HipHop-Star Kendrick Lamar "Lass dich nicht vom Dollar schwächen"

Der neue König des HipHop? Kendrick Lamar hat mit "To Pimp a Butterfly" den Soundtrack für die "Black Lives Matter"-Bewegung geschaffen. Hier spricht er über die Probleme der Bling-Bling-Kultur.

Ein Interview von


Es gebe so wenig Kriminalität in Paris, wundert sich Kendrick Lamar. Der Rapper liegt auf einem Sofa in der französischen Hauptstadt, 9000 Kilometer von seiner Heimat Compton entfernt; einer Vorstadt von Los Angeles, Schauplatz von Bandenkriegen, Keimzelle des Gangsta-Rap. Der 28-jährige Grammy-Gewinner Lamar, Hoodie ohne Slogan, keine Goldkette, gilt als Heilsbringer des HipHop. Im März hat er plötzlich sein drittes Album "To Pimp a Butterfly" veröffentlicht, von der Kritik als Meisterwerk gefeiert. Es berichtet vom Leben als junger Schwarzer im Amerika der Gegenwart. Lamar erzählt darauf von Gewalt und Frieden, von Selbstliebe und Selbstzweifel. Er kennt die Widersprüche - und vereint sie in seiner Person.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Lamar, Sie wurden als neuer "König des HipHop" bezeichnet, Pharrell Williams nannte Sie einen "Bob Dylan dieser Ära", die "New York Times" einen "Evangelisten der Black Power". Wer ist Kendrick Lamar?

Lamar: Ein Straßenpoet. Ein obdachloser Straßenpoet.

SPIEGEL ONLINE: Obdachlos?

Lamar: Obdachlos, weil ich keine Juwelen an mir trage oder irgendwas in der Art. Als Obdachloser trägst du das einzige Juwel, das du besitzt, in dir. Ein Juwel, das sich in Worten manifestiert.

SPIEGEL ONLINE: Sind die echten Juwelen, der Bling-Bling-Lifestyle, zu einem Problem für den HipHop geworden?

Lamar: Juwelen, Klamotten, Schuhe: Das ist Teil der HipHop-Kultur. Aber an irgendeinen Punkt waren alle übersättigt davon. Der Punkt, an dem man die Kunst vergisst. Leute wie ich versuchen das wieder zu entschlacken.

Zur Person
  • Universal Music
    Kendrick Lamar, 28, ist ein US-amerikanischer Rapper. Er stammt aus Compton, Kalifornien, einer Vorstadt von Los Angeles, aus der auch Coolio, Dr. Dre oder MC Eiht kommen. Bekannt wurde Lamar mit seinem Album "Good Kid, M.A.A.D. City", das 2012 veröffentlicht wurde. Bei den Grammy Awards 2015 wurde er zweimal ausgezeichnet. Im März 2015 brachte er sein von der Kritik gelobtes Album "To Pimp a Butterfly" heraus.
SPIEGEL ONLINE: Braucht der Mainstream-HipHop einen Wandel?

Lamar: Er braucht keinen Wandel. Mainstream-HipHop ist dazu gemacht, sich zu wiederholen. Sonst würde er nicht so gut ankommen. Aber du brauchst jemanden, der neue Konzepte pusht. Wäre "To Pimp a Butterfly" nicht so weit davon entfernt, wo der HipHop gerade steht, worüber würden wir dann reden? Alles wäre einfach nur "gut". Alles klingt gleich, und der Sound ist immer gut. Aber was geht noch? Wir brauchen einen neuen Gesprächsbeitrag. Und das ist es, was ich mit diesem Album machen wollte.

SPIEGEL ONLINE: "To Pimp a Butterfly" ist ein Konzeptalbum - mit Songs, die sich widersprechen, Zwischenspielen, einem Gedicht, aus dem immer wieder Teile gelesen werden und das am Ende ganz vorgetragen wird. Wieso so kompliziert - in einer Zeit, in der Spotify- und iTunes-Playlisten die Hörgewohnheiten bestimmen?

