Hildegard Knef: "Ich hatte nie den Ehrgeiz, gut zu singen"

Von Manfred Müller

Auf ihrer ersten CD seit 18 Jahren singt die Knef rau und knarzig von Berliner Baukränen. Begleitet wird sie dabei von Jazztrompeter Till Brönner. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über die Gründe für ihre lange Abstinenz und das Ekelhafte am Alter.

Diva ohne Stimme: Hildegard Knef
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Diva ohne Stimme: Hildegard Knef

1946 spielte sie bei der DEFA im ersten deutschen Nachkriegsfilm "Die Mörder sind unter uns" (Regie: Wolfgang Staudte) mit, der auch im Ausland ein Erfolg wurde. 1950 sorgte sie mit einer Nacktszene im Willy-Forst-Film "Die Sünderin" für den ersten deutschen Filmskandal. Hildegard Knef war auch die erste Schauspielerin, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hollywood ging und auf internationalem Parkett Karriere machte. Am Broadway reüssierte Sie als Headliner in einem Cole-Porter-Musical. Und als ihre eigenwilligen Chansons bereits mit Auszeichnungen überhäuft wurden, sorgte sie mit "Der geschenkte Gaul", einer virtuosen Paraphrase über ihr bewegtes Leben, auch noch literarisch für Aufsehen.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre neue Platte haben Sie sich 18 Jahre Zeit gelassen. Warum diese lange Abstinenz?

Knef: Ich hatte sehr viele Texte geschrieben über die Jahre, aber ich wusste nicht, zu wem ich damit gehen sollte. Erst durch den Pianisten Kai Rautenberg, mit dem ich ja etliche Tourneen gemacht habe, kam es zur Zusammenarbeit mit Till Brönner. Rautenberg wusste, dass ich junge Musiker und einen neuen Sound suchte und schleppte eines Tages den Till an. Wir haben noch am selben Tag den ersten Teil eines Liedes geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Ella Fitzgerald hat Sie einmal als beste Sängerin ohne Stimme bezeichnet. An Stimme haben Sie ja nun nicht dazugewonnen...

Knef: Nein, weiß Gott nicht. Sie dürfen nicht vergessen, ich hatte zwei wirklich fürchterliche Lungenentzündungen. Man hatte mich bereits abgeschrieben. Es hat einmal mit dem Alter zu tun und mit diesen Lungenenzündungen, dass ich manche Töne nicht mehr so rauspusten kann, wie ich das vor 18 Jahren noch konnte.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Stimme klingt mürbe, aber das verstecken Sie nicht. Es scheint, dass Sie das einfach als ein neues Register einsetzen, als eine neue Ausdrucksqualität.

Knef: Da ich nie den Ehrgeiz hatte - wie das Ella Fitzgerald schon erkannt hat - eine Sängerin mit besonders guter Stimme zu sein, kann ich wahrscheinlich anders damit umgehen. Und es passt wahrscheinlich zu den Texten, die ich geschrieben habe. Hoffentlich. (singt) Hooooffentliich.

SPIEGEL ONLINE: Die Platte steigt sehr schroff ein: "Wer war froh, dass es Dich gab" ist ein harter Text, der auch durch die Interpretation und das musikalische Arrangement nicht abgefedert wird.

Knef: Das ist ein harter Text, den man nicht versüßen sollte. In Nordwestamerika gab es einen kleinen Indianerstamm, dessen Religion bestand aus nur einem Satz: Wer war froh, dass du gelebt hast. Der Stamm existiert heute nicht mehr, er ist längst untergegangen. Aber ich fand das sehr beeindruckend, und in dieser Einfachheit auch wirklich schockierend. Mit Till Brönner habe ich dafür genau den richtigen Arrangeur und Komponisten gefunden. Das ist ein großes Geschenk.

SPIEGEL ONLINE: Till Brönner hat für ihre Texte ein sehr modernes musikalisches Ambiente geschaffen, sehr jazzig, aber mit Stilelementen aus HipHop und elektronischer Musik. Wie haben Sie sich darin eingefunden?

