Henry Rollins Selbstgerechter Kämpfer für "gute Musik"

"Hardcore-Henry" Rollins, Ex-Frontmann der Punkband Black Flag, kennt das Musikbusiness in- und auswendig - und er sagt gerne seine Meinung. Auf der Musikmesse Popkomm wusch er mit gewohnter Intensität allen Anwesenden den Kopf.

Von Corinne Ullrich


Henry Rollins
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Henry Rollins

Henry Rollins ist ein Mensch, der weiß, was er tut: Er ist Künstler und Verfechter seiner Sache in jeder Hinsicht, er macht Solo- und Band-Alben, schreibt Gedichte und Bücher, nimmt Spoken-Words-Platten auf und geht damit auf Tour, mit der Musik wie auch dem gesprochenen Wort. Henry Rollins ging nie Kompromisse ein, von dem Moment nicht, in dem er bei der Band Black Flag unangekündigt auf die Bühne sprang und sang – bis heute als Leader der Rollins Band.

Rollins ist kompromisslos und leidenschaftlich. Kein Wunder also, dass er ausgewählt wurde, auf der Popkomm letzte Woche einen Vortrag zum Thema "How to survive in the Music Business" zu halten. Wie man im Musikgeschäft überlebt. Kein besserer und dennoch keinen untypischeren Redner als ihn hätte man finden können. Ganz sicher wird man von ihm keine Empfehlungen zu Marketingstrategien bekommen, keine Ratschläge zum Gespräch mit dem Anwalt, kein "in welchem hübschen Komplettpaket verkaufe ich mich an meine Plattenfirma."

Im Gegenteil: Rollins wütet los, und das ist es, was man von ihm erwartet. "Who am I addressing?", wen spreche ich an, fragt er sich laut am Anfang seines Vortrags und ist sich bewusst, dass die gesamte Musikindustrie vor ihm im gut gefüllten Saal steht. Und zieht dann auch laut und deutlich gegen sie alle vom Leder: gegen die Musiker, die sich mehr Gedanken darüber machen, wie sie im nächsten Video aussehen, statt darüber, wie man Gitarre spielt. Gegen die Journalisten, die denken, Rockmusik hätte mit Guns N’Roses begonnen, und die kein Geschichtsbewusstsein und möglicherweise noch nicht einmal eine ordentliche Plattensammlung haben. Und gegen Talentscouts, fachmännisch A&R genannt, die zu Hause nicht einmal mehr Musik hören.

Mit anschaulichen Beispielen und drastischer Sprache kämpft Rollins einen leidenschaftlichen Kampf für "gute Musik": Das heißt, Musik von Menschen, die - wie er in fernen Anfangstagen - lieber eine neue Platte als etwas zu Essen kaufen und sich die Finger blutig spielen. Von Menschen, die nicht nur von, sondern auch für Musik leben.

Rollins hat das Glück, ein glaubwürdiger Vertreter des ehrlichen und gerechten Musikers zu sein. Aus einem einfachen Grund: Er hat sich selbst nie verkauft. Das eigene Label, Dream Works, ist zwar beim Major-Vertrieb (Universal Music), doch geht nicht einmal eine Presse-Info raus, ohne dass Rollins sie abgesegnet hätte. Er ist der Künstler, er stellt die Bedingungen. Was mit ihm, seiner Kunst und seine Musik geschieht, ist seine Entscheidung. Dafür muss man ein Workaholic sein, aber wofür sonst sollte man am liebsten und engagiertesten arbeiten, wenn nicht für seine eigene Sache.

Und so erscheinen auch seine Bücher nicht bei einem großen Verlag, sondern in seinem eigenen, der den Namen 2.13.61 trägt (Rollins' Geburtsdatum). Dort verlegt der Meister nicht nur die eigenen, sondern auch die Werke anderer Musiker und Autoren wie Hubert Selby und Nick Cave. Mit dem gleichen Anspruch: Leidenschaft und Kompromisslosigkeit. Für gute Bücher wie auch für gute Musik. "Denn", ermahnt er seine Zuhörerschaft, bevor die Standing Ovations einsetzen, "überlegt euch, womit ihr Jugendliche, eure Kinder und somit die Zukunft füttert. Ihr könnt das mit schlechter Musik tun. Oder mit guter!"



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