HipHop-Star Nelly "Wir müssen Gott für Obama danken"

Nelly galt als Spaßmacher und Party-Musiker des HipHop, doch auf seinem neuen Album wird der Star politisch. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Körperkult in den USA, sexistische Videos - und erklärt, warum Barack Obama für so viele ein Popstar ist.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben im vergangenen Jahr offensichtlich genauso viel an Ihrem Körper wie an den Songs für Ihr neues Album "Brass Knuckles" gearbeitet.

Nelly: Ich werde älter, da investiere ich eben mehr Zeit ins Bodybuilding. Nicht zuletzt hilft das dem Selbstvertrauen auf der Bühne.



SPIEGEL ONLINE: Und wohl auch den Plattenverkäufen, oder?

Nelly: (Lacht) Meinem neuen Video wird es bestimmt nicht schaden.

SPIEGEL ONLINE: Spätestens seit 50 Cents Erfolg scheinen HipHop und Körperkult zusammenzugehören. Muss man Muskeln zeigen, um als Rapper vermarktbar zu bleiben?

Nelly: Ich habe gehört, dass Plattenfirmen ihre Rapper dazu anhalten, ins Fitnessstudio zu gehen. Das ist Amerika: Die Leute lieben es, gesund und knackig auszusehen. Aber Muskeln allein? Du musst da schon was hinterm Mikro bringen. Ich dagegen komme sowieso vom Football und Basketball, gerade baue ich ein Sportzentrum in meiner Heimatstadt St. Louis. Ich hänge nicht nur am Tropf von HipHop.

SPIEGEL ONLINE: Zumal der Albenverkauf im HipHop seit 2005 um fast ein Drittel gefallen ist. Hat sich das Genre in den ewiggleichen Klischees totgelaufen?

Nelly: So düster sehe ich das nicht: Die Umsätze gehen doch überall in der Pop-Industrie zurück. Und die Hälfte der amerikanischen Top Ten sind immer noch HipHop-Alben.


SPIEGEL ONLINE: Trotzdem hat HipHop doppelt so viele Marktanteile verloren wie etwa Country oder Rock.

Nelly: Ich glaube, dass HipHop immer mehr als Produzentenmusik wahrgenommen wird: Das heißt, die Leute kaufen nicht mehr ein Album, weil sie den Künstler mögen. Sondern nur noch einzelne, gut produzierte Songs nach dem Motto: Tolle Musik, aber wer rappt da überhaupt? Im Pop oder R&B dagegen steht noch viel mehr die Person des Sängers im Vordergrund.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zu den glücklichen Ausnahmen, die auf ihre Fanbasis zählen können.

Nelly: Das war harte Arbeit. Inzwischen bin ich nicht mehr der Typ mit dem Pflaster auf der Backe, sondern stehe für einen Lebensstil: Entspannt, genießerisch, sozial. Der typische Südstaaten-Bonvivant eben.

SPIEGEL ONLINE: Manche Fans werden sich gerade deshalb wundern, dass Sie als vermeintlicher Party-Rapper für Ihr neues Album einen Polit-Rhetoriker wie Chuck D zum Duett geladen haben.

Nelly: Der Song "Self Esteem" ist meine liebste Zusammenarbeit auf dem neuen Album. Ich musste Chuck den Song nicht mal vorspielen, da hat er mir schon zugesagt! Das hat mir geschmeichelt.

SPIEGEL ONLINE: Wovon handelt "Self Esteem"?

Nelly: So viel Böses in der Welt resultiert aus dem Drang, sein mangelndes Selbstbewusstsein zu kaschieren beziehungsweise sich vor der eigenen Verantwortung zu drücken. Darum geht es mir: Die eigenen Taten verantworten. Als Vater, als Rapper, als Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Klingt vernünftig, aber wer will das hören? Die meisten HipHop-Videos betonen den Zusammenhang von Selbstbewusstsein und materiellem Reichtum.

Nelly: Nur, weil ich jetzt reich bin, haben sich meine Probleme nicht in Luft aufgelöst. Daran habe ich auch nie geglaubt. Andererseits muss man wissen, woher die Kids kommen, die solche Werte propagieren: Sie haben im Ghetto angefangen und lernen, dass sich alles um den Dollar dreht. Je ärmer du bist, umso größer dein Glaube ans Geld.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen aus eigener Erfahrung?