Lamar: Das war ein Wagnis, das ich eingegangen bin, um meinen Platz in der Musik zu sichern. Wenn ich mich mit Leuten wie dem Funkmusiker George Clinton zusammensetze, dann will ich sein wie sie. Ich will nicht der Künstler sein, der fünf Jahre lang irgendwas war und den die Leute dann vergessen haben.

SPIEGEL ONLINE: Der Opener "Wesley's Theory" beschreibt, wie erfolgreiche schwarze Künstler von der Kulturindustrie "gepimpt" werden. Sie haben mal gesagt, niemand bringe armen Schwarzen bei, wie sie mit Geld oder Berühmtheit umgehen sollten. Haben Sie das selbst so erlebt?

Lamar: Definitiv. Wenn du Geld hast, kannst du zwei Dinge damit anstellen: Du kannst es ausgeben. Oder du kannst es ausgeben (lacht). In der Schule lernen wir das ABC und das Rechnen. Das müssen wir kennen. Aber was kommt danach? Man hätte uns Ökonomie lehren sollen. Denn woanders lernst du es nicht, wenn du aus meiner Hood kommst: Deine Eltern sind pleite, die hatten nie Geld. Die kannst du nicht um Rat fragen, weil die noch ärmer sind als du selbst.

SPIEGEL ONLINE: Sind bessere Bildungschancen ein Weg, solche Probleme zu lösen?

Lamar: Nicht nur Bildung, auch Erfahrung. Du musst den Kids deine Erfahrung weitergeben, in Workshops. Das ist besser, als ihnen ein Buch vors Gesicht zu halten. Was drin steht, haben die am nächsten Tag wieder vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Wie die "New York Times" 2013 schrieb, sei es in Amerika für einen jungen schwarzen Mann, der keinen High-School-Abschluss hat, wahrscheinlicher im Gefängnis zu landen, als einen Job zu finden.

Lamar: Ja, das ist heftig. Das ist ein Dilemma, in das wir geraten sind und aus dem wir nicht rauskommen. Ein Fluch, den wir umkehren müssen. Aber das braucht Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es aus Compton, einem Schauplatz von Bandenkriegen, auf die großen Bühnen geschafft. Eine Textzeile in Ihrem Song "u" lautet: "Ein Freund würde Compton nie wegen des Profits verlassen." Fühlen Sie sich schlecht, dass Sie jetzt hier sitzen?

Lamar: Ich hatte dieses Gefühl häufiger, als mein letztes Album "Good Kid, M.A.A.D. City" erschienen war. Freunde, die mir wichtig sind, fühlten sich damals verletzt. Ich empfinde heute eher so eine Art survivor's guilt.

SPIEGEL ONLINE: Begreifen Sie es als Ihre Aufgabe, dieses Amerika, dessen Zeuge Sie sind, musikalisch abzubilden?

Lamar: Auf jeden Fall. So, wie NWA oder Ice Cube oder Ice-T. Ich bin ein Schüler dessen, was die gemacht haben; wie die ihre Zeit beobachtet haben. Meine Zeit ist jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Neben den genannten Rappern erwähnen Sie auf "To Pimp A Butterfly" die Namen schwarzer Anführer - im musikalischen und im politischen Sinne: Martin Luther King, Malcolm X, Tupac. Sehen Sie sich in einer Reihe mit ihnen?

Lamar: Dafür muss ich noch viel mehr leisten. Aber ich bin gewillt, diese Herausforderung anzunehmen. Jetzt bin ich ja noch jung. Ich muss noch wachsen. Diese Typen mussten auch erst wachsen und viele Fehler machen, bevor sie zu Anführern werden konnten.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie von diesen Vorbildern gelernt?

Lamar: Dass man an etwas glauben muss. An die Religion oder an die Leute um dich herum. An Veränderung oder an Wachstum. Lass dich nicht vom Dollar schwächen! Was in der Welt zählt, ist das Gute. Diese Typen standen wirklich hinter dem, was sie sagten. Leute folgen dem.

