Deutscher HipHop-Boom Ruhm ohne Radio

Große Plattenfirmen wie Sony, Universal und Warner bekommen Gegenwind von Rappern auf kleinen Independent-Labels: Cro, Alligatoah und Co. haben es auch ohne die Konzerne ganz nach oben geschafft. Mit Hilfe von YouTube und rotzigen Sprüchen.

Selfmade Records

Von Aleksandar Jozvaj


Haben Sie schon einmal die Namen Shindy, RAF 3.0 oder Prinz Pi gehört? Nein? Eko Fresh, Farid Bang und Kay One ebenfalls nicht? Und bei Kollegah, Alligatoah und Genetikk denken Sie eher an Rechtschreibschwäche als an Musik? Dann haben Sie wohl schon länger keinen Blick mehr auf die deutschen Musikcharts geworfen. Denn diese Deutsch-Rapper sind die Helden einer Erfolgsstory: Jeder von ihnen brachte 2013 ein Album an die Spitze der Charts - und das ganz ohne Hilfe der großen Plattenfirmen.

"Als wir mit Marteria und Casper wieder angefangen haben, Rap zu machen, war das total antizyklisch", sagt Michael Stockum von Four Music. Das war so um 2009, 2010 herum. "Damals dachte jeder, Rap sei tot", sagt der Artists-&-Repertoire-Manager des Labels, das die Fantastischen Vier 1996 gründeten. Tatsächlich führte die Kopfnicker-Szene bei den Großkonzernen Sony (zu dem Four Music gehört), Universal oder Warner lange ein Schattendasein. Doch während die Boulevardlieblinge Sido und Bushido lieber Windeln statt Punchlines tauschten, wuchsen im Untergrund unverbrauchte Musiker wie Kollegah, Alligatoah, Prinz Pi (hier im Porträt) oder Cro heran.

Cro - "Easy"

Mehr Videos von Cro gibt es hier auf tape.tv!

Die scharten im Internet eine klickwütige und loyale Fangemeinde hinter sich, die heute die Basis ihres mittlerweile auch kommerziellen Erfolgs bildet. Mittels sozialer Netzwerke, Online-Foren und Videoportalen schaffte es HipHop von allen Genres am besten, sich den aktuellen Bedingungen der Branche anzupassen, jenseits von Radio oder Musikfernsehen. "Es gibt eine Hörerschaft, die auf das Radio nicht mehr anspricht", stellt Sebastian Andrej Schweizer fest. Als Geschäftsführer des Independent-Labels Chimperator Productions hat er mit dem Pandamasken-Rapper Cro (hier im Porträt) den wohl größten neuen Mainstream-Star in Deutschland seit Lena Meyer-Landrut erschaffen.

Die mangelnde Radio- und TV-Präsenz des HipHop hat allerdings auch zur Folge, dass die Rapper oft nicht lange in den Charts bleiben: "HipHop-Fans sind sehr treu", sagt Schweizer, "die Künstler schaffen es, sie zu motivieren, in der ersten Woche in den Laden zu gehen und sich das Album zu holen. Je nach Act ist das Potential dann aber schon ausgeschöpft." Das insgesamt gesunkene Chartniveau ist ein weiterer Grund: "Es wird nicht mehr so viel gekauft wie früher."

Prinz Pi auf tape.tv
Mehr Videos von Prinz Pi gibt es hier auf tape.tv!
Davon kann auch der Österreicher RAF 3.0 berichten. Mit seinem jüngsten Werk "Hoch 2" landete er mit 11.000 verkauften Einheiten an der Chartspitze, sackte aber nach nur einer Woche auf Platz 35 ab. Kurz darauf war er sogar aus den Top 100 verschwunden. Alligatoah (hier im Interview) alias Lukas Strobel hingegen darf sich über seinen Album-Dauerbrenner "Triebwerke" freuen: "Der Haupterfolg von Genetikk (hier im Porträt) oder mir ist nicht, dass wir auf die Eins gegangen sind, sondern, dass wir uns so lange in den Charts gehalten haben." Das gilt gleichfalls für Cro, Kollegah und Farid Bang (hier im Interview).

