HipHop-Star Nas "Die wahren Krimis will niemand hören"

Sein neues Album heißt "HipHop Is Dead", doch dank Nas ist Rap lebendiger denn je. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kritisiert der legendäre Reimer, dass viele Kollegen lieber über Partys und Sexorgien rappen statt über das Ghetto-Elend - er fordert Blut, Schweiß und Tränen in der Musik.


SPIEGEL ONLINE: Ahmir Questlove Thompson, Kopf der HipHop-Band The Roots behauptet, die künstlerische Größe der Afroamerikaner zeige sich immer erst in Krisenzeiten wie dem Crack-Boom. Insofern müsste HipHop heute angesichts von "War On Terror" und dem Sozialabbau der Bush-Regierung blühen wie nie zuvor.

HipHop-Star Nas: "Rap braucht keine Gimmicks, sondern Blut, Schweiß und Tränen"

HipHop-Star Nas: "Rap braucht keine Gimmicks, sondern Blut, Schweiß und Tränen"

Nas: Wenn die Menschen leiden, hilft Ihnen das, sich über Musik auszudrücken, neue Rhythmen, Melodien, und Worte für ihre Situation zu finden. So ist der Blues entstanden, der Jazz und auch der HipHop. Damals waren die Innenstädte wegen Nixons Politik zu trostlosen Ghettos verkommen. Das erlaubt aber noch nicht den Umkehrschluss: Dass gute Musik nur aus der Depression entsteht. Und was Crack betrifft: Der Drogenhandel hat viel Geld in die Communitys gepumpt, aber eben auch Tausende Familien zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Manche Beobachter glauben, HipHop wäre gar nicht so groß geworden, hätte nur Jesse Jackson 1984 die Präsidentschaftswahlen gewonnen.

Nas: Interessanter Gedanke. Vielleicht hätte er sich um die maroden Innenstädte gekümmert, um bessere Schulen und Arbeitsplätze. Dann hätten wir bestimmt nicht so viele Gangsta-Rapper.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater, der Blues- und Jazzmusiker Olu Dara, hat auf ihrem letzten Album mitgewirkt. Liegt nicht gerade in der Transformation von persönlichem Leiden eine Parallele zwischen Blues und HipHop?

Nas: Ja, exakt. Ich habe HipHop immer wegen seiner Leidenschaft geliebt, den Erzählungen, wie du auf der Straße überleben kannst, wenn sonst niemand einen Cent auf dich setzt. HipHop ist definitiv der Blues von heute. Er fühlt sich nur nicht so depressiv an. Weil er aus der Wut entsteht.


SPIEGEL ONLINE: Schon Ihr Debut "Illmatic" scheint seine Erzähltechnik und oft surrealen Verse dem Blues zu verdanken...

Nas: Ich hatte damals viel mit Jazz gearbeitet. Und die Stimmung, die ich mit meinen Raps beschwöre, kann man sicher als Blues bezeichnen. Ein Trance-ähnlicher Zustand, der alle falschen Hoffnungen und Versprechungen demaskiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie dürfen wir uns den von Ihnen erklärten Tod des HipHop vorstellen? Immerhin gehört Rap auf dem Popmarkt nach wie vor zu den erfolgreichsten Genres.

Nas: HipHop ist an seiner eigenen Kommerzialisierung erstickt. Zu viele Rapper einerseits - andererseits zu wenig DJs, Promoter und Plattenfirmen-Manager, die sich noch um Kreativität scheren. Nicht jeder, der eine Platte aufnimmt, hat auch etwas zu sagen. Es liegen immer noch genug Geschichten auf der Straße, aber uns gehen die Geschichtenerzähler aus. Niemand will die wahren Krimis hören. Von Haftentlassenen, Welfare-Mothers und Drogenleichen. HipHop wurde längst der schwarzen Community, aus der er einst kam, weggenommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen ja wie ein Purist. Dabei veröffentlichen Sie selbst auf einem großen Label, Def Jam.