SPIEGEL ONLINE: Eine dieser Persönlichkeiten, den 1996 erschossenen Rapper Tupac, zitieren Sie im letzten Track von "To Pimp a Butterfly". Tupac antwortet darauf, wie die Zukunft junger Afroamerikaner aussähe: "Das nächste Mal wird wirklich Blut fließen." Das sei verrückt, antworten Sie: "Musik ist die letzte Hoffnung, die wir noch haben." Wie kann Musik eine Gesellschaft ändern?

Lamar: Musik bringt Menschen zusammen. Der Beweis liegt vor uns: Ich habe Sie noch nie getroffen, aber wir sind jetzt beide hier wegen "To Pimp A Butterfly". Musik ist mehr als bloß Einzelteile, die zusammengesteckt werden. Sie war schon da, als es die Zeit noch nicht gab.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
lili-noel 17.06.2015
1. Was macht er anders?
Liebe Redaktion, für eine so tolle Botschaft, die der Musiker vermittelt, ist das Interview ziemlich inhaltsleer. Was ist der Weg, um den Materialismus zu umgehen? Setzt er auch Zeichen gegen den massiven Sexismus im Hip Hop? Hip Hop ist autoaggressiv, rassistisch und bestätigt Vorurteile. Wie steht es mit politischer Korrektheit und Rollenbildern? Woraus besteht eigentlich der neue Weg dieses Künstlers?
pigtime 17.06.2015
2. Compton
In Kendricks Heimatstadt verdienen Frauen im Schnitt 2.000 Dollar mehr im Jahr als Männer. Das Problem dürfte weniger eine rassistische Gesellschaft sein, sondern eine Macho-Thug-Life-Gesellschaft. Für (schwarze) Frauen stellt sich diese Alternative nur in Ausnahmefällen. Daher werden sie ziemlich selten erschossen (von weißen rassistischen Cops). Große Vorbilder bedeuten nicht automatisch, das man Recht hat!
flo_bargfeld 17.06.2015
3. Schon jetzt eines der Alben des Jahres.
Ich höre eigentlich keinen HipHop und freue mich dann doch, wenn es alle Jubeljahre mal ein solches Juwel gibt (das letzte war meiner Meinung nach "Orange" von Frank Ocean). Auch das Jazz-Triple-Album des Lamar-Sideman Kamasi Washington ist ein echtes Highlight, das man unbedingt einmal hören sollte.
skrobala 17.06.2015
4.
Zitat von lili-noelLiebe Redaktion, für eine so tolle Botschaft, die der Musiker vermittelt, ist das Interview ziemlich inhaltsleer. Was ist der Weg, um den Materialismus zu umgehen? Setzt er auch Zeichen gegen den massiven Sexismus im Hip Hop? Hip Hop ist autoaggressiv, rassistisch und bestätigt Vorurteile. Wie steht es mit politischer Korrektheit und Rollenbildern? Woraus besteht eigentlich der neue Weg dieses Künstlers?
Danke für Ihren Kommentar! Lamar setzt in seinem Auftreten weniger auf Pose und Show. Er konzentriert sich in seinen Texten stärker aufs Politische und auf die Widersprüche, denen er als junger Afroamerikaner ausgesetzt ist. So besingt er z.B. im Song "i" die Selbstliebe ("I love myself"), reflektiert aber in Stücken wie "u" auch Selbsthass und Selbstzweifel ("Loving you is complicated"). Wenn Sie mehr über Kendrick Lamar erfahren möchten, will ich Ihnen an dieser Stelle den zugehörigen Artikel "Was ist nur los?" im aktuellen DER SPIEGEL empfehlen: bit.ly/1GZ373E Herzlich Jurek Skrobala
turbomix 18.06.2015
5.
Zitat von lili-noelLiebe Redaktion, für eine so tolle Botschaft, die der Musiker vermittelt, ist das Interview ziemlich inhaltsleer. Was ist der Weg, um den Materialismus zu umgehen? Setzt er auch Zeichen gegen den massiven Sexismus im Hip Hop? Hip Hop ist autoaggressiv, rassistisch und bestätigt Vorurteile. Wie steht es mit politischer Korrektheit und Rollenbildern? Woraus besteht eigentlich der neue Weg dieses Künstlers?
Schade dass Sie es nicht kapiert haben. Im Beitrag kommt es zum Ausdruck!
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