HipHop-Star Kanye West Mit Rucksack und Rolls Royce

Ghetto oder Gucci, Armani oder Armenhaus: HipHop lebt von Stereotypen - und droht in ihnen zu verkommen. Wie gut, dass US-Produzent Kanye West einen Ausweg kennt: Selbstironie, raffinierter Sound und die perfekte Mischung aus Pop und Politik.

Von Daniel Haas


 HipHop-Produzent West: Der Schulversager als Klassenbester im Rap-Geschäft
Amy V. Cooper

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"Mo' Money, mo' Problems" - mehr Geld mehr Probleme, rappte HipHop-Legende Christopher Wallace alias Notorious B.I.G Ende der neunziger Jahre und lieferte damit die schlüssige Kurzformel nicht nur für die Lebensdramen des Gangsters, der es zum Superstar gebracht hat, sondern für die Probleme des Genres insgesamt. HipHop, in den siebziger Jahren die Subkultur des urbanen Afroamerikas, ist zur globalen Entertainment-Branche aufgestiegen - inklusive Milliarden-Umsätzen und global vermarktbaren Stars.

Mit dem finanziellen Siegeszug verschärften sich Konkurrenz- und Innovationsdruck, wobei im Verteilungskampf um Käufer, Fans und Werbedeals verschiedene Währungen kursieren. Es geht nicht nur um Dollarscheine, sondern um Glaubwürdigkeit, Authentizität und Respekt. Die neun legendären Schusswunden von 50 Cent haben zum Erfolg des Rappers vielleicht ebensoviel beigetragen wie sein unbestrittenes Reimtalent. Zwischen Ghetto und Gucci, Armani und Armenhaus also bewegt sich HipHop seit den neunziger Jahren; in den Medien herrschen zwei Stereotypen vor: die politisch Engagierten, vetreten durch Rapper wie KRS-One und Public Enemy, und die geldfxierten Hedonisten, verkörpert von Stars wie Snoop Dog und Sean "P. Diddy" Combs.

Pop-Girlie Spears: Fette Beats für Charterfolge
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Dann betrat im Jahr 2001 Kanye West die Szene, Sohn eines zum Christentum bekehrten ehemaligen Black-Panther-Aktivisten und einer Englischprofessorin, und riskierte den Schulterschluss von Glamour und Intellekt. "Ich bin der erste Nigga mit einem Benz und einem Rucksack", kokettierte der Chicagoer Produzent mit einem aus Esprit und Machismo gemixten Image, und lieferte gleichzeitig Hits für HipHop-Größen wie Jay-Z und Pop-Püppchen wie Britney Spears. Der vollständige Mangel an Berührungsängsten mit anderen Musikstilen, gepaart mit einem raffinierten Gespür für Samples - zitathaft verwendete Einsprengsel aus verschiedenen Songs - machte West schnell zum Liebling der Branche. Ob Soul-Prinzessin Alicia Keys, Rüpelreimer Ludacris oder Pop-Diva Janet Jackson: West saß für die Hocharistokratie des schwarzen Pop am Mischpult.

Kulturkritik zwischen Uni und Uzi

Schon Wests Produzentenkarriere ist eine amerikanische Erfolgsgeschichte, in der alles in Erscheinung tritt, was Klang und Namen hat. Doch anders als viele Macher, die an den Reglern reüssieren, am Mikro aber kläglich scheitern, hat der 26-Jährige jetzt ein Debüt vorgelegt, das man zu den wichtigsten Alben der letzten Jahre rechnen kann. "The College Dropout" heißt die CD, auf der West seine eigene Karriere als Schulversager zur Leitspur für ein vertrackt-geniales HipHop-Theater macht.

Im Gegensatz zu vielen seiner Rap-Kollegen entwirft er sich jedoch nicht als Gangster, "Pimp" oder Mafioso, sondern als zutiefst widersprüchliche Figur. Vor dem Hintergund der eigenen Geschichte wird hier schillernd aus dem Leben eines Taugenichts erzählt, wobei die Stillage geschickt zwischen Grandiosität und Selbstdemontage oszilliert. Mal ist West der Intellektuelle, der soziologisch präzise das kulturelle Dilemma der afroamerikanischen Jugend verzeichnet, mal der Prahlhans, der sich nur für Knarren und Körbchengrößen interessiert. Ob Uzi oder Uni - hier entfaltet einer ein Panorama der gesellschaftlichen Misere mit den Mitteln der Autobiografie, und immer geben Humor und Selbstrionie den Ton an.

