Deutsch-Rap-Duo Genetikk: Die Aliens vom Provinzplaneten

Von Aleksandar Jozvaj

Sie sind Außerirdische mit Voodoo-Masken, die unsere Welt retten wollen. Oder stammt das Duo Genetikk doch nur aus Saarbrücken? Irgendetwas machen die zwei HipHopper jedenfalls richtig. Manche halten ihr neues Album "D.N.A" schon jetzt für einen Klassiker - auf dem übrigens eine US-Legende mitrappt.

"D.N.A" von Genetikk: It's Saarbrücken, bitch! Fotos
Laion

Vor 60 Jahren entschlüsselten Wissenschaftler das Rätsel der menschlichen DNA. Nun wollen zwei Saarbrücker die DNA des HipHop enträtselt haben: "Hauptsache der Kopf nickt. Ohne Kopfnicken ist es kein HipHop".

So lautet die knappe wie plausible Erkenntnis von Karuzo. Der 26-jährige Deutsch-Italiener ist die rappende Hälfte des aufstrebenden Deutsch-Rap-Duos Genetikk. Sein Produzent Sikk, 25, bekräftigt die Aussage seines Partners, mit einem Nicken, natürlich.

Wie Sido und Cro zeigen sich Karuzo und Sikk nur maskiert, sind bei Auftritten oder Interviews mit verschiedenen Voodoo-Masken und -Bemalungen zu sehen. Das soll nicht nur ihre Identität verschleiern, sondern sei Teil eines künstlerischen Gesamtkonzepts, einer "eigens kreierten Ästhetik", die sich konsequent durch Texte, Videos und Image ziehen soll.

Genetikk inszenieren sich als extraterrestrische Wesen, die gekommen sind, um die Welt vom schlechten HipHop zu befreien. Diese Mission wird vermutlich einige Jahre in Anspruch nehmen, am 21. Juni erscheint erst einmal ihr vielseits erwartetes Album "D.N.A" - kurz für "Da Neckbreaker Aliens" - dem viele in der Szene tatsächlich zutrauen, zum Chartstürmer und gar zum modernen Klassiker zu avancieren.

Die Jungs aus der Wüste

Den beiden gelingt auf dem Album der Spagat zwischen einem innovativen, originären Stil und dezenten musikalischen Anleihen aus der Zeit, als sie mit dem Kopfnicken anfingen. Sikks Beats bestehen aus unkonventionellen Samples, denen er genug Freiraum lässt, mehrere Takte allein zu bestreiten oder sogar ganze Songs zu tragen.

Karuzo schüttelt dazu Reime mit Augenmaß aus dem Mund. Abgesehen vom Kosmo-Karneval protzt er HipHop-typisch herum, verzichtet aber mit Ausnahme vom Szene-spezifischen Jargon (die "Bitches" dürfen natürlich nie fehlen) auf Sexismen und stilisiert das Duo dafür oft zu Lügnern, um deutlich zu machen, dass Rap vor allem von Ironie lebt. Er dehnt, strapaziert und verzerrt dabei den Klang seiner Worte, bis sie in Position sind - oder eben nicht; eine Lässigkeit, die sich von den oftmals überproduzierten Arrangements und akribisch ausgezählten Silbenkomplexen anderer deutscher Produktionen abhebt.

Genetikk - "König der Lügner"
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Karuzo und Sikk kennen sich aus der Schule, sie machen schon seit ihrer frühen Jugend HipHop. Und das in einer HipHop-Wüste. Ihre Heimat Saarbrücken verfügt weder über ein Ghetto noch über eine aktive Rap-Szene. Jams oder Freestyle-Battles haben sie nie erlebt. Und einen Plattenladen habe das Gespann erstmals bei einem Videodreh für ihr neues Album betreten. "Generation Internet", sagen sie.

Ihren Erstling "Foetus" vertrieben die beiden 2010 kostenlos als Download. Die deutsche Szene horchte auf - und zollte Respekt. Niemand war überrascht, dass Selfmade Records sie 2011 unter Vertrag nahm und mit ihnen ihr erstes kommerzielles Album "Voodoozirkus" machte. Das Düsseldorfer Label hat zuletzt mit dem Rapper Kollegah einen guten Riecher bewiesen. Dessen gemeinsames Album mit Farid Bang vertrieb unlängst Heino von der Chartspitze.

Auch der Sido ist dabei

Ihren ersten Live-Auftritt hatte das Duo im Februar 2012 - immerhin gleich im Vorprogramm der US-Rap-Legende GZA. Es folgten eine Tournee, Interviews, professionelle Videodrehs. Und eine Kooperation mit Sido. Die Single "Liebs oder lass es" rotiert derzeit in den Radios.

Auf "D.N.A" finden sich nun nicht nur textliche Versatzstücke der Absoluten Beginner und puristische Oldschool-Beats, sondern auch Wu-Tang-Clan-Chef RZA kommt zu Wort. Es ist das erste Mal überhaupt, dass sich RZA auf einem Deutsch-Rap-Album die Ehre gibt.

RZA habe aus reiner Liebe zur Musik mitgemacht und kein Geld verlangt. Sonst hätten Genetikk wohl auch auf ihn verzichtet. Anders als andere heimische Künstler finden sie es eher peinlich, teure US-Stars für Gastauftritte einzukaufen. Um die neuesten Trends aus Übersee scheren sie sich sowieso wenig.

"Das wird dann irgendwann zum Derivat vom Derivat", sagt Karuzo. Die großen Rapper hätten sich ihre Inspiration aus der Musik ihrer Väter geholt. Deswegen würden sie viel Blues und Soul hören. "Wir wollen nichts kopieren, stattdessen suchen wir nach dem Ursprung des HipHop und machen daraus etwas Eigenes."

Vielleicht macht eben diese unverkrampfte Eigenständigkeit die Voodoo-Rapper so beliebt. Und vielleicht ist dabei auch ein wenig Zauberei mit im Spiel: Im Track "König der Lügner" rappte Karuzo vor anderthalb Jahren, Genetikk stünde bei Selfmade unter Vertrag und Sido sei Gast auf ihrer Platte. Ihre Beschwörungen sind nun wahr geworden.

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