HipHop-Debatte mit Alice Schwarzer Leerstelle zwischen Heiligen und Huren

Coole Jugendkultur oder frauenverachtender Moloch? Alice Schwarzer diskutierte in Berlin mit zwei weiblichen MCs über Sexismus im Rap. Doch nach einer Feminismus-Lehrstunde und gut gemeinten Gesten landeten die Kombatantinnen schnell in der Argumentationssackgasse.


Alice Schwarzer lächelt, nestelt an ihrer Kette, trommelt auf ihre Oberschenkel. Rapperin MC Pyranja alias Anja Käckenmeister rappt neben ihr über den "Ersten Tag" vom Anfang ihres restlichen Lebens, aus einem ihrer drei Alben. Der "Emma"-Herausgeberin gefällt es.

Doch Rap wird - wie überall sonst auf der Welt - auch in Deutschland von Männern dominiert. Böse Jungs wie die Erfolgsrapper Bushido und Sido, Vorbilder schon für Grundschüler, verbreiten ihr schlichtes Frauenbild. In ihren Raps verehren sie entweder ihre Mütter, die "Heiligen". Oder eben "Huren", stets willige Frauen, hart rangenommen. Außer "Heilige" und "Hure" nichts gewesen. Schon Drittklässler wissen, dass "Fresse", "Fotze" und "ficken" zum Rap gehören wie Eier in den Pfannkuchen.

Rapperinnen dagegen: exotisch, von den Medien in die "Frauen"-Schublade verfrachtet, von Rappern und ihren Fans argwöhnisch beäugt. Doch die Gender-Debatte um die Rolle von Frauen im Rap nimmt an Fahrt auf. "Ist das echt, was ihr wollt, eine kaputte Nutte? Ist es das, was ihr wollt, eine Eva-Herman-Show?", rappt Jeenez, die 2004 die erste Frauen-Rap-Crew in Deutschland gründete.

"HipHop-Girlz meet Alice Schwarzer", heißt das Motto in Berlins Alter Feuerwache. Schwarzer, die Podiumsdiskussionen sonst boykottiert, outet sich als "echter HipHop-Fan". Und diskutiert ausnahmsweise mit, über Frauen und das Frauenbild im HipHop. "Eine der härtesten Männerbranchen," findet Schwarzer, "ihr habt mehr Gegenwind als wir damals."

"Ihr", das sind auf dem Podium des HipHop-Festivals "We-B-Girlz" MC Pyranja und MC Sookee. Pyranja, Moderatorin beim Radio Berlin-Brandenburg, rappt seit ihrem 16. Lebensjahr. Sie gründete die Frauen-Rap-Formation Ostblokk und zählte zu den weiblichen Rap-Vorbildern für MC Sookee, als die vor sechs Jahren als MC begann.

MC Sookee will vom Feminismus à la Schwarzer nichts hören. Sie klagt darüber, auf "die Frauenfrage" gebucht zu sein. Lieber will sie "die Kategorie Geschlecht" überwinden, auch über Homophobie und Rassismus im Rap diskutieren. "Third Wave Feminism" eben – statt der ewigen Geschlechterfrage "Geschwisterlichkeit statt Schwesternschaft". Applaus im Publikum, das klingt gut und neu.

Von Simone de Beauvoir zu Sidos "Arschficksong"

Doch Schwarzer erteilt eine Lehrstunde in Feminismus. So belehrend wie eine, die es besser weiß, aber zu höflich ist zu sagen: "Ich weiß es besser." Stattdessen sagt sie: "Kinder, ihr macht das toll. Ihr macht das schon. Ihr macht das schon richtig." Erzählt über Simone de Beauvoir, die schon 1949 in "Das andere Geschlecht" von jener "Geschwisterlichkeit" träumte, die MC Sookee gerade als Motto der Zukunft ausrief.

"Und wieso nicht auf Simone de Beauvoir rappen?", will Schwarzer wissen. In "Menschen bei Maischberger" fragte sie Porno-Rapper King Orgasmus One einmal: "Schämen Sie sich nicht?", nachdem sie aus seinem Text zitiert hatte. Dann lieber de Beauvoir.

Schwarzer zitiert aus Sidos "Arschficksong". Sido, der ohne Maske "ein Milchbubi" sei, rappe über "klassische Foltermethoden", seine GoGo-Girls auf der Bühne "feiern ihre eigene Erniedrigung". Schwarzer dreht auf, analytisch scharf: "Was ist los in eurer Musik?" Rap strotze vor "brutalisierter, pornografisierter Sexualität", kleine Jungen grölten sexistische Texte mit und würden "zwangspornografisiert".

Anti-Sexismus in der Sackgasse

Wie wäre es, den Spieß umzudrehen, wie es die "Emma" einst tat, als sie auf Blondinenwitze mit dem "Männerwitz des Monats" konterte? Doch weder Sookee noch Pyranja wirken, als würden sie demnächst Texte wie "Du leckst meinen Herd aus" rappen, um den Rap-Sexismus auf den Kopf zu stellen. Eine der vielen Sackgassen des Abends.

Schwarzer, die politische Feministin, und die Rapperinnen, die einfach "genervt" sind, auf "Frau" gebucht zu werden, reden aneinander vorbei. Feminismus à la Schwarzer ist den MCs zu verkopft für HipHop, den schnoddrigen Protestgesang, der auf Coolness-Punkte zielt.

Im Publikum rund 200 Gäste, die Geschlechter fifty-fifty, zwei Drittel unter 35, der Rest Feministinnen "45plus". Als das Saalmikrofon angeht, tritt ein HipHopper an, der nicht glaubt, dass "Frauen es schwerer haben – sie müssen nur gut sein". "Männliches Dominanzverhalten", schimpft MC Sookee. Eine Frau krakeelt "Alles ist Kunst", und Schwarzer erwidert freundlich, es sei nur ein Vorwand, dass Kunst alles dürfe. Debatte beendet. Feminismus, Kunstfreiheit, Generationen prallen aufeinander.

Und wo war Lady Bitch Ray, "Skandal"-Rapperin, die Harald Schmidt in seiner Schmidt-Show rot vor Wut leuchten ließ? Sagte ab, weil sie nicht auf das Cover der "Emma" durfte. Schwarzer erzählt’s und lacht.

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