HipHop-Tanzfestival: Ballett für B-Boys

Von Khuê Pham, London

Ob Roboter-Ballett oder Breakdance-Klamauk - beim Breakin’ Convention Festival in London zeigen 20 Tanzformationen, dass sie künstlerisch einiges bewegen können. Vorbei die Tage der Ghettokultur: HipHop-Artisten erobern die große Bühne.

Jonzi D ist einer, der aus der Reihe tanzt. Mit seinen Dreadlocks und den weiten Klamotten hat er sich erst zum Alptraum der Ballettmeister, dann zum enfant terrible der britischen Tanzszene entwickelt. Seit vier Jahren arbeitet er als Kurator beim Londoner Tanztheater Sadler’s Wells, wo er die Kultur der Straße salonfähig machen will. "Meine Mission ist es, HipHop ins Theater zu bringen", sagt Jonzi D und zündet sich einen Joint an. "Am Anfang dachten alle, ich wäre verrückt, aber inzwischen hat sich die Einstellung der Leute geändert."



Jonzi D lacht und imitiert erst den Slang der HipHop-Jugend, dann den elaborierten Jargon der Kulturträger. Beide Fraktionen waren anfangs skeptisch, was die Kombination Sadler’s Wells und HipHop Tanz betraf. Inzwischen pilgern sie jährlich zu Jonzis Breakin’ Convention - ein Kulturereignis mit Ausverkauf-Garantie. Auch vergangenes Wochenende waren sie wieder da, die Jugendlichen mit ihren Kapuzenpullis und den cool-gelangweilten Gesichtern, neben denen sich die Tanzliebhaber ein bisschen alt und vor allem altmodisch vorkommen.

Im Theater geht es zu wie im Zirkus. Im Foyer schart man sich um Freestyle-Tänzer, die zu fetten Beats einen Breakdance improvisieren. Im Saal selber geht es ebenso turbulent zu. Als Jonzi D "Yo!" rufend auf die Bühne schreitet, wird er in Stadiumslautstärke begrüßt. Klar, dass diese Zuschauer bei allen interaktiven Spielchen mitmachen - Jonzi ruft "Breakin’!’", aus den Reihen schallt es hundertfach "Convention!" zurück.

Kommerzialisierung einer Protestkultur

HipHop stammt aus den New Yorker Ghettos, wo er in den siebziger Jahren als Party- und Protestkultur der Afroamerikaner entstand. Neben den klassischen "Old School"-Tanzstilen - dem bodenakrobatischen Breakdance, dem Funk-orientierten Locking und dem roboterhaften Popping - gehören auch Rap-Sprechgesang, Graffiti und DJing, das Mischen und Scratchen von Schallplatten, dazu.

"Sie haben versucht, sich das Paradies in der Hölle zu schaffen", sagt Jonzi D über die Pioniere aus der Bronx. "Sie haben die Wände zu ihrer Leinwand gemacht und die Straße zu ihrer Bühne." Nicht zu unterschätzen ist dabei der afrikanische Einfluss: Die nachgestellten Kampfszenen der Breakdancer zum Beispiel erinnern deutlich an Stammestänze.

Inzwischen ist HipHop zu einem globalen Massenphänomen geworden, verbreitet und kommerzialisiert durch Musiksender und Labels. Der Protestcharakter ist dabei größtenteils verloren gegangen, besungen wird weniger die Ausbeutung der Armen als der Kaviar-Courvoisier Lifestyle der Reichen. In Musikvideos gilt mehr denn je die Devise Sex sells; tanzende Frauen treten nicht als Künstlerinnen in Erscheinung, sondern als sexueller Fetisch.

"New School" macht Schule

Die sexistischen Inszenierungen gängiger Rap- und R&B-Videos gab es bei der Breakin’ Convention nicht. Die 20 Acts, die für das Festival aus aller Welt angereist sind, brachten drei Tage lang mal mehr, mal weniger erfolgreich ihre konzeptuell ambitionierten Stücke auf die Bühne. Viele integrierten das oft nicht-menschliche Bewegungsrepertoire des HipHops in Narrativen über Roboter, Alien oder sogar Computerviren. Auch in der kompletten Vermummung und Uniformierung der meisten Tanzgruppen ließ sich eine bestimme Grundidee erkennen: Durch HipHop transzendieren die Tänzer ihren menschlichen Körper oder ihre Individualität.

Ebenfalls auffällig: Die "New School" dominiert: Dabei werden neben den klassischen HipHop-Elementen auch Einflüsse aus dem modernen Tanz oder der Kampfkunst aufgegriffen, musikalisch bedient man sich nicht nur der gängigen Genres - Funk, Soul und HipHop - sondern auch der klassischen und elektronischen Musik.

So waren die Veteranen Electric Boogaloos - Begründer der robotischen Boogaloo- und Popping-Stile in den Siebzigern - vor allem als Legenden zum Anfassen interessant. Tänzerisch dagegen ging ihre Nummer kaum über einen Kurs für Fortgeschrittene hinaus. Auch Jeffrey Daniel, nach eigenen Angaben derjenige, der Popping durch einen Fernsehauftritt 1982 nach Großbritannien holte, konnte mit eben dieser Choreographie niemandem imponieren. Der alte Trick mit der unsichtbaren Fensterscheibe? Schon hundertmal gesehen. Ein paar Schrittchen im Moonwalk? Gähn. "Ach, geh doch zurück zu den Achtzigern!", zischte es aus den Zuschauerreihen.

Bei experimentelleren Gruppen war der Überraschungs-Faktor hingegen hoch. Die österreichische B-Boy Gruppe Moving Shadows erntete mit ihrer Show "Out of the Shadow" Standing Ovations. Herausragend war neben ihrer technischen Brillanz vor allem die Koordination: mehrmals türmten sich die schwarz vermummten Tänzer zu Menschenskulpturen, aus denen sie akrobatisch wieder heraussprangen.

Ebenfalls in Gruppenformation traten die als Roboter verkleideten Franzosen FrankIILouise auf. Für ihr Stück "Drop It!" arrangierten sie Licht, Kostüme und Musik zu einer tänzerischen Abhandlung über Mensch und Maschine. In beiden Stücken erinnerten einige der Soli durch ihr langsames Tempo und die emotionale Intensität an klassischen Tanz - Ballett für B-Boys sozusagen.

HipHop in High Heels

Auch Frauen kamen bei der Breakin’ Convention nicht zu kurz. Gleich vier B-Girls traten als Solokünstlerinnen auf, ihre Stücke waren zugleich lyrischer und abstrakter als die ihrer männlichen Kