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Helsinki 2007: Heulsusen regier'n die Welt

Aus Helsinki berichtet Daniel Haas

Verschwörung? Untergang des Abendlandes? Der Westen wurde vom Balkan ausgetrickst? Ach was! Die Europäer haben bekommen, was sie verdienen: Applaus für den Osten, kalte Dusche für den Rest.

Fürs Lamentieren ist Roger Cicero zu cool, das besorgt dann schon Heinz Rudolf Kunze. Der erklärte, das schlechte Abschneiden Deutschlands zum Skandal. "Wenn man auf handgemachte, authentische Musik steht, hat Roger alle weit abgehängt", so der Sänger. "Schade, dass die anderen Länder das nicht verstanden haben."

Schade, dass Kunze weder das Wesentliche von Pop noch das des Grand Prix verstanden hat. Authentizität ist ein Begriff, der im Showbusiness nur eine weitere Art der Inszenierung meint, eine Simulation von Echtheit, an deren Raffinesse (das heißt wiederum: Künstlichkeit) man sich dann erfreuen kann. Und das Grand-Prix-Publikum hat gerade für diese Dialektik ein exzellentes Gespür. Es würdigt die Mischung aus Kitsch und Kreativität, Realismus und Randale mit Punkten - und straft Saturiertheit ab.

Natürlich ist Cicero ein überragender Sänger; sein Stück lag, was Arrangement und Vortrag anging, weit über dem Durchschnitt. Aber Swing ist eigentlich eine popmusikalische Antiquität, für die man historisch empfänglich sein muss. Für Westeuropa ist der Glenn-Miller-Sound der des Aufbruchs, der Liberalität, für Osteuropa ersteinmal kurios. "Frauen regier'n die Welt" ist ein ironischer Titel; Cicero macht Wirtschaftswunder-Pop für die Wir-sind-wieder-wer-Deutschen. Hierzulande scheinen sich Frauen dieses gespaltene Bewusstsein leisten zu können, einen Sänger anzuhimmeln, der ihnen mit Augenzwinkern versichert, dass er auf Emanzipation so wenig Lust hat wie ein Kind aufs Zähneputzen.

Ganz anders Serbien. Abgesehen davon, dass die Ballade zu den musikalisch anspruchsvolleren Titeln gehörte, war die Inszenierung sinnfällig: Eine Frau aus einem von Gewalt und Hass zerrütteten Land, singt sich die Seele aus dem Leib, im Hintergrund steht ihr buchstäblich eine Gruppe Mitleidender bei. Die Präsentation, hart am Rande des Kitsches, wirkte in Anbetracht der jüngeren Geschichte, regelrecht gespenstisch: Frauen und Kinder gehören zu den wehrlosesten Opfern der bosnisch-serbischen Dramas. Hat der Chor der Heulsusen, der jetzt den Untergang des Pop-Abendlandes betrauert, nicht zugehört? Osteuropa kann sich mit dieser Figur besser identifizieren als mit einem Jazz-Virtuosen, Flugbegleitern (England) oder Feld-Wald- und Wiesen-Barden (Irland).

Verka Serduchka, die Vizesiegerin, repräsentiert die andere Seite des Grand-Prix-Prinzips. Ihr Stil ist offen artifiziell. Mit Techno-Polka, Gaga-Texten und Science-Fiction-Garderobe begeistert sie die Massen in Russland und in der Ukraine. Begleitet wird ihr Panik-Orchester meist von den Fanfaren des politischen Skandals: Sie wurde von ukrainischen Nationalisten attackiert, weil sie das Vaterland angeblich mit einem Sprachmischmasch aus Ukrainisch und Russisch verhöhne. Ihr Eurovision-Song "Dancing" brüskierte die Russen, weil er Anspielungen auf die orangefarbene Revolution enthält; außerdem klang eine Liedzeile wie "Ich möchte, dass ihr singt: Russia, goodbye!" (Die Künstlerin dementierte das später).

So jemand ist mehr als die Summe seiner Fummel und Posen. Als eine Frau Jaschke der Drag-Kultur ist sie eine Provoktion und Herausforderung für die tendenziell homophoben Länder im Osten und gerade deshalb auch eine kritische Figur. Gewiss, "Dancing" war eine Klamauknummer, noch unter Bohlen-Niveau, aber als Pop-Phänomen ist Serduchka allemal interessanter als schwedische Glamrocker oder französische Ulk-Barden mit Ringelpietz-Sound.

Roger Cicero, hieß es heute, wird demnächst für die Kanzlerin singen. Bei Frau Merkel wird der Sänger sicher punkten. Sie regiert die Welt ja tatsächlich. Und vielleicht kann ihn die Ostdeutsche trösten - mit ein paar subtilen Einsichten in das komplexe Verhältnis von Ironie, Kultur und Selbstverständnis, wie es die Geschichte immer wieder bereithält.

Die Ergebnisses des Eurovision Song Contests 2007
Rang Land Interpret Lied Punkte
01. Serbien Marija Serifovic Molitva 268
02. Ukraine Verka Serduchka Dancing Lasha Tumbai 235
03. Russland Serebro Song #1 207
04. Türkei Kenan Dogulu Shake It Up Shekerim 163
05. Bulgarien Elitsa Todorova & Stoyan Yankoulov Water 157
06. Weißrussland Koldun Work Your Magic 145
07. Griechenland Sarbel Yassou Maria 139
08. Armenien Hayko Anytime You Need 138
09. Ungarn Magdi Ruzsa Unsubstantial Blues 128
10. Moldawien Natalia Barbu Fight 109
11. Bosnien-Herzegowina Marija Sestic Rijeka bez imena 106
12. Georgien Sopho Visionary Dream 97
13. Rumänien Todomondo Liubi, Liubi, Love You 84
14. Mazedonien Karolina Mojot Svet 73
15. Slowenien Alenka Gotar Cvet Z Juga 66
16. Lettland Bonaparti.lv Questa Notte 54
17. Finnland Hanna Pakarinen Leave Me Alone 53
18. Schweden The Ark The Worrying Kind 51
19. Deutschland Roger Cicero Frauen regier'n die Welt 49
20. Spanien D'Nash I Love You Mi Vida 43
21. Litauen 4Fun Love Or Leave 28
22. Frankreich Les Fatals Picards L'amour à la française 19
23. Großbritannien Scooch Flying The Flag 19
24. Irland Dervish They Can't Stop The Spring 5
Quelle: Eurovision Song Contest Website

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