 West-Förderer Jay-Z: Versöhnung von Mainstream und Underground
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Da wird in der Hitauskoppelung "All Falls Down" Konsumgier als Form afroamerikanischen Selbsthasses und fortgesetzter Versklavung entlarvt und in "Spaceship" die Utopie vertont, wie dem Kapitalismus mittels Raumschiffen zu entkommen sei. Auf "Through The Wire" thematisiert West gar das Traumatische eines schweren Autounfalls mit dreifachem Kieferbruch, um schließlich ironisch festzustellen: "Danke Gott, dass ich nicht zu cool für einen Sicherheitsgurt bin." Lakonischer wurde der HipHop-Mythos vom Überleben in tödlicher Gefahr selten aufs Korn genommen.

So gelingt die Versöhnung von Mainstream und Underground, von Pop und Politik: Zwischen Kulturkritik und Klamauk entfaltet sich stilsicher das Szenario einer gesellschaftlichen Misere, ohne dass der erhobene Zeigefinger den Takt bestimmt. Damit steht West in einer Reihe von Künstlern wie Marvin Gaye und Curtis Mayfield, die Anfang der siebziger Jahre mit ihren Konzeptalben die schwarze Pop-Musik erneuerten. Damals öffnete sich der Soul jenseits industrieller Hitschablonen für politische und spirituelle Themen - heute erschließt West dem HipHop neues Terrain zwischen Rucksacktourismus und Limousinenluxus.

Kompilieren, zitieren, ironisieren

Black-Music-Ikone Gaye: Politik, Spiritualität und der Soul von Micky Maus
AP

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Auch musikalisch greift Wests Sound die Musikgeschichte auf: Zitiert werden von Gaye über Luther Vandross bis zu Chaka Khan die Großen der R&B-Historie - eine Reverenz an die Ahnherren des afroamerikanischen Pop. Dabei bleibt es nicht beim bloßen Zitat: West beschleunigt die entlehnten Tonspuren und verzerrt die Stimmen ins Mickymaushafte - ein Verfahren, das mittlerweile als sein Markenzeichen gilt.

Der ausladende Gebrauch von Samples restauriert dabei eine Grundtechnik des HipHop: In den Anfängen kreierten DJs ihre Beats, indem sie Stücke auseinander schnitten und neu zusammenfügten. In den neunziger Jahren übernahm der Sampler dann das Zerpflücken und Kompilieren; der kreative Part bestand von nun an im Auffinden möglichst origineller Sounds, die eingespeist und verarbeitet werden konnten. Nicht zuletzt trägt Wests Virtuosität bei der Auswahl von Zitaten zum atmosphärisch dichten, komplexen Sound von "The College Dropout" bei. HipHops neuer Superproduzent hat einen leichteren, gefühvolleren und - in der Szene unüblichen - selbstkritischen Ton angeschlagen. Es bleibt zu hoffen, dass sein Stil bald zum Lehrplan der Rap-Gemeinde zählt.

Schließlich stimmt die Diagnose des 1997 erschossenen Notorious B.I.G. nach wie vor. HipHop ist nicht nur zur universellen Jugendkultur, sondern auch zum Anziehungspunkt für Gewalt, Sexismus und sogar fürs organisierte Verbrechen geworden. Im Geschäft mit Beats und Rhymes sind Fiktion und Wirklichkeit, Gewalt und ihre rhetorische Überbietung untrennbar verunden. Dasselbe FBI, dass in Rap-Songs oft verteufelt wird, beschützte letztes Jahr die Trauergäste bei der Beerdigung des ermordeten Jam Master Jay, einem der Stars der HipHop-Formation Run DMC. Solchen Szenarien kommt man nur mit Ironie und Scharfsinn bei - Qualitäten, mit denen der College-Loser Schule machen wird.



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