HipHop-Rüpel Sido Den Faxen entwachsen

Genug vom Gangstergehabe: Der Berliner Rapper Sido gibt sich auf seinem neuen Album erwachsen: Vom pubertären Gestus seiner Rap-Kollegen hat er die Nase voll, den Nachwuchs warnt er vor Drogen und Gewalt. Die Pöbelei ganz zu lassen, gelingt ihm allerdings noch nicht.

Von Markus Schneider


Diesmal wird wahrscheinlich niemand Sido auf den Index für jugendgefährdende Medien setzen. Zwar hören die Beamten der Bundesbehörde dieser Tage bestimmt gerade das neue Album des Berliner Rappers, doch auf seinem drittem Solowerk "Ich & meine Maske" verzichtet das "superintelligente Drogenopfer" – so die Reinschrift seines Akronyms – auf die plumpen Provokationen, mit denen er und seine Gangsta-Rap-Kumpels vom Berliner Aggro-Label regelmäßig die Sittenwächter alarmieren.

Stücke wie den notorischen "Arschficksong", der Sido vor fünf Jahren, als er sein Gesicht noch hinter einem silbernen Totenschädel verbarg, über die Berliner HipHop-Kreise hinaus bekannt machte. Sein erstes Album "Maske" verkaufte sich gut 200.000 Mal, die Single "Mein Block" war ein Hit.

Sidos Block steht im Märkischen Viertel, einer Hochhaussiedlung im Norden Berlins, die er mit seinem Rap-Stück nach US-Vorbild auf der HipHop-Landkarte verzeichnete, und das er ähnlich finster gestaltete wie die Ghettos in Brooklyn oder South Central. Sido rappte munter, selbstbewusst und ordinär von Gangs und Gewalt, von Drogen und Verwahrlosung.

Aufstieg eines Ghetto-Rappers

Die reflexhafte Empörung der Öffentlichkeit schadet im HipHop bekanntlich wenig, und so wurde Paul Würdig, wie der Sohn einer Sinti und eines schnell verschwundenen deutschen Vaters wirklich heißt, zum "Bravo"-Star, Comet-Preisträger und gern gesehenem Gast bei Stefan Raab.

Pünktlich zu seiner letzten CD "Ich" erschien eine flink geschriebene Biografie in Buchform, bald wird es auch ein Biopic über den 28-Jährigen geben. Sido kaufte sich einen Geländewagen, bezog ein schickes Dachgeschoss und wurde auf HipHop-Festivals schon mal mit Flaschen beworfen. Viel Feind, viel Ehr.

Doch im Gegensatz zu Rappern wie seinem ehemaligen Label-Kollegen Bushido konnte man bei Sido schon früh trotz Geschmacklosigkeit eine listige und humorfähige Bildsprache erkennen. Unterstrichen wurde das auf seinem letzten Album von selbstironischen Tönen und pathosschweren Texten über seinen kleinen Sohn und seine großen Kumpels, die zwischen soliden Porno-Raps und Beleidigungen gestreut waren.

"Ich will so gern erwachsen werden"

Vor allem im Konzert sieht man nun die Spanne zwischen dem alten Hardcore-Klischee und zunehmender Selbstreflexion. So unlängst im Kreuzberger Club 103, wo Sido seine neue CD vorstellte. Am Anfang spielte er die Single "Augen auf". Das Stück, eine schamlose Verbeugung vor Jay-Zs "Hard Knock Life", ist ein gutgelaunter Appell an Eltern, auf ihre Kinder achtzugeben. Schon in jüngsten Jahren, so die eloquente Klage, sammeln die nämlich Erfahrungen im Flatrate-Saufen, Drogenkonsum und schnellem Sex.

Im Refrain gibt es einen krähenden Kinderchor, den das naturgemäß sehr junge Publikum mitsingt: "Ich will so gern erwachsen werden und nicht schon mit 18 sterben." Im dazugehörigen Video sieht man Sido als Kind im Matrosenanzug und als Mädchen verkleidet – der harte "Straßenjunge", so ein Track des letzten Albums, als Crossdresser.

Später rappt Sido mit seiner Lebensgefährtin Doreen Steinert, einer sehr blonden, zierlichen Frau, die früher bei der Casting-Band Nu Pagadi sang, das schlagerhafte Stücklein "Nein". Darin lässt sich Sido tatsächlich erklären, dass dicke Autos und Geldprotzerei nicht automatisch Frauenherzen öffnen.

Reifeprozess eines Rüpels

Gründlicher kann man sich nicht von der Gangsterrolle distanzieren. Mitunter erinnert Sidos etwas schiefer Charme an die Neuköllner Entertainmentschule Kurt Krömers. Zwar kommt zur Begeisterung des Publikums am Ende auch das brachiale Analsex-Frühwerk. Doch das wirkt schon nicht mehr richtig Sido-gemäß - ebenso wenig wie die Burschen, die er sich vermutlich aus Erinnerung an gemeinsame trübe Tage im Ghetto als Gäste auf Bühne und CD geladen hat. Es sind Gefährten wie Tony D. und Frauenarzt, deren Einlagen an Resozialisierungsprojekte und Ballermann erinnern.

Dagegen ist "Ich & meine Maske" größtenteils ziemlich origineller und gut produzierter Mainstream-HipHop. Komplettausfälle wie das eklige "Scheiß drauf" zeigen aber auch die grenzwertige Vorliebe für Fäkalhumor im deutschen Rap. Einen Sexrap wie "Strip für mich" hat man auch schon knalliger gehört. Und Sidos "Danke" an Gott darf man auch seltsam finden.

Aber anders als seine harten Kollegen, die wie der holprig rappende Dealer Bushido ihre Figuren nur endlos reproduzieren, entwickelt Paul Würdig seinen Sido tatsächlich über die Jahre hinweg weiter. Sogar von einer großen Plattenfirma lässt er seine CDs nun vertreiben, und wo er früher krasse Bilder von Gewalt und Demütigung entwarf, findet er sich auf "Pack schlägt sich" nun "zu alt für diese Faxen".

Begleiten lässt sich Sido unter anderem auch vom Frankfurter Rapper Azad, mit dem er sich noch vor ein paar Jahren medienwirksam geprügelt hat. Jetzt schreien sie sich in einem der aggressivsten Stücke des Albums an, wie unreif sie das jugendverderbende Gezeter im HipHop finden.


Sido – Ich & meine Maske (Aggro/Universal)

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