Neues Album von Helene Fischer Zur Sonne, zur Freiheit

Heute ist das neue Album von Helene Fischer erschienen. Gelingt es ihr, in diesen politischen Zeiten Schlager-Traditionalisten und neues Pop-Publikum erneut zu vereinen?

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Vorbei, das Farbenspiel, willkommen in der Grauzone. Schon das schwarz-weiße Cover-Motiv des neuen Albums der Sängerin Helene Fischer symbolisiert, dass allen Beteiligten dieser wahrscheinlich wichtigsten deutschen Musikveröffentlichung des Jahres der Ernst der Lage bewusst ist.

Vor drei Jahren gelang der heute 32-jährigen Fischer die unwahrscheinliche Vermählung zweier Genres, die sich bis dato diametral gegenüberstanden: Pop und Schlager. Ihr sechstes Album "Farbenspiel" enthielt den Song "Atemlos", der zu einem Dauerphänomen in den Charts und im öffentlichen Bewusstsein wurde. Album und Single verkauften sich zusammen mehr als drei Millionen Mal, eine Blockbuster-Leistung, die für nationale Künstler die absolute Ausnahme ist. Als Fischer dann im Juli 2014 auch noch mit der soeben zu Weltmeistern erkorenen deutschen Fußballnationalmannschaft auf einer Bühne am Brandenburger Tor stand, gab es keinen Zweifel mehr daran, dass deutscher Pop eine neue First Lady gefunden hatte. Mehrere ausverkaufte Tourneen durch die Hallen und Stadien der Republik folgten, der Erfolg von Fischer war so atemberaubend, dass einem ein bisschen schwindelig wurde.

Doch seit dem Rausch des Sommers 2014 hat sich das Land verändert: Mit der Flüchtlingskrise kam die AfD, das Land, eben noch gemeinsam auf "Atemlos" und WM-Titel geeicht, schien sich in einen regressiven und einen progressiven Bevölkerungsteil zu spalten. Die Weltoffenheit und Diversität, die auch Helene Fischer in ihren eklektischen Live-Shows zelebrierte, indem sie internationale Hits von Prince bis Queen coverte und sich mit libertärer Lack- und Leder-Garderobe als "deutsche Lady Gaga" bewundern ließ, wird nun, vielleicht von einer Überdosis verkatert, von vielen misstrauisch und ablehnend betrachtet. Auf der Suche nach Identität macht ein Teil der Deutschen zu, muss nach so viel atemlosen Fortschritt erschöpft am Wegesrand rasten - und schaut sehnsüchtig zurück ins Überschaubare des Nationalen und Völkischen.

Ein neues "Atemlos"? Jein!

Ein neues Album der neuen Nationalkünstlerin Helene Fischer, das nun, drei lange Jahre später, in diese gesellschaftliche Gemengelage hinein veröffentlicht wird, ist automatisch ein Staatsakt: Kann es ihr erneut gelingen, das regredierende Element des Schlagers, ihrer musikalischen Heimat, mit dem nach vorne, zum Neuen strebenden Moment des Pop zu vereinen?

Diese Frage beschäftigte offenbar nicht nur Kritiker wie Publikum, sondern auch Fischer und ihr Umfeld. Noch bis vor wenigen Wochen war die Sängerin im Studio, um letzte Hand an Songs und Produktion zu legen. Anders als beim Durchbruch-Album "Farbenspiel", das zum Großteil von Songwriterin Kristina Bach und Produzent Jean Frankfurter betreut wurde, wurde für "Helene Fischer" ein ganzes Heer an Songwritern um Beiträge gebeten. Zu den Mitwirkenden an den 24 Songs der Deluxe-Edition des Albums gehört das Who's who der aktuellen deutschen Pop-Autoren, viele jener Industrie-Schreiber also, die Comedian Jan Böhmermann kürzlich in seinem Jim-Pandzko-Spott zum Echo durch den Kakao zog. Zum Schreiberpool gehörten unter anderem Peter Plate (Rosenstolz), Ela Steinmetz, Robin Grubert, Markus Schlichtherle, Martin Fliegenschmidt und Simon Triebel, aber auch Newcomer wie der Rapper Fabian Römer und die Schauspielerin Stephanie Stumph, die "Herzbeben" schrieb. Aber auch das routinierte Duo Bach/Frankfurter ist wieder mehrfach vertreten.