Knef: Sofort. Ich höre schließlich viel Musik und bin nicht bei Vivaldi stehen geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren erfolgreich als Schauspielerin, Sängerin, Texterin und als Buchautorin...

Knef: Das ist eine Gnade, das mir das gelungen ist. Ich habe es so nie geplant. Aber da kam eben ein Cole Porter, und ich konnte mit "Silk Stockings" ein Broadway-Musical machen, und da kam eben dieses Muss, den "Geschenkten Gaul" zu schreiben, später auch "Das Urteil", und dazwischen auch immer wieder zu malen.

SPIEGEL ONLINE: "Das Urteil" war ein Muss, um Ihre Krankheitsgeschichte zu bewältigen. Wie war es mit dem "Geschenkten Gaul"?

Knef: Damit hatte ich angefangen, dann aber vier Jahre nicht daran arbeiten können. Ich konnte einfach nicht über den Krieg und die Gefangenschaft schreiben. Nach den vier Jahren habe ich mich hingesetzt und gesagt: Jetzt muss ich das weiterführen. Entweder schreibe ich dieses Buch in einem sehr disziplinierten Zug zu Ende, oder ich werde es nie schaffen. Und das habe ich getan. Es gab Tage, da fiel das schwer. Aber ich habe jeden Tag geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1925 geboren, haben fast dreiviertel dieses Jahrhunderts erlebt. Was bewegt sie daran am meisten?

Knef: Dass so viele, mit denen ich befreundet war - väterliche und mütterliche Freunde, von denen ich so irrsinnig viel gelernt habe - plötzlich nicht mehr da sind. Ob das nun die Else Bongers war, Marlene Dietrich, Ludwig Marcuse oder Manfred George. Das ist das Ekelhafte im Alter. Da ist dann plötzlich ein tiefes Loch.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist das Spezifische Ihrer Generation? Sie sind unter dem Nationalsozialismus aufgewachsen, hatten seine Folgen zu tragen, waren aber zu jung, ihn zu verantworten...

Knef: Und trotzdem wurde ich dafür verantwortlich gemacht. Ich war die erste, die nach Amerika rüberging. Da gab es viele Angriffe. Nicht von den Emigranten - die waren viel zu klug; die wussten, wie alt ich war, als Hitler an die Macht kam. Die Angriffe kamen von den Amerikanern, von Produzenten, die doch eigentlich ganz gut rechnen konnten, sonst hätten sie nicht diese riesige Industrie aufgebaut. Das hat sich für mich persönlich erst geändert mit dem Erfolg von "Silk Stockings". Als Broadway-Star war man all dem plötzlich entzogen.

SPIEGEL ONLINE: Welchem Lebensabschnitt kommt für Sie im Rückblick eine besondere Bedeutung zu?

Knef: Jeder hat seine besondere Bedeutung, jeder in seiner Art. Ich könnte keine Zensuren an mein eigenes Leben verteilen. Ich habe schlimme Zeiten hinter mir, aber wer hatte das nicht, und es hat wunderbare Zeiten gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wobei für Sie das dicke Ende ziemlich zu Anfang kam?

Knef: Nein. Das Schlimmste war für mich gar nicht der Krieg, sondern meine Krebserkrankung kurz nach dem Erfolg vom "Geschenkten Gaul". Meine Tochter war erst vier Jahre alt, der Vater ließ sich scheiden - das war alles ein bisschen viel auf einmal.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer neuen Platte findet sich auch eine Liebeserklärung an Berlin. Wie erleben Sie Berlin jetzt als Hauptstadt? Werden die Sommersprossen überschminkt?

Knef: Naja, mit den Sommersprossen, das war ja ein Lied von anno dunnemals. Nein, die Sommersprossen haben mit dem Berlin von heute nichts mehr zu tun. Es ist, wie es in dem Lied heißt: "Ich lebe unter Kränen, wo einmal nichts als Krater waren."

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