Hindemiths Highlights: Bratsch mir 'nen Rausch!

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Hindemiths Highlights: Schrecklich weit vorraus Fotos
Joerg Kuester

Pracht und Filigranes: Paul Hindemiths Musik schöpft aus dem Vollen. Gerade seine Kompositionen für Streicher stellen hohe Anforderungen an Interpreten. Schön, wenn Könnerinnen wie Tabea Zimmermann und Midori am Werk sind.

Ein Multitalent war Paul Hindemith: Komponist, Solist auf Bratsche und Violine, Dirigent, Buchautor, Hochschuldozent und obendrein dem Jazz zugeneigt.

Der intelligente Popmusiker und Soundtrack-Komponist Randy Newman hat neben Gustav Mahler garantiert auch Hindemiths Werke gehört und sich zu seinen Filmmusiken inspirieren lassen. Auch zeitgenössische TV-Kollegen zeigen dezente Hindemith-Wirkung - etwa beim Opening zu "Desperate Housewives". Schon 1921 komponierte der Meister selbst Filmmusik ("Im Kampf mit dem Berg" von Arnold Fanck). Breite Vielfalt von kleinsten Formen bis zu großer Oper kennzeichnet das Oeuvre Paul Hindemiths (1895-1963), das für die Nazis "entartet" genug klang, um 1936 ein Aufführungsverbot auszusprechen.

Diese stilistische Offenheit stellt sich selbst in intimen Formen von Hindemiths Kammermusik dar. Als Virtuose auf der Bratsche schrieb er für sein Lieblingsinstrument Werke voller Erfindungsreichtum und technischer Finesse. Natürlich braucht es eine Ausnahmekönnerin wie die Bratscherin Tabea Zimmermann, diese Juwelen angemessen zu schleifen. Unter ihren Händen schimmern bekannte Werke wie die Volksliedbearbeitungen "Der Schwanendreher" und die "Trauermusik" in zarten Farben, während es bei der "Kammermusik Nr. 5 op. 36" auch rhythmisch forsch zur Sache geht. Die CD "Paul Hindemith -Complete Viola Works Vol. 1" (myrios classics) widmet sich den Kammermusiken mit kleinem Orchester und signalisiert den Beginn eines Editions-Unternehmens, das qualitativ wohl einzigartig wird.

Juwelen für Virtuosen

Die 1966 in Lahr geborene Tabea Zimmermann spielt seit dem dritten Lebensjahr Bratsche und gilt seit langem als profilierteste Musikerin auf ihrem Instrument. Neben reger Konzert- und Aufnahmetätigkeit mit großen Orchestern lehrt sie als Musikdozentin und widmet sich auch intensiv der Kammermusik. 1994 hob sie eine Bratschensonate aus der Taufe, die György Ligeti für sie komponiert hatte, denn gerade die zeitgenössische Musik ist bei Zimmermann in besten Händen. Paul Hindemiths Bratschen-Oeuvre klingt bei ihr wie ein wilder Rausch, trotz der strengen Architektur. Scheinbar gegensätzliche Komponenten, die so nur ein leidenschaftlicher Bratscher und Visionär wie Hindemith vereinen konnte. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Hans Graf sekundierte Tabea Zimmermann elastisch und präzise: ein Glücksfall.

Wie man Hindemiths Ideenfülle mit anderen Mitteln nachspürt, zeigen die Geigerin Midori und Dirigent Christoph Eschenbach auf ihrer famosen "Hindemith"-CD (Ondine). Auch für die Violine fand der Komponist in Gestalt des Konzerts von 1939 virtuose Töne, schließlich beherrschte Hindemith dieses Instrument ebenso perfekt wie die Bratsche - entsprechend hoch fielen die technischen Anforderungen für den Solisten aus.

Diesen Höhenflügen erweist sich die japanische Geigerin Midori Goto (1971 bei Osaka geboren) mehr als nur gewachsen. Zwischen fein geschliffenen Melodiebögen und expressiven Ausbrüchen dialogisiert sie dicht mit dem unter Christoph Eschenbach diszipliniert aufspielenden NDR-Sinfonieorchester. Der schlicht als "Lebhaft" bezeichnete dritte Satz kulminiert in filigranen Spitzentönen der Violine, die mit den wuchtigen Ensemble-Blöcken wirkungsvoll konkurrieren und der Solistin alles an Disposition und Durchsetzungsvermögen abverlangen. Ein veritables Wunder-Werk an Klangpracht: perfektes Konzertfutter. Man sollte es öfter aufführen.

Filmische Bilderbögen

Wieder ganz auf pralle Wirkung auch die beiden Orchesterstücke, die das Violinkonzert auf der CD umrahmen: Sowohl die "Symphonischen Metamorphosen" (1943) nach griffigen Themen des Romantikers Carl Maria von Weber sowie die "Konzertmusik für Streichorchester und Blechbläser op. 50" rauschen stellenweise wie große Film-Bilderbögen mit leichten Störfeuern im harmonischen Ablauf vorüber.

Vor 60 Jahren spielte Paul Hindemith so mit der postmodernen, harmoniegesättigten Konzertsaalmusik, wie es eigentlich erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts nach Atonalität, Serieller Musik und Elektronik wieder als künstlerischerer Maßstab akzeptiert wurde.

Ein klangprächtiger, dennoch formal strenger Avantgardist, seiner Zeit schrecklich weit voraus.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Was ist der Unterschied ...
fpwinter 07.09.2013
...zwischen einer Geige und einer Bratsche? Die Bratsche brennt länger. Wenn ein Dirigent und ein Bratscher aus dem Fenster springen, wer kommt zuerst unten an? a) Der Dirigent, denn der Bratscher muß noch nach dem Weg fragen, b) Egal, Hauptsache, sie springen...
2. Bratschen, Badelatschen
spontifex 07.09.2013
Zitat von fpwinter...zwischen einer Geige und einer Bratsche? Die Bratsche brennt länger. Wenn ein Dirigent und ein Bratscher aus dem Fenster springen, wer kommt zuerst unten an? a) Der Dirigent, denn der Bratscher muß noch nach dem Weg fragen, b) Egal, Hauptsache, sie springen...
... a) ist richtig, weil der Bratscher vorher Badelatschen anziehen muss. Jetzt können wir direkt zur Kommentierung des nächsten Artikels auf Spons Liste (http://www.spiegel.de/kultur/musik/add-2013-globale-trends-auf-der-berlin-music-week-a-918902.html) übergehen.
3. Deppenparade
berndzocher 07.09.2013
Das war nun, fpwinter und spontifex, sowas von grottendämlich, dass ich gut verstehe, warum Ihr hier mit eurem nom de guerre auftretet. Ich wünsche euch sekundenlangen Atemstillstand beim Hören von Hindemith.
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