HipHop-Star Mos Def Großes Kino, genialer Flow

Von ihm hätte man am wenigsten eines der besten und aufregendsten HipHop-Alben des Jahres erwartet: Der New Yorker Rapper Mos Def, nebenbei erfolgreicher Schauspieler, hatte sich eigentlich schon nach Hollywood verabschiedet. Jetzt kehrt er mit "The Ecstatic" zurück - und trifft den Zeitgeist perfekt.

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Von Jonathan Fischer


Andere HipHop-Stars hauen jede Saison ein Album raus, sind auf jeder zweiten Platte zu Gast, dissen auf jedem dritten Song einen Konkurrenten - Hauptsache, man bleibt im Gespräch. Mos Def allerdings - seit seinem Debüt-Album "Black On Both Sides" (1999) gilt er als eines der begabtesten Reimtalente des HipHop - scheint nichts von dieser Strategie zu halten. Vielmehr spielt der als Dante Terrell Smith in einer Sozialsiedlung in Brooklyn geborene Rapper mit dem Hype um seine Person - und lässt die Publikumserwartungen regelmäßig ins Leere laufen.

So leistete sich Mos Def 2004 mit "Black Jack Johnson" einen ziemlich abgedrehten Ausflug ins Funkrock-Genre, lieferte ein Jahr später mit "True Magic" ein Album ab, das offensichtlich unfertig wirkte und nicht einmal ein Cover-Artwork besaß, und machte überhaupt eher als Gesellschaftsaktivist von sich reden denn als HipHop-Musiker. Etwa als der mittlerweile 35-Jährige in New York nach einer unerlaubten Aufführung seines Bush-kritischen Songs "Katrina Clap" vor der Radio City Music Hall verhaftet wurde, in politischen Fernseh-Talkshows gastierte, oder demonstrativ einen Gratis-Gig in Havanna gab.

Hollywood- statt Rap-Karriere

Umso überraschender, dass der Mann jetzt mit "The Ecstatic" das Album vorlegt, auf das seine Fans seit zehn Jahren vergeblich hofften. Zumal viele Mos Def schon abgeschrieben hatten, zumindest für die Musik: Seine erfolgreiche Leinwandkarriere - zuletzt spielte er neben Jack Black die Hauptrolle in Michel Gondrys "Be Kind Rewind" - sowie eine Reihe von weiteren Emmy-, Tony-, Obie- und Golden-Globe-nominierten Schauspieleinsätzen - schien das Ende seiner Rapper-Laufbahn zu signalisieren.

Und niemand hätte es Mos Def übel genommen, wie einst Will Smith die Rapper-Karriere für ein Leben als Hollywoodstar ad acta zu legen: "HipHop", hat der sozialkritische Rapper erst kürzlich erklärt, "funktioniert wie eine Maschine, die dich auf eine beschränkte Zahl von Rollen festlegt. Besonders wenn du schwarz bist. Aber ich habe keinen Ehrgeiz, diese Klischees zu erfüllen". Sich selbst Maßstab seiner Wertschätzung zu sein, das war mit der Grund, warum Mos Def, der auf der HipHop-Bühne stets mit einem Lächeln antrat, sich in den letzten Jahren zunehmend auf das Filmgeschäft konzentrierte.

Leinwanddebüt an der Seite von Michael J. Fox

Er besaß dabei von Haus aus einen Vorteil gegenüber anderen schauspielernden Rappern wie etwa 50 Cent oder LL Cool J: Schon mit 14 Jahren hatte Dante Smith im Fernsehfilm "God Bless The Child" mitgespielt. Ein Jahr später gehörte er zur Stammbesetzung der CBS-Sitcom "You Take The Kids" . Und 1991, er war gerade 17 Jahre alt geworden, gab er in der Komödie "The Hard Way" mit Michael J. Fox und James Woods sein Kinodebüt. Er nannte sich nun Dante Beze. Und sicherte sich eine weitere Rolle in der Krimiserie "The Cosby Mysteries", die von 1994 bis 1995 lief, und Bill Cosby in der Rolle eines New Yorker Kriminologen zeigte.

Ungefähr zur selben Zeit fing Mos Def - sein Künstlernamen leitet sich vom Slangbegriff für "most definitely" her - mit dem Rappen an: Zuerst zusammen mit Bruder und Schwester in der Gruppe Urban Thermo Dynamics. 1996 verschaffte ihm seine Debutsingle "Universal Magnetic" Kultstatus im HipHop-Untergrund: Unvergleichlich ist bis heute sein Flow und sein schier unerschöpflicher Vorrat pulsierender, vieldeutiger Reime. Doch nach zwei künstlerisch und politisch höchst anspruchsvollen Projekten - "Black Star" mit Talib Kweli und das Solodebut "Black On Both Sides" - machte sich der Rapper erst einmal rar.

