HipHop-Band Fettes Brot "Wir wollten einfach unsere Wut rausschreien"

Die HipHop-Band Fettes Brot hat dem umstrittenen Hamburger Innensenator Ronald Schill "Tanzverbot" erteilt. Mit SPIEGEL ONLINE sprachen die drei Rapper über ihren ersten Protest-Song, das Politikverständnis von Jugendlichen und die Atmosphäre in der Bambule-geplagten Hansestadt.


Die Hamburger Gruppe Fettes Brot gehört zu den bekanntesten und ältesten deutschen HipHop-Acts. Die drei Hanseaten machten sich einen Namen mit Hits wie "Nordisch by Nature" oder "Jein" und feierten im letzten Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Den gemeinsam mit Ärzte-Drummer Bela B. aufgenommenen Protestsong "Tanzverbot (Schill To Hell)" gibt es nur auf der Website www.tanzverbot.com

Die Hamburger Gruppe Fettes Brot gehört zu den bekanntesten und ältesten deutschen HipHop-Acts. Die drei Hanseaten machten sich einen Namen mit Hits wie "Nordisch by Nature" oder "Jein" und feierten im letzten Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Den gemeinsam mit Ärzte-Drummer Bela B. aufgenommenen Protestsong "Tanzverbot (Schill To Hell)" gibt es nur auf der Website www.tanzverbot.com

SPIEGEL ONLINE:

Herr Warns, Herr Schrader, Herr Lauterbach, Sie haben unlängst gemeinsam mit Bela B. von der Band Die Ärzte den Song "Tanzverbot (Schill To Hell)" aufgenommen, der sich gegen die Politik des umstrittenen Hamburger Innensenators Ronald Schill (Schill Partei) richtet. Was genau stört Sie denn an seiner Politik?

Kay Bee Baby alias Boris Lauterbach: Eigentlich stört uns der komplette Senat, aber Schill ist das Aushängeschild.

Speedy Konsalik alias Martin Schrader Der war schon ekelhaft, als er noch Richter war. Ich kann das nicht nachvollziehen, wie so einer Richter wird und darüber entscheidet, wer welche Strafe bekommt. Und dann wird so jemand auch noch freiwillig von so vielen Menschen gewählt. Das ist ja das Ärgerliche: dass es solche Leute gibt, das weiß man. Aber dass die auch noch durch simple Angstmache auf Anhieb 20 Prozent bekommen, das ist das Schlimme.

Kay Bee Baby: Bei der Politik, die er betreibt, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Weniger Geld für Drogenhilfe und die Verlegung der Bauwagenplätze sind nur einige offensichtliche Themen. Besonders schlimm fand ich zum Bespiel das Vorgehen der Polizei gegen oft noch minderjährigen Demonstranten bei Protesten gegen den Irak-Krieg. Viele hatten Angst und wollten nur noch fliehen. So bekommen Jugendliche, die zum ersten Mal demonstrieren, den Eindruck, dass man dabei automatisch gegen die Polizei kämpfen muss. Insgesamt spielt auch die Atmosphäre, die jetzt in Hamburg verbreitet wird, eine Rolle. Man kann spüren, dass hier jetzt eine andere Politik gemacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Andere Künstler äußern sich im Moment eher zu globalen Themen wie dem Irak-Krieg und Amerikas Rolle in der Welt. Warum sind Sie auf der lokalen Ebene geblieben?

Björn Beton alias Björn Warns: Nachdem ich vor allem in Italien die riesigen Demos gegen Globalisierung und Berlusconis Politik im Fernsehen gesehen hatte, habe ich mich immer gewundert, warum in Hamburg gar nichts in dieser Richtung passiert. Erst durch die Verlegung von Bambule kam zum ersten Mal Demonstrationswilligkeit auf. Dann musste man aber gleich das Gefühl haben, dass jeder, der auf die Straße geht, gleich kriminell ist.

