HipHop-Label Royal Bunker Schmeiß den Battle nicht hin!

Eko Fresh, Sido und Kool Savas sind heute die Superstars des deutschen Raps und bekämpfen sich mit Reimen. Früher gehörten sie alle zu einer Familie: der des kleinen feinen HipHop-Labels Royal Bunker aus Berlin. Eine DVD-Dokumentation erzählt jetzt dessen Geschichte zwischen Rhetorik und Revolte.

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Royal Bunker-Chef Staiger: "Wer zuerst ausrastet, hat verloren"

Royal Bunker-Chef Staiger: "Wer zuerst ausrastet, hat verloren"

Die Berliner HipHop-Szene kann einem leicht vorkommen wie Asterix' Korsika: Jede Sippschaft ist mit der anderen verfeindet und niemand weiß noch genau, wer wem wann den Esel geklaut hat. Was im Grunde auch unwichtig ist. Denn der eigentliche Spaß ist ein anderer: öffentlichkeitswirksam die anderen zu beschimpfen und beschimpft zu werden. Eko Fresh beleidigt Kool Savas, der schimpft zurück, Eko attackiert Sido, der blafft zurück, dabei kriegt auch Bushido was ab, doch Bushido und Eko mögen sich ebenfalls nicht.

Rhetorik statt Randale

Außerdem erscheint jeder Rapper auf einem anderen Label, was die Verhältnisse um einiges verkompliziert. Die Labelkumpanen müssen sich schließlich loyal verhalten. Wechselt dann doch einmal jemand seinen Arbeitgeber, gerät das ganze Gleichgewicht der Kräfte durcheinander und die neuen Machtverhältnisse müssen durch weiteres Beschimpfen wieder ins Lot gebracht werden.

So ist die Lage. Nun ist das gegenseitige Beleidigen seit jeher ein wichtiger Bestandteil des HipHop und steht auch für einen zivilisatorischen Fortschritt - wer sich beschimpft, schlägt sich nicht. Bei den Battles gehe es eigentlich um Selbstbeherrschung, sagt Marcus Staiger, Betreiber des Rap-Labels Royal Bunker: "Wer zuerst ausrastet, hat verloren."

HipHopper Eko Fresh (Filmszene aus "Gegen die Kultur"): Aus dem Keller in die Charts

HipHopper Eko Fresh (Filmszene aus "Gegen die Kultur"): Aus dem Keller in die Charts

In seinem Kreuzberger Kellerbüro hängt ein großes Plakat mit dem P.Diddy-Spruch "Losing Is For Losers" über dem Sofa - tatsächlich ist Staiger nicht unschuldig an dem überwältigenden Erfolg, mit dem Berliner Rapper in den vergangenen Jahren ihren Kollegen aus anderen Städten Respekt beigebracht haben. Es war eine von ihm organisierte Freestyle-Bühne in einer heruntergekommenen Kneipe namens Royal Bunker und das nach ihr benannte Kassettenlabel, wo die meisten von ihnen ihre Karriere begannen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Staiger mittlerweile auf den Platten fast aller seiner ehemaligen Kumpels ebenfalls regelmäßig geschmäht wird.

Aufstieg im Keller

"Gegen die Kultur" heißt der Dokumentarfilm von Stefan Pethke und Nicole Rother über diese Frühgeschichte des Berliner Battleraps, den Royal Bunker nun herausgebracht hat. Battles, das sind die wortmächtigen Kämpfe am Mikrofon, die sich die MCs zwecks Selbstprofilierung liefern. Auf "Gegen die Kultur" sind sie alle noch friedlich vereint: Kool Savas, wie er sich nach einem Auftritt in Ost-Berlin spitzbübisch freut, dass die Konkurrenz ausgerastet ist; Sido ohne Maske und M.O.R., die Masters Of Rap, jene West-Berliner Supergruppe, deren Mitglieder beinahe auch Superstars geworden wären, wenn - nun ja, wenn Savas den Laden nicht verlassen hätte.

Rapper Sido, B.Tight (Filmszene): Schimpfen, nicht schlagen

Rapper Sido, B.Tight (Filmszene): Schimpfen, nicht schlagen

Aber das ist schon das Ende eines Films, der im Grunde eine ganze Menge Filme auf einmal darstellt: gelungene Dokumentation über die Kampfreimer aus der Hauptstadt, bewegendes Epos über Aufstieg und Zerfall einer Gruppe, humorvolle Variation über den Popkultur-Mythos "Aus dem Keller in die Charts".

