von "Seven Nation Army": Oooh-oh-oh-oh-oh-ooooh-oh.

Zur Zugabe erscheint Helene Fischer im durchsichtigen Lack-Zweiteiler, barfuß auf einer unter Wasser gesetzten Bühne, auf der es auch noch brennt, weiß qualmt, und dazu feuerwerkt. Mehr geht nicht. Das tröstende Sommermärchen - hier ist es ganz wahr.

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