"Hundert Prozent Ehrlichkeit"

Stattdessen kehrte er zur Leinwand zurück: Er spielte in "Island Of The Dead", "Bamboozled" und neben Halle Berry im Oscar-gekrönten "Monster's Ball", erhielt selbst diverse Filmpreise für seine Rollen in "Brown Sugar", "The Italian Job", "The Woodsman", "Lackawanna Blues" oder "Something The Lord Made". Nebenbei fungierte er als Gastgeber und Produzent der HBO-Serie Def Poetry, einer Fernsehbühne für aufstrebende Slam-Poeten.

Nun aber spürt Mos Def offensichtlich wieder den Missionar in sich und hatte genug erstklassiges Material gesammelt, um mit "The Ecstatic" ein ganzes Album zu füllen. "Es handelt sich einfach um eine Sammlung von Beobachtungen ohne stringenten narrativen Faden", erklärt der Rapper im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Dafür gebe ich Hundert Prozent Ehrlichkeit. Ich versuche nie, jemanden anderen oder eine Mode zu kopieren."

Kritikern seines etwas erratischen HipHop-Verständnisses nimmt er gerne den Wind aus den Segeln: Es gehe ihm nicht darum, den größten Applaus zu kassieren, sondern um nichts Geringeres als Bewusstseinserweiterung: "Teil jeder afrikanisch beeinflussten Musik ist es schließlich, zu heilen, Freude auszustrahlen, positive Vibrationen zu erzeugen. Ich sehe mich da in der Tradition von Coltrane, Marley, Hendrix."

Leidenschaftlicher, intensiver Flow

"The Ecstatic" zeigt, dass Mos Def mit den Vergleichsgrößen nicht zu hoch greift: Sein leidenschaftlicher, intensiver Flow hält auf Albumlänge - ob im Electro-Funk von "Life In Marvelous Times", dem minimalistischen, von Händeklatschen und Polizeisirenen getriebenen "Quiet Dog" oder dem auf psychedelischem Samba-Rock gebauten "Casa Bey". Scheinbar erschließt jeder Song einen neuen Stil. Und das bedeutet bei diesem Album keine Schwäche: Vielmehr garantieren Neptunes-Produzent Chad Hugo und Mr. Flash neben Untergrundlegenden wie Madlib, Oh No oder J.Dilla dem kleinteiligen Patchwork höchstes musikalisches Niveau.

Ganz offensichtlich werden hier keine Beats von der Stange verlegt, sondern das musikalische Theater passgenau auf Mos Defs Texte abgestimmt . In "Auditorium" etwa: Ein Bollywood-Sample verbreitet da orientalisches Ambiente, während Mos Def über Amerikas Nahost-Politik räsoniert - "kleine Äxte können Giganten fällen" - und Gast-Rapper Slick Rick aus der Perspektive eines unerwünschten Okkupations-Soldaten im Irak erzählt.

Was denkt ein schwarzer, amerikanischer Muslim?

"Ich hasse niemanden. Aber ich verabscheue es, wenn Menschen fremdbestimmt werden, ohne sich dagegen wehren zu können", sagt Mos Def. "Ich möchte ein Vokabular liefern, um dieses Leiden, diesen Schmerz ausdrücken zu können." Kein Wunder, dass Fela-Kuti-Samples, Malcolm-X-Reden und zahlreiche Referenzen an den Old-School-HipHop auf seinem neuen Album eine Rolle spielen.

Kein Wunder auch, dass der Rapper sein Album mit einer Anrufung Allahs beginnt: Arabisch eingetönte Songs wie "Wahid" oder "Priority" geben eben auch Einblick in das Denken eines schwarzen amerikanischen Muslim, der sich genauso wenig mit den Gewalttaten der Gotteskrieger wie der Propaganda der eigenen Regierung identifizieren will. "Schon als Kind in der Sozialsiedlung habe ich mir gedacht, dass sich die Gesellschaft nicht um die Menschen kümmert. Dass man ihnen ihr Leben bestenfalls schönredet. Heute drücke ich es so aus: Ich muss Amerika nicht lieben - ich lebe schließlich hier."

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