Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

HipHop-Star Eminem: Vom Opfer zum Anführer

Von Jonathan Fischer

Auf seinem neuen Album "Encore" begnügt sich Rap-Superstar Eminem nicht mehr damit, nach allen Seiten Häme und Hass auszuteilen: Mit politisch motivierten Texten über Armut, Wohnungsnot und Rassendiskriminierung macht er sich nun auch zum Sprachrohr der Unterschicht - und arbeitet gleichzeitig seine eigene Biografie auf.

Rapper Eminem: Superstar mit neuen Rollenmodellen
AP

Rapper Eminem: Superstar mit neuen Rollenmodellen

Die richtigen Feinde zählen mehr als der beste Freund. Osama Bin Laden, Michael Jackson, R. Kelly, Moby und Mutti mussten sich schon verunglimpfen lassen. Eminems neueste Single "Mosh" aber rückt George Bush Jr. an die Pole Position der Feindesliste: "No more blood for oil / we gotta have our own battles to fight on our soil", reimt der blondierte Rap-Superstar in gewohnt harten Kadenzen und karikiert den US-Präsidenten als "Feigling", "Lügner" und "Monster, das wir an die Macht gebracht haben".

Die bedrohlich schlingernden Beats werden von einem ebenso düsteren Video untermalt: Passagierflugzeuge überqueren eine Schule und explodieren im Hintergrund. Dann zoomt die Kamera in das Gebäude, wo Eminem als George W. Bush einer Klasse ein Kinderbuch vorliest. Der Rapper hält sein Buch dabei demonstrativ auf den Kopf gestellt - eine Hommage an die berühmte reale Szene vom 11. September 2001.

Doch der 32-Jährige belässt es diesmal nicht bei plakativen Schmähungen. Ob Rassendiskriminierung, Armut, Wohnungsnot oder Steuerkürzungen für die Reichen: Das "Mosh"-Video illustriert ein Panoptikum innenpolitischer Krisen. Am Ende marschieren Horden von Jugendlichen, verarmten Müttern und frustrierten Soldaten in dunklen Kapuzen auf das Weiße Haus zu - angeführt von Eminem.

Eminem-Album "Encore": Gelegentlich blitzt politische Vernunft auf

Eminem-Album "Encore": Gelegentlich blitzt politische Vernunft auf

Ob das Video in die Heavy Rotation der Musiksender aufgenommen wird oder politischen Lobbyisten zum Opfer fällt: Eminems Inszenierung als Sprachrohr einer politisch unartikulierten Unterschicht könnte nicht medienwirksamer ausfallen. Mit Rap-üblichem Größenwahn kann man Songs wie "Mosh" jedenfalls nicht mehr abtun. Vielmehr erweist sich Marshall Mathers auf seinem neuen Album "Encore" einmal mehr als genialer Figurenspieler, rüstet seine Aliasse Eminem und Slim Shady mit den Phantasien der Verlierer und Rebellen auf - und wandelt sich vom Opfer zum Anführer: "White America! I could be one of your kids."

Kämpfte der schmale Junge mit der Caesar-Frisur nicht schon immer stellvertretend gegen die repressiven Kräfte von Familie, Medien, Political Correctness und staatstragender Moral? Jetzt hat Eminem begriffen, dass seine rhetorischen Flammenwerfer schnell zur Pop-Folklore verkommen - solange sie die Politik aussparen. Gerne eröffnet der Rapper seine Shows mit Mitschnitten aus Kongressanhörungen und Nachrichtensendungen, die ihn unter anderem als vulgär, degeneriert, asozial, misogyn und geistesbeschmutzend beschreiben.

"Encore" aber begnügt sich nicht damit, diese Vorurteile zu bestätigen. Neben die pubertären Rebellionsphantasien, die den Jungen aus Detroit zum bestverkaufenden HipHop-Künstler aller Zeiten aufstiegen ließen, sind neue Rollenmodelle getreten. Gelegentlich blitzt gar so etwas wie politische Vernunft auf: Nicht nur, dass Eminem am Ende des "Mosh"-Videos mitsamt seiner Gefolgschaft ein Wahllokal betritt. Auf "Yellow Brick Road" entschuldigt er sich gar für einen rassistischen Text, den er in seiner Jugend aufnahm. Zeichen eines mit dem Lebensalter gewachsenen Verantwortungsgefühls? Oder gar die Aufarbeitung der eigenen Biografie?

Eminem als Präsident im "Mosh"-Video: Panoptikum innenpolitischer Krisen
Screenshot www.gnn.tv

Eminem als Präsident im "Mosh"-Video: Panoptikum innenpolitischer Krisen

Das Leben hatte Marshall Mathers von Anfang an nichts geschenkt: Er wuchs als Sohn einer allein erziehenden Mutter im Trailerpark-Milieu von Detroit auf, dem typischen Auffangbecken für verarmte und vom amerikanischen Traum verratene Weiße. "White trash", wie er es selbst nennt. Wer wie Eminems Familie in der afroamerikanisch geprägten Innenstadt blieb, dessen Sozialisation wurde zwangsläufig von der Nachbarschaft - der "hood" - und vom HipHop als deren Soundtrack geprägt. Der Legende nach stand Marshall Mathers schon mit 14 Jahren auf der Bühne, brach die High School ab, schlug sich mit Mindestlohnarbeiten durch und feilte den Rest seiner Zeit an seiner Schlagfertigkeit als Rapper.