So grundverschieden die Stile dieser Künstler sein mögen, einhellig sind sie davon überzeugt, bei einem kleinen unabhängigen Unternehmen besser aufgehoben zu sein. Als der Hype um den deutschen HipHop am Anfang des neuen Jahrtausends begann, bereicherten sich die großen Plattenfirmen am Geschick der Indies und nahmen zahlreiche Rapper unter Vertrag. Für viele Akteure, die sich zuvor lange Jahre im Untergrund mit winzigen Gagen über Wasser gehalten hatten, ging ein Traum in Erfüllung.

Großzügige Vorschüsse ließen sie oft über eingeschränkte künstlerische Freiheit und geringere Gewinnbeteiligungen hinwegsehen. So gelangten die Künstler dank professionellerer Produktion und Vermarktung zu Ruhm - nur verkürzte der wiederum die Halbwertszeit ihrer sorgsam aufgebauten Karrieren gravierend. Denn ist der eine Hype vorbei, muss schleunigst ein anderer her. Ein Phänomen, das sich auch bei den Gewinnern von Castingshows zeigt. Und so schien die Szene tot - bis sie das Internet entdeckte.

Alligatoah - "Willst du"
Mehr Videos von Alligatoah gibt es auf tape.tv!
Die Musikgroßindustriellen beschworen mit dem Schlagwort "Gratis-Mentalität" den Untergang des gesamten Gewerbes herauf. Doch während sie entweder in Schockstarre verfielen oder das Web öffentlich kleinredeten, nutzten Sebastian Schweizer und Kollegen die neuen Chancen: "Als wir mit Chimperator angefangen haben, begann gerade der Download-Boom. Deswegen war das Netz für uns nicht das böse Unbekannte. Wir fanden das Internet zunächst mal geil, weil wir so wussten, wie wir unsere Musik an die Leute bringen können."

Diese Musik erscheint und verteilt sich heute in Form von anspruchsvollen Hochglanz-Clips. Aufgrund einfacherer Produktionsbedingungen kosten selbst ästhetisch aufwendige Videos im Schnitt deutlich weniger als früher. YouTube und andere Portale ermöglichen es den Künstlern, ihre Songs de facto unzensiert an die Fans zu bringen, die den Inhalt wiederum viral weiterverbreiten. Auf diese Weise haben sich die Indies von den Majors emanzipiert und den Musikmarkt ein Stückchen demokratisiert.

Wie wichtig diese Methoden heute sind, musste Four Music bei Cro feststellen: "Wir wollten Cro auch signen. Dann kam sein 'Easy'-Video, und plötzlich war er über Nacht der Star der Szene." Schweizer und seine Chimperator-Kollegen hat der Erfolg nicht minder überwältigt: "Als das Video so groß wurde, haben wir überlegt, ob wir das lieber an einen Major abgeben. Wir hatten da schon ein wenig Angst, dass es zu groß wird. Und das ist es, was ein Major bieten kann: dir die Angst abnehmen."

Das Düsseldorfer Label Selfmade Records hat dieses Jahr mit Kollegah & Farid Bangs "Jung, brutal, gutaussehend 2" und Genetikks "D.N.A." bereits zwei Acts auf die Pole-Position der Charts befördert. Im Zuge der Werbekampagne für "JBG 2" ließ das Label in Großstädten tennisplatzgroße Plakate aufhängen. Resultat: Ganz ohne Radio-Rotation erlangte das Album mit über 100.000 verkauften Tonträgern Gold-Status. Gold erreichte auch bisher jede Single-Auskopplung des Maskenmannes Cro. Sein Album wurde gar mit Doppelplatin ausgezeichnet.

Four-Music-Manager Stockum gibt freimütig zu, dass sich das "Kräfteverhältnis zwischen Indie und Major verändert hat. Auch, wenn nur wenige Indie-Rapper Platten in einem Umfang verkaufen, der für uns relevant ist." Schweizer wiederum räumt ein, dass "es natürlich Acts gibt, die eine große Plattenfirma besser machen kann." Obwohl: "Damals wollte Gottschalk Cro in der Sendung haben, da dachten wir, gut, mehr könnte ein Major jetzt auch nicht tun."

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.