HipHop-Star Sido Deutsches Schädeltrauma

Seine Totenschädel-Maske ist aus Silber, er selbst nennt sich jetzt "Goldjunge". Mit seinem neuen Album "Ich" wird Sido zum ersten Superstar des deutschen HipHop. Zu Recht.

Von Daniel Haas


Das deutsche Schädeltrauma begann nicht erst in Afghanistan. Es trat zum erstenmal vor zwei Jahren in Erscheinung - mit Sido, dem Berliner Gossenpoeten und deutschen enfant terrible des Rap.

Sido trug eine verchromte Totenkopfmaske, schwärmte in seinen Songs von Analverkehr und Drogen und verkaufte von seinem Debütalbum "Maske" 180.000 Exemplare. Die Bildungsbürger waren entsetzt, deren Kinder begeistert, und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hatte ein neues Feindbild. Seitdem ging es für Sido und sein Label Aggro Berlin bergauf, während Deutschland seine Talfahrt in Richtung HartzIV und Prekariat begann. Irgendwo in der Mitte hat man sich jetzt getroffen: Der Rapper ist nicht mehr so aggressiv und obszön wie früher, das Land ist ernüchtert und kämpft mit Abstiegsängsten.

Mit seinem neuen Album macht es Sido, 26, nicht nur den Kids und Jugendlichen leicht. Die wussten von Anfang an, dass Aggro Berlin wie ein Comic funktioniert: Für jeden Geschmack hat man den passenden Helden; sucht euch aus, mit wem ihr euch identifizieren wollt. Da gibt es den Afrodeutschen, der sich selbst als "krasser Neger" präsentiert (B-Tight), den türkischen Proleten mit Wortwitz (G-Hot) und den harten Deutschen mit Hooligan-Appeal (Fler).

Und eben Sido, den bekifften Underdog, der von seinem Block im Märkischen Viertel in Berlin erzählte und das Ghetto fürs Showbiz entdeckte. Hey, wir haben auch eine Bronx, freuten sich die Wohlstandskinder von Stuttgart bis Sylt, und wir müssen noch nicht mal hinfahren: Ein Sido-Video anschauen genügt.


Weil man aber nicht ewig von Knarren, Kötern und Kohle schwadronieren kann und außerdem die Kunst das Leben - siehe Rütlischule und Wrangelkiez - längst eingeholt hat, verpasste sich Sido fürs zweite Album ein neues, konsensfähigeres Image. "Ich bin kein Gangster, kein Dieb, kein Killer", rappt er auf der ersten Single. "Ich bin ein Straßenjunge."

Das klingt nach neuem Realismus, und tatsächlich: Wenn "Maske" ein HipHop-Blockbuster mit jeder Menge Effekten war, dann ist "Ich" ein Dokumentarfilm, ein fiktiver natürlich. Ein bisschen wie "Borat", der ja auch immer dort für Lachen sorgt, wo man eigentlich heulen müsste.

Die Berichterstattung umfasst 17 Songs, es ist vom Alltagsstress der Armen die Rede ("Nie wieder"), von Aufstiegskämpfen ("Goldjunge"), von Drogenleid ("Bergab") und sogar von Vaterglück ("Ein Teil von mir").

"Ich will das, was ich jetzt habe, nicht wieder verlieren", erklärt der Rapper im Interview. "Ich muss meinen Pflichten nachkommen." Die bestehen heute weniger im gut vermarktbaren Affront als in der Erfüllung kreativer und bürgerlicher Normen.

"Meine Intention ist Kunst", sagt Sido und betont im selben Atemzug, dass er sein Geld nicht auf den Kopf haut, sich ein Haus mit Garten wünscht. Wer einmal erlebt hat, wie im Berliner Aggro-Büro ein Dutzend Mitarbeiter einen Popbetrieb inklusive Grafik- und Fotostudio am Laufen halten, begreift, dass die Outlaw-Posen vor allem Attitüde sind. Man braucht protestantischen Arbeitseifer, um wie Aggro Berlin barocke Verfallsopern im großen Stil zu inszenieren.

Aufstieg auf Ghetto reimen

Sido weiß das, und deshalb wurde das neue Album noch besser produziert, noch aufwendiger gestaltet, noch umfassender promotet als sein Vorgänger. Der Sound hat internationales Niveau, das Video bedient den neuesten Look zwischen Breakdance-Show und Dogma-Film, die Texte beschränken sich nicht - wie sonst bei Rappern üblich - auf die Onanie des Eigenlobs, sondern versuchen sich am Porträt des Künstlers als junger Proll.

So will sich Sido verstanden wissen: als Artist im Spannungsfeld von Nihilismus und Partizipation, als Wohnblock-Barde mit Option aufs Einfamilienhaus. "Ich stehe zwischen den Welten", sagt er mit ernster Miene. "Ich kann nicht mehr einfach ins Ghetto gehen, ohne Probleme zu kriegen. Ich bin jetzt der reiche Typ, den man am liebsten abziehen würde. Und in meiner neuen Gegend sagen die Leute noch nicht mal guten Tag zu mir."

Dabei ist er doch ein sozialer Glücksfall, ein Aufsteiger, der auf dem Weg nach oben noch ein paar Freunde mitgezogen und sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen hat. Wären da nicht die Maske und die Sache mit dem "Arschficksong", er könnte als Maskottchen für die FDP durchgehen: dynamisch, zielstrebig, selbständig.

Das kann eine Mittelschicht, die sich an kulturelle Standards klammert, weil die finanziellen perdu sind, aber noch nicht ganz begreifen: dass Sido bald einer von ihnen sein wird. Es passt nicht in ihren Schädel. Ein Trauma.


Das Album "Ich" ist bei AggroBerlin/Groove Attack erschienen.



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