Als er 1996 mit "Infinite" sein Solo-Debüt gab, lebte der 24-Jährige noch im mobile home seiner Mutter, erwartete mit seiner Freundin ein Kind und träumte "von einer glücklichen Ehe und einer halben Million für meine Tochter". Doch wie im Märchen muss er für die Übererfüllung seiner materiellen Wünsche bitter bezahlen. Drei Jahre später verkauft das zweite Album "The Slim Shady LP" dreifach Platin, während ein böse gewordener Popprinz von Racheakten an seiner ehemaligen Frau, dem Psychoterror seiner verhassten Mutter, einer im Chaos aufwachsenden Tochter und Nachstellungen von Fans, Medien und Anwälten rapt.

Eminem im Kinofilm "8 Mile": Die tiefsten Gräben in der amerikanischen Gesellschaft verlaufen nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß
DDP

Eminem im Kinofilm "8 Mile": Die tiefsten Gräben in der amerikanischen Gesellschaft verlaufen nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß

Statt an den schwarzen Vorbildern zu kleben, entwickelt er einen unverwechselbaren weißen Rapstil irgendwo zwischen "South Park" und Franz Kafka. Seine doppelte Entfremdung nutzt er als stilistische Waffe. Zwar gesteht Eminem ein, er würde "als Schwarzer nur die Hälfte verkaufen. Im 2003 veröffentlichten halbbiografischen Film "8 Mile" jedoch schlägt Eminem seinen afroamerikanischen Konkurrenten aus dem Feld, indem er diesen als Sohn einer bürgerlichen Familie mit College-Bildung enttarnt.

Inzwischen fördert Eminem auf seinem eigenen Plattenlabel ehemalige schwarze Band-Kollegen wie D 12 oder Gangsta-Rapper a la Obie Trice und 50 Cent. Glaubt man ihm, so verlaufen die tiefsten Gräben in der amerikanischen Gesellschaft nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen Bürgertum und den Randgesellschaften der Ghettos und Trailer-Parks.

Ähnlich wie die prügel- und tränenreichen Shows des "Reality TV" verwischt Eminem ständig die Grenze zwischen Fiktion und Leben. Wenn schwarze Gangster-Rapper ihre Authentizität über ausgiebig zitierte Gefängniserfahrungen beschwören, dann bedroht Marshall Mathers das Establishment von innen: Indem er Eminem das gespaltene Unbewusste einer ganzen Nation in den Mund legt, seinen Selbsthass mit Narzissmus und Illusionen der Großartigkeit bekämpft.

Dieser grundsätzlichen Strategie bleibt er auf "Encore" treu. Mag etwa der Song "Toy Soldiers" die Opfer der von Rap inspirierten Gewalt bedauern - in "Evil Deeds" dürfen die Gewaltphantasien seines Alias wieder aufleben. Der pickelgesichtige labile Junge, der sich so gerne den Touch des Schwererziehbaren gibt, ist noch lange nicht gestorben: So macht Marshall Mathers seiner Mutter und seiner Ex-Frau Kim einmal mehr den Prozess für sein vermeintlich verpfuschtes Leben. Demonstriert seine Missachtung durch geräuschvolles Erbrechen. Und erklärt sich für alle Moralpredigten unerreichbar, indem er gewohnheitsmäßig seinen Hohn über Schwule, Michael Jackson oder auch Popsternchen Jessica Simpson ergießt.

HipHop-Clown Eminem: Zwischen Humor und Straftatbestand
AP

HipHop-Clown Eminem: Zwischen Humor und Straftatbestand

Ob Markenzeichen oder psychische Marotte: Eminems Stärke liegt gerade im Surrealen. Einem Wortwitz, der sein allerpersönlichstes, oft ans Psychotische grenzende Erleben mit einer universalen menschlichen Erfahrung verknüpft. Nur vor diesem Hintergrund lassen sich Eminems oft eintönige und musikalisch dünnen Beats erklären. Anstatt mit der Unberechenbarkeit des Rappers zu korrespondieren, erden sie den Rebellen in der Banalität der weltweiten Popcharts.

Eminems schwarzer Produzent Dr. Dre verantwortet auch diesmal den Hauptteil der musikalischen Arrangements: Stumpfe, bleierne Rhythmen zumeist, die kaum jemals von den wahnwitzig-abgehackten Raps seines Proteges ablenken.

Auf seinem letzten Album "The Show" sprach Eminem davon, wie ihn "die eigenen Unsicherheiten lebendigen Leibes auffressen könnten". Nun scheint der Rapper seine Angst auch als politische Kraft zu entdecken. In seiner Musik trifft nicht nur das Idiom schwarzer HipHop-Kultur auf die Reflektionswut psychoanalytisch geprägter weißer Intellektueller. Er karikiert mit seinem im "Mosh"-Video aufmarschierenden Heer von Kapuzenträgern die Kreuzzug-Mentalität des christlich-fundamentalistischen Amerika, schlägt der doppelmoralgeplagten Nation ihr verdrängtes Heidentum um die Ohren.

Ob man nun Eminems Verse für surrealen Humor oder Straftatbestände hält: Der Rapper beherrscht noch immer die Kunst der Dialektik: "We need a little controversy / because it feels so empty without me".

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: