HipHop-Gangsta Suge Knight Belehrung aus dem Todestrakt

Gangsta-Rap hat einen Vater: Er heißt Suge Knight, war schwer kriminell, entdeckte Rapper wie Snoop Dogg und nahm Tupac unter Vertrag. Jetzt will das HipHop-Schwergewicht ein neues Leben beginnen - ausgerechnet als Sozialarbeiter für Kids in Not.

Von Jonathan Fischer


Ist der Gangster-Rapper eine vom Aussterben bedrohte Spezies? Verfolgt man die Nachrichten aus der HipHop-Szene, könnte man beinahe zu diesem Schluss kommen: Nicht nur weil die Verkäufe von 50 Cent und Konsorten einem Allzeittief entgegentrudeln.



Die einstigen Pop-Schwergewichte verspüren auch ungewohnten Gegenwind: Da schworen gerade einige berüchtigte Großmäuler vor einem Hearing des US-Kongresses zum Thema "HipHop und Gewalt" demonstrativ der früheren Sprachpraxis ab. Gangster-Rapper Chamillionaire brachte das erste garantiert jugendfreie Album auf den Markt. Rap-Mogul Master P, einst Vorreiter des "Dirty South"-Stils, missioniert für eine Rückbesinnung auf die moralische Vorbildfunktion der HipHop-Stars: "Ich war Teil des Problems, nun will ich Teil der Lösung sein."

Am sensationellsten aber mutet die Bekehrung eines Mannes an, der bisher als Inkorporation des HipHop-Gewalttäters schlechthin galt: Suge Knight. Ein Ex-Sträfling, Bodyguard und gefürchteter Knochenbrecher, der vor eineinhalb Jahrzehnten die Plattenfirma Death Row Records aus der Taufe hob.

Nun aber hat der 42-jährige Ex-Boss von Snoop Dogg, Dr. Dre und Tupac Shakur Kreide gefressen. "Für mich ist es niemals zu spät, mich zu ändern", verriet er einer Reporterin der "Washington Post". Und: "Ich bete jeden Tag." Außerdem kündigte er Taten der Buße an: So werde er den kompletten Backkatalog von Death Row um alle Fluchwörter bereinigen.

Mörderisch erfolgreich

Ob die plötzliche Reue etwa auch mit der Pleite seines einst mächtigen Konzerns zu tun hat? Zwei Gerichtsverfahren um die Konkursmasse der Plattenfirma – Masterbänder und Verlagsrechte an einigen der größten Rap-Hits überhaupt – sind anhängig. Des Weiteren läuft noch eine Zivilklage gegen ihn: Die Familie des 1997 ermordeten Rap-Stars Christopher Wallace alias Notorious B.I.G. will beweisen, dass Knights Death-Row-Mafia korrupte Polizisten aus Los Angeles angeworben hatte, um den New Yorker Rapper umzulegen.

Knight selbst bestreitet jede Verwicklung in den Mord. Und doch bleibt er einer der Schlüsselfiguren in der berüchtigten Ostküste-versus-Westküste-Fehde des Rap: Er saß neben seinem Schützling Tupac Shakur am Steuer, als dieser 1996 in Las Vegas von Pistolenkugeln tödlich getroffen wurde. Und muss bis heute gegen die Gerüchte ankämpfen, dabei im Hintergrund die Strippen gezogen zu haben.

Hätte sich Suge Knight nur an die eigenen Vorgaben gehalten! Er wolle der nächste Berry Gordy werden, proklamierte er noch 1992 - und Death Row Records zum neuen Motown machen. Als Marion Knight Jr. in Mississippi das Licht der Welt erblickte, stand der Motown-Sound gerade in voller Blüte: "My Guy" führte die Hitparade an, Marvin Gaye und die Four Tops drehten sich daheim auf dem Plattenspieler.

Später zog die Familie Knight nach Los Angeles und verdiente mit Fabrikjobs genug, um sich ein Haus in Compton zu kaufen. Ihr Sohn Marion galt als Muttersöhnchen: Seiner Größe und seines Temperaments wegen tauften ihn die Spielkameraden "Sugar Bear" – später zu "Suge" verkürzt.