Hamburger Innensenator Schill: "Man kann spüren, dass hier jetzt eine andere Politik gemacht wird"
REUTERS

Hamburger Innensenator Schill: "Man kann spüren, dass hier jetzt eine andere Politik gemacht wird"

SPIEGEL ONLINE: Hat der Song also auch etwas mit Lokalpatriotismus zu tun?

Kay Bee Baby: Es geht einen immer dort am ehesten an, wo man lebt, wo man Leute kennt, die betroffen sind. Patriotismus würde ich das allerdings nur ungern nennen.

Speedy Konsalik: Es ist eher ein Gefühl des Kümmerns. Wir leben nun mal hier und auch unsere Kinder werden vermutlich hier leben. Da will ich nicht, dass solche Menschen wie Schill die Macht haben.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Song "Tanzverbot" vor oder nach den Demos gegen die Umlegung der Bambule-Bauwagen in Hamburg entstanden?

Kay Bee Baby: Parallel dazu.

Speedy Konsalik: Er ist aus unserem Gefühl heraus entstanden, dass auf der einen Seite etwas passieren muss, dass aber auch schon einiges passiert. Diesen Schwung haben wir mit ins Studio genommen und haben in zwei Tagen den Song eingespielt.

Kay Bee Baby: Der Song soll keinen konkreten Zweck erfüllen. Aber natürlich freuen wir uns, wenn er auf einer Demo vom Lastwagen gespielt wird oder wenn er in anderen Städten im Radio läuft. Das sind alles positive Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Und natürlich auch wirksame PR für die Band.

Speedy Konsalik: Darüber haben wir nicht nachgedacht, als wir ins Studio gegangen sind.

Björn Beton: Doch haben wir schon.

Engagierte HipHopper Fettes Brot: "Es ist eher ein Gefühl des Kümmerns"
DPA

Engagierte HipHopper Fettes Brot: "Es ist eher ein Gefühl des Kümmerns"

Speedy Konsalik: Ja, wir haben sofort darüber nachgedacht, dass das immer der negative Beigeschmack ist. So nach dem Motto: Der Song zur Bambule, so wie Pur für die Skispringer gesungen haben.

Björn Beton: Den Song zeichnet einfach aus, dass er so schnell entstanden ist und dass er das Gefühl übermittelt, das wir in den zwei Tagen hatten. Wir wollten einfach unsere Meinung und unsere Wut 'rausschreien.

Speedy Konsalik: Den meisten Menschen geht es doch so, dass niemand sie hört, wenn sie etwas schreien. Wir haben aber das Glück, dass wir unsere Meinung auf eine Platte schreien können. Das heißt aber nicht, dass wir uns für klüger halten oder meinen, anderen etwas beibringen zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Bis zu diesem Song war das Image von Fettes Brot eher unpolitisch. Ist das "Tanzverbot" eine Richtungsänderung für die Band?

Kay Bee Baby: Nur weil das Hauptthema in unseren Liedern nicht Politik ist, heißt das noch lange nicht, dass wir unpolitisch sind. Wenn man sich unsere Platten anhört, kann man schon Meinungen zu bestimmten Themen 'raushören. Deshalb war es für uns kein so großer Schritt, jetzt einen offensichtlich politischen Song zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es denn bei einem Lied über Hamburg ausgerechnet zu einer Kooperation mit Bela B. von den Ärzten aus Berlin?

Bambule-Demonstration in Hamburg (im November 2002): "Die Politik der Jugendlichen geht vorbei an dem althergebrachten Parteiensystem"
DDP

Bambule-Demonstration in Hamburg (im November 2002): "Die Politik der Jugendlichen geht vorbei an dem althergebrachten Parteiensystem"

Björn Beton: Ganz einfach: Es war seine Idee.

Kay Bee Baby: Er ist ja auch Wahl-Hamburger, muss man dazu sagen. Außerdem sind wir aus Zeiten der Pubertät große Ärzte-Verehrer, da schlägt man so ein Angebot natürlich nicht leichtfertig aus.

Björn Beton: Da kann man mal sehen, wie schlecht die Hamburger Politik ist, dass sogar die Berliner anfangen zu kotzen. Denn die sind ja nun wirklich einiges gewohnt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die Chance hätten, Politik zu machen…

Björn Beton: …würden wir alles richtig machen.