Oft liegen die Anfänge von Subkulturen im Dunkeln. Und es ist dem Zufall geschuldet, dass die Berliner Rapper fast von Anfang an durch Pethke filmende Begleitung hatten. Der war durch Freunde auf den Royal Bunker aufmerksam gemacht worden und hielt "als interessierter Zaungast", wie er sagt, die Kamera drauf, wenn sich dort sonntags der HipHop-Underground traf.

Dass der Berliner Battle-Rap eine solche Schlagkraft entfalten konnte, lag natürlich auch daran, dass er Zeit hatte, in Ruhe zu wachsen. Denn 1998, als die Szene begann, sich im Royal Bunker zu treffen, wurde der deutschsprachige HipHop fast vollständig von den MCs aus Stuttgart, Hamburg und Frankfurt dominiert. "Gegen die Kultur" erzählt, wie sich hier gegen den Mainstream eine Bewegung formierte, die schon bald die deutsche HipHop-Landschaft umkrempelte. Staiger gründete Royal Bunker und rollte mit seinen Mixtapes die deutsche Szene auf. Viele tausend verkaufte er davon - aus dem sprichwörtlichen Hinterzimmer heraus.

Rapper Sido der Post-Bunker-Ära: Mit Kampfreimen zum Erfolg
DPA

Rapper Sido der Post-Bunker-Ära: Mit Kampfreimen zum Erfolg

Für einen Augenblick war Staiger - eine schlitzohrige Mischung aus Geschäftsmann und Idealist, Sozialarbeiter und Redenschwinger, Begeisterter und Begeisternder - so etwas wie ein Berliner Russell Simmons, der legendäre Begründer des DefJam-Labels und New Yorker HipHop-Mogul. Jams organisieren, Künstler zu Auftritten fahren, immer wieder erklären, wie das Geschäft läuft: Er hielt den Laden zusammen. Pethke und Rother lassen über 20 Protagonisten aus dem Bunker-Umfeld vom unaufhaltsamen Aufstieg einer Szene erzählen.

2001 gelang es, das Debütalbum von M.O.R., "N.L.P.", herauszubringen; überraschenderweise schafft es sogar den Sprung in die deutschen Verkaufscharts. Dann ist der Film vorbei - kurz darauf verlässt Kool Savas das Label, Sido und seine Kumpels waren schon vorher gegangen. Geblieben ist Eko Fresh, doch auch sein erfolgreiches "German Dream"-Projekt läuft über eine der großen Plattenfirmen.

Keepin' It Real!

Dass der große Erfolg heute von anderen eingefahren wird, ficht Staiger jedoch nicht an - trotz des P.Diddy-Plakats: "Dass wir vier Jahre später immer noch da sind, ist doch auch ein Erfolg. Man verzichtet lieber auf ein gutes Geschäft, als mit Leuten weiter zu arbeiten, mit denen man sich nicht mehr versteht." Und während er das sagt, klopft es an der Tür, ein paar Kids aus der Nachbarschaft kommen herein, holen sich einen Stapel Flyer ab und verschwinden wieder.

Royalbunker-Veteran Savas: Schulzeit eines Stars

Royalbunker-Veteran Savas: Schulzeit eines Stars

Man muss keinem Underground-Romantizismus verfallen, um in diesem stoischen Weitermachen auch den Versuch zu sehen, eine der Kerntugenden des Rap hochzuhalten: Keepin' It Real - bleib authentisch. Ein Ethos, dem auch "Gegen die Kultur" mit seiner Haltung verpflichtet ist, die HipHop-Kultur als etwas Gewachsenes, als Produkt kollektiver Arbeit auszustellen.

Denn so sehr sich Sido oder Kool Savas in ihren Videoclips als Ghettokönige oder Vollstrecker lyrischer Todesurteile inszenieren, in "Gegen die Kultur" kann man sie als das sehen, was sie vermutlich wirklich sind: ganz lustige Gesellen, die Spaß haben, sich mit anderen zu messen. Dies ist eine andere Art von Selbstdarstellung als jene, die gegenwärtig die Charts regiert. Doch für Kunstfiguren wie Sido oder Savas gilt, was auch für andere Comic-Heroen Gültigkeit hat - geschaffen werden sie von Jungs, die keine Helden sind, sondern gern welche wären.



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