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Helene Fischer: Doch nur ein Mensch?

Hat diese geballte Autoren-Power ein neues "Atemlos" hervorgebracht? Diese Frage muss man nach dem ersten Hören von "Helene Fischer" zunächst mit "Jein" beantworten. Die Plattenfirma Universal, die auch wegen der Zeitknappheit jegliche Werbeaktivitäten auf ein Minimum beschränkte, veröffentlichte kurz vor Veröffentlichung des Albums gleich zwei Vorab-Songs: Das eher klassische, Partyschlager-hafte "Nur mit Dir" und das auf Elektro-Subbässen und Techno-Beat modernistisch-clubbige "Herzbeben". Für jeden etwas also: Das Volk soll demokratisch entscheiden, welche Fischer-Facette es zur Hymne dieses Sommers machen möchte. Allerdings muss man sich das Album kaufen, um in den zwei Dutzend Angeboten eine Auswahl treffen zu können, als Stream wird es bei Spotify oder Apple Music zunächst nicht erhältlich sein. Man wolle erstmal sehen, wie sich die Album-Verkäufe entwickeln, heißt es beim Label.

So weit, so Streubombe

Dass "Helene Fischer" ein Selbstgänger ist, der in den nächsten Wochen und Monaten die Charts-Spitze blockieren wird, daran dürfte jedoch kein Zweifel bestehen. Schon jetzt steht die Hallen-Tournee für den Herbst fest, 2018 geht es dann erneut in die Stadien, die Fischer-Show must go on.

Aber wie positioniert sich die neue Pop-Königin von Deutschland in dieser grauen Zeit? Sie setzt, auf dem Cover ihres Albums, ein Sphinx-haftes Lächeln auf und hält sich schelmisch eine zweifach beringte Hand vor den Schmunzelmund - Uneindeutigkeit ist Trumpf. Auch musikalisch bietet "Helene Fischer" eine stilistische Bandbreite, die aufregend ist, aber eben auch das Bemühen zeigt, möglichst niemanden zu verschrecken, weder die zum Schunkeln neigende Stammklientel, noch das neu hinzugewonnene junge Pop-Publikum. Es gibt Club-Hymnen wie "Herzbeben" ebenso wie die große Grand-Prix-Ballade "Wenn Du lachst", den an Billy Ocean oder Lionel Richie erinnernden Schmachter "Gib mir deine Hand" ebenso wie die an die Mutter gerichtete Rührseligkeit "Du hast mich stark gemacht" - und nach Ibiza oder Ballermann schielende Partyschlager-Generika wie "Flieger", "Das volle Programm", "Achterbahn" oder "Viva la Vida". So weit, so Streubombe.

In den Texten, die sich Fischer ausgesucht hat (einen, "Lieb mich dann", schrieb sie mit), träumt sich Fischer dann hinaus aus dem Alltagsgrau in einen leidenschaftlichen Optimismus und in die Unendlichkeit. "Wir drehen jedes Tief ins Hoch", singt sie, passend zum endlich beginnenden Sommer, in "Sonne auf der Haut": "Komm', mach dich leicht. Genau wie du, brauch ich 'ne Überdosis Glück". Es geht auffällig oft ums Schweben und Fliegen, es geht zu den Sternen und immer wieder zur Sonne: "Und wenn die Tage sich mal gleich anfühlen, dann brauchen wir doch gar nicht viel, nur ein kleines bisschen Phantasie", heißt es in "Mit dem Wind".

Flammende Sozialromantik

Das ist purer Eskapismus, fair enough auf einem Schlageralbum, und doch verknüpft sich das allgemeine Hochgefühls-Motiv immer wieder mit einer Überwindungslyrik: "Durch jeden Sturm gemeinsam (…) Egal, wo wir am Ende stehen, der Weg war immer unser Ziel", singt Fischer in "Mit dem Wind". "Alles wird möglich, Grenzen, die gibt's nicht, nichts ist unerreichbar", heißt es in "Sowieso": "Genau mein Ding, mal das Unmögliche wagen, dann und wann mal abzuheben". Wenn das gelingt, so Fischer, dann sind wir "unsterblich". Aber, da ist man dann wieder bei der Momentaufnahme, die "Atemlos" war, "nur für eine Nacht" - Immer schön bescheiden bleiben, bei allem Mut zum Ausbruch.