Nelly: Ich habe vielleicht nie Hunger gelitten. Aber ich habe nicht vergessen, was es bedeutet, von einem Zehn-Dollar-Schein am Tag zu leben. Deshalb bin ich stolz auf meine Stiftungen für bedürftige Schulkinder, Krankenhäuser und Herztransplantationen. Das gibt mir Selbstbewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bei einem Auftritt auch ein Barack-Obama-T-Shirt getragen.

Nelly: Aber nicht nur, weil wir beide die selbe Hautfarbe teilen. Er bedeutet so viel mehr für Amerika: Es ist das erste Mal, dass junge Leute in Amerika sich für eine Wahl interessieren. Er hat einer ganzen Generation einen Hoffnungsfunken gegeben. Wir müssen Gott für diesen Mann danken.

SPIEGEL ONLINE: Dutzende von Rappern sampeln neuerdings Obama. Warum aber hat Politik im HipHop so lange keine Rolle gespielt?

Nelly: Das hat nicht nur mit den Künstlern zu tun. Mit Polit-Rap macht man einfach viel weniger Profit, und die Plattenfirmen, die ihr Geld für eine Produktion einsetzen, wissen das… Also gelten alle, die über Politik rappen als geschäftsschädigend. Plattenfirmen interessieren sich doch nur für Gewinnzahlen…

SPIEGEL ONLINE: Dasselbe wurde Ihnen vorgeworfen, als Sie vor ein paar Jahren "Tipdrill" veröffentlichten – und ein Video, in dem ein Mann halbnackten Tänzerinnen seine Kreditkarte durch die Pospalte zieht.

Nelly: Das Ganze ist doch Entertainment. So wie Strip Clubs, Casinos oder James-Bond-Filme Entertainment sind. Warum sollte ich mich mit meinen Videos darum bemühen, die Menschheit zu verbessern?

SPIEGEL ONLINE: Es gibt genug Kinder, die diese Videos sehen und sich zum Vorbild nehmen.

Nelly: Das "Tipdrill"-Video ist doch für die späten Nachtstunden gemacht, wenn nur Erwachsene vor dem Fernseher sitzen. Bei uns in Amerika lief das dann um drei Uhr morgens. Fragen Sie meine beiden Kinder: Die sind 14 und 9 Jahre alt, schauen jeden Tag fern und haben es noch kein einziges Mal gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erziehen Sie Ihre Kinder?

Nelly: Wir haben etwa, was Fernsehen betrifft, ganz klare Regeln: Es gibt ein Kinder- und ein Erwachsenenprogramm. Da bin ich ein strenger Vater. Wir reden auch über die Filme: "Das ist nicht die Wirklichkeit", erkläre ich meinen Kindern, "das hat sich nur jemand zur Unterhaltung ausgedacht". Genauso ist es mit meinen Songs: Auch wenn meine Fans vom Sechsjährigen bis zum Sechzigjährigen reichen – nicht jeder meiner Songs ist für alle gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen ja auch musikalisch aus dem Ghetto ausbrechen und haben Bruce Springsteen für ein Duett angefragt…

Nelly: Das ist ein Traum von mir. Leider hat der Boss nicht rechtzeitig einen Termin gefunden, so.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Zusammenarbeit mit dem Countrysänger Tim McGraw hat sicher auch viele Fans überrascht…

Nelly: Ich liebe Country! Da werden die besten Geschichten erzählt. Auf meinem iPod laufen Songs von Rascal Flatts, Tim McGraw und Gretchen Wilson. Manche Leute erstaunt das. Aber schauen Sie sich die Ursprünge von Country an, da spielen Schwarze eine große Rolle. Ich jedenfalls spüre im Country denselben Schmerz, dasselbe Gefühl wie im Rhythm 'n' Blues.

SPIEGEL ONLINE: Wann werden Sie Ihr erstes Country-Album aufnehmen?

Nelly: Früher, als Sie denken. Ich habe gerade eine Band namens Nelly’n’em gegründet. Wir werden da keinen HipHop machen, sondern an die vergessenen Spielarten schwarzer Musik anknüpfen und Rock spielen, Jazz und bestimmt auch Country.

Das Interview führte Jonathan Fischer

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