Nas: Es hat natürlich seine Vorteile, wenn so viel Geld im Spiel ist. Rapper von der Straße wie 50 Cent haben heute eine Chance, Millionär zu werden. Und wenn du es schaffst, aus dem Untergrund bis zum Major Label durchzudringen, stehen dir alle Türen offen. Das Problem ist: Diejenigen, die sich um nichts scheren, machen alles Geld der Welt. Als Purist dagegen, der HipHop liebt, wirst du das Geschäft früher oder später hassen.

SPIEGEL ONLINE: Weil es kaum noch um Inhalte, sondern nur noch um Verpackung geht?

Nas: Genau, du wirst dauernd frustriert. Und merkst, dass die Industrie dich als Spinner und hoffnungslosen Fall abschreibt. Dir bleibt also nur die Wahl, entweder "Fuck the system!" zu schreien, oder dich um eine Balance von Kommerz und Kunst zu bemühen. Das ist mein Weg. Ich habe einen Vertrag bei einer Plattenfirma unterschrieben und ich möchte ihn erfüllen. Aber der Titel meines neuen Albums ist auf jeden Fall dem Puristen in mir zu verdanken.

SPIEGEL ONLINE: Einige Ihrer Kollegen, besonders die mit Party- und Stripper-Geschichten so erfolgreichen Südstaaten-Rapper, haben aggressiv auf Ihren Albumtitel reagiert.

Nas: Wer jetzt laut aufschreit, weiß, dass er zu den Totengräbern der Kunstform gehört. Allerdings können nur jene Menschen das Genre retten, die HipHop hören. Wenn sie nichts anderes vorgesetzt bekommen, verlangen sie auch nichts anderes.

SPIEGEL ONLINE: Aber gilt das selbe, was Sie für HipHop behaupten, nicht für jede Form von Popmusik, ob Country oder R&B?

Nas: HipHop wollte einmal mehr sein als nur eine weitere Spielart von Popmusik. Es fing im Park an, mit Graffitikünstlern, DJs, Breakdancern. Die sind aber längst von der Industrie abgehängt. So gibt es kaum noch einen Unterschied zum kommerziellen Country-Musik: Du hörst die immergleiche Geschichte zur immergleichen Instrumentierung. Deswegen gehen ja auch die Plattenverkäufe zurück.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer neuen Platte bezeichnen Sie sich als Black Militant, als schwarzen Militanten.

Nas: Ich habe da lediglich meinem Zorn Ausdruck verliehen, meinen Phantasien, die Regierung zu stürzen. Mehr als die Black Panther aber haben mich Musiker wie Miles Davis und Bob Marley beeinflusst. Oder, wenn es um schwarze Politiker geht: Barack Obama. Ich hoffe, dass er für die nächste US-Präsidentschaft kandidieren wird. Meine Stimme gehört jetzt schon ihm.

SPIEGEL ONLINE: Kann Musik wirklich die Politik beeinflussen?

Nas: Auf jeden Fall. In den kommenden 25 bis 30 Jahren werden die meisten Politiker mit Musik von Eminem, Jay-Z, Nas und den Roots aufgewachsen sein. So bilden wir auf eine Weise eine Familie mit ähnlichen Ideen und Idealen. Sogar Eltern und Kinder hören heute dieselben CDs, wollen dieselben Konzerte besuchen.

SPIEGEL ONLINE: Reden Sie mit Ihrer Tochter auch über Musik?

Nas: Meine Tochter lebt zwar die meiste Zeit bei ihrer Mutter. Aber sie hört zu Hause und im Auto meine Raps. Sie weiß, dass ich ihr einen Song gewidmet habe: "The World Is Yours".

SPIEGEL ONLINE: Was macht für Sie einen guten HipHop-Song aus?

Nas: Viele glauben, sie müssten über Crack rappen, um sich wichtig zu machen. Aber ein erstklassiger Rap braucht keine Gimmicks, sondern Blut, Schweiß und Tränen. Du musst deine Phantasie nutzen können, dich auf eine Weise ausdrücken, die nur du beherrscht. Alles hängt an der Vorstellungskraft. Darum geht es im HipHop.

Das Interview führte Jonathan Fischer.



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