Anders als vergleichbare internationale Künstlerinnen wie Adele oder Taylor Swift, von Lady Gaga ganz zu schweigen, nimmt sich Fischer auf ihrem "persönlichsten Album" (Plattenfirma) als selbstbestimmtes Subjekt komplett zurück. Ihre Flucht- und Höhenflugfantasien realisieren sich immer nur in Bezug auf ein vermeintlich männliches Gegenüber. "Nur mit dir will ich die Welt von oben sehen, will ich auf allen Gipfeln stehen", singt sie, und selbst, wenn sie davon träumt, Astronaut zu sein, dann dient der Weltraumtrip, das ultimative Loslösen doch nur dazu, den Blick an den Anderen dort unten zu ankern: "Vom Mond werd' ich dich sehen". Liebe ist unendlich, aber "nur mit Dir".

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Große ZDF-Gala: Helene singt alles mit allen

Das könnte man als emanzipatorischen Rückschritt und Zugeständnis an die traditioneller denkenden Zuhörer ihrer Musik verstehen, aber zwischen den Zeilen dieser zweisamen Liebesbekundung steckt auch ein Bekenntnis zu Gemeinschaft und Solidarität, wenn man das "zusammen" nicht nur partnerschaftlich individuell liest, sondern als gesamtgesellschaftlichen Aufruf, sich in schweren Zeiten nicht aufzuspalten, sondern zusammenzustehen. "Wir sind auf der Flucht und die Welt bricht ein/ Doch wenn du mit mir glaubst, dann kann es anders sein", heißt es beschwörend in "Wir brechen das Schweigen": "Wir zünden die Sonne an und schreien es laut: Wir brechen das Schweigen und brennen heller als das Licht".

Zur Sonne, zur Freiheit, zum Licht: Auf so viel flammende Sozialromantik, die man auf einem Helene-Fischer-Album gar nicht vermutet hätte, können sich dann wohl alle wieder einigen: die atemlos nach vorne in die Moderne Drängenden ebenso wie die, die sich abgehängt fühlen. Wer weiß, vielleicht hat eine Sommerfrische mit Helene ja erneut eine wohltuend krampflösende Wirkung.



insgesamt 19 Beiträge
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tariktell 12.05.2017
1. Ist das wirklich Euer Ernst?
Das sind doch keine SPIEGEL-Inhalte! Habe ich versehentlich die BUNTE angeklickt?
kritischerkritiker 12.05.2017
2. Man kann..
auf Frau Fischer ja verbal einküppeln wie man möchte aber schlimmere Musik wie viele andere deutschsprachige Künstler macht sie nun auch nicht. Ist Atemlos z.B. wirklich schlimmer als das Gejammere von "Ich und Ich" oder Tim Benzko? Ich finde nicht. Jan Böhmermann hat es da mit "lachen, tanzen, leben, welt" gut auf den Punkt gebracht.
Ienz 12.05.2017
3. Hä?
Ist das jetzt wirklich Andreas Borcholte oder der PR-Texter ihrer Plattenfirma? Helene Fischer ist Schlager und sollte nie in einem Atemzug mit Madonna genannt werden. Sie ist genau so viel Pop wie Florian Silbereisen.
blueberryhh 12.05.2017
4. och Borcholte...
wie viel Kohle ham` sie Ihnen denn gezahlt für diesen an den Haaren herbeigezogenen Quatsch? Ist das nicht unter Ihrer "musikalischen Würde" ? Schafft es Helene in Ihre Playlist?
Erwin S. 12.05.2017
5. echt jetzt?
AfD und Böhmermann in einem Beitrag über die neue CD von Helene Fischer? Sonst? Adele und Taylor Swift z.B. machen eigentlich auch bloß Schlager. Ist englisch, nennt sich eben Pop und wird international vermarktet, das ist alles. Fischer kann da durchaus mithalten. Ich musste die Dame schon live erleben und die versteht 1. ihr Handwerk und kann das 2. anscheinend tatsächlich live ohne spürbar auf Playbacks und Overdubbs zurückzugreifen.
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