Schlagkräftig verhandeln

Nicht alle aber hielten den breitschultrigen Typen für einen Zuckerbären: Bald war der ehemalige Football-Spieler vor allem dafür berüchtigt, potentielle Gegner physisch wie psychologisch einzuschüchtern: Seine Launen galten als unberechenbar. Als Nachtclub-Türsteher und Prominenten-Bodyguard, kam Knight über R&B-Superstar Bobby Brown mit dem Plattengeschäft in Kontakt. Die Namenswahl seiner Plattenfirma sprach für sich: Death Row. Knights Vorstrafenregister ebenfalls: Schießereien, Körperverletzung und Verstöße gegen das Waffengesetz.

Besonders legendär sein Coup gegen Vanilla Ice: Suge Knight hatte dem weißen Rapper die Rechte an sieben Songs abgepresst – nachdem er ihn angeblich an den Füßen aus dem Death-Row-Bürofenster hängen ließ. Dabei wusste er durchaus um die subtilen Mechanismen der Macht: Den ebenfalls weißen Vorständen der Death-Row-Partnerfirmen Interscope oder Sony gegenüber trat er als durchweg liebenswürdiger Geschäftspartner auf.

Die wiederum waren mit ihm zufrieden - solange er ihnen die großen Hits lieferte und die Gewalt in den eigenen Reihen blieb: Bekannt ist die Geschichte von zwei Brüdern, die in der Kantine von Death Row nackt ausgezogen und geschlagen wurden, nachdem sie es gewagt hatten, ein öffentliches Telefon zu benutzen, auf dem dummerweise Suge Knight gerade einen Anruf erwartete.

Death Row aber profitierte von solchen Aktionen. Schließlich untermauerten sie Knights sorgsam gepflegtes Gangster-Image – wie auch das seiner Künstler: 1993 verkaufte sich Dr. Dres Debutalbum "The Chronic" drei Millionen Mal und blieb fast ein ganzes Jahr in den Pop-Charts.

Death Rows Erfolge lösten ein industrielles Erdbeben aus. Niemand hatte vorher mit dem riesigen Gangster-Rap-Markt unter weißen Jugendlichen gerechnet. Nun aber präsentierte sich Knight als Berry Gordy aus Compton: Mit der grimmigen Entschlossenheit eines Ganglords markierte er jeden Winkel seines neu eroberten Territoriums: "Wir nehmen den Laden hoch", raunzte er einem Reporter der "New York Times" ins Mikro, nachdem seine Schläger dem New Yorker Plattenmogul Andre Harrell gewaltsam dessen Künstler abpressen wollten, "und scheren uns einen Dreck um diese anderen kleinen schwarzen Schwuchteln".

Gott, was für eine Wandlung!

Mit "The Chronic" und dem kurz darauf veröffentlichten Snoop-Dogg-Debut "Doggystyle" verdiente Knight 60 Millionen Dollar in nur zwei Jahren: Endlich konnte sich der Zuckerbär das Leben eines Film-Mafiabosses erfüllen. Er kaufte Häuser, Autos, Boote und einen Nachtclub in Las Vegas. Nach Tupacs Ermordung aber fiel Knights Label: Ende der neunziger Jahre desertierten auch Dr. Dre und Snoop Dogg von Death Row – nicht ohne vorher Polizeischutz anzufordern.

Dass derselbe Typ, zu dessen Verhandlungsinstrumenten einst Baseballschläger und ein Tank voller Piranhas gehörten, nun ausgerechnet die positive Kraft von HipHop anruft, ist erstaunlich. Suge Knight selbst spricht von einem "Bekehrungserlebnis", als Bischof T.D. Jakes in einem Gottesdienst von der Vergebung der Sünden sprach. "Gott lässt keines seiner Kinder fallen", formulierte es der bullige Death-Row-Boss.

Könnte die Wandlung des Saulus zum Paulus aber nicht auch ein PR-Gag sein? Immerhin braucht Suge Knight gute Presse für seine kommende Fernseh-Reality-Show: Sieben Folgen von "Suge Knights Unfinished Business" sind schon gedreht. Nächstes Jahr sollen sie auf Sendung gehen. Der Plot: Zwanzig vom Abrutschen in die Kriminalität gefährdete Jugendliche werden auf die Probe gestellt. Mit Suge Knight als ihrem Mentor und Sozialarbeiter. Ein Berufsbild, das im Gegensatz zum Gangsterrapper noch Zukunft hat.



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