Kay Bee Baby: ...sofort zurücktreten.

Speedy Konsalik: Die Bambule-Leute bekommen im Stadtpark eine ganz große Wiese.

Björn Beton: Nein, im Ernst: Ich würde mir das Ganze nicht zutrauen. Ich habe zwar eine ganze Liste mit Dingen, die ich besser machen würde, aber trotzdem glaube ich, das könnte ich nicht.

Speedy Konsalik: Das Grundproblem liegt doch immer zwischen wirtschaftlichen und sozialen Interessen. Ich würde versuchen, den Einrichtungen Geld zu geben, die mir wichtig sind und die der Allgemeinheit zu Gute kommen. Und irgendwann wäre Hamburg dann wieder eine kleine, niedliche Hafenstadt, weil alle großen Firmen abgewandert wären.

SPIEGEL ONLINE: Viele Parteien versuchen meist erfolglos, junge Wähler zu erreichen. Welche Kriterien müsste eine Partei für Jugendliche Ihrer Meinung nach erfüllen?

Speedy Konsalik: Ich glaube, diese Frage ist kaum zu beantworten. Als ich Jugendlicher war, schienen die Grünen, rein gefühlsmäßig, die einzig wählbare Partei zu sein. Aber mittlerweile sind sie so etabliert, dass man auch ihnen jede Menge vorwerfen kann. Dann gründen sich wieder Ableger, wie zum Beispiel die Regenbogenpartei, aber die kriegen natürlich nie einen Fuß auf den Boden.

Björn Beton: Ich glaube, dass viele junge Menschen sich nicht für Politik interessieren, weil sie den Politikern nicht mehr vertrauen. Schill ist auch dafür ein gutes Beispiel, weil Leute ihm Glauben geschenkt haben und jetzt merken: Oh, das war nichts.

Ärzte-Drummer Bela B.: "Da kann man mal sehen, wie schlecht die Hamburger Politik ist..."
DPA

Ärzte-Drummer Bela B.: "Da kann man mal sehen, wie schlecht die Hamburger Politik ist..."

SPIEGEL ONLINE: Muss denn Politik unter Jugendlichen in Zukunft wieder mehr auf der Straße stattfinden wie bei den Anti-Kriegs-Demonstrationen?

Speedy Konsalik: Die Jugendlichen in Deutschland werden immer wieder unterschätzt. Aber es ist sicher illusorisch, sie als eine Masse mobilisieren zu wollen. Das wird kein Politiker schaffen.

Kay Bee Baby: Die Politik der Jugendlichen geht vorbei an dem althergebrachten Parteiensystem. Jugendliche engagieren sich heute eher in Gemeinden, bei Organisationen wie Greenpeace oder Attac, nicht in Parteien.

Björn Beton: Ich halte auch eher alte Menschen für unpolitisch, die immer wieder das Kreuz bei der gleichen Partei machen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Bundeskanzler Schröder ist mit seiner Agenda 2010 auf dem richtigen Weg?

Speedy Konsalik: Die habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht so genau gelesen.

Kay Bee Baby: Das kann ich nicht sagen. Aber ich habe neulich von Schröder geträumt. Ich hatte erst eine Rede von ihm im Fernsehen gesehen und fand die Art, wie er geredet hat, sehr überzeugend. Inhaltlich kann ich das nicht so beurteilen. Und in meinem Traum hab' ich ihn dann im Fahrstuhl getroffen und hab' ihm dann gesagt: Ja Mensch, das hast du ja jetzt echt gut gemacht.

Speedy Konsalik: Und was hat Dir Schröder geantwortet?

Kay Bee Baby: Er fand das nett, dass ich ihm das so sage. Und dann meinte er beim Aussteigen, dass er jetzt mal da in die Cafeteria gehen müsse, weil ja auch schon Freitag sei, und da trinke er immer sein Feierabendbierchen, und dann würde er auch bald nach Hause fahren.

Das Interview führte Christina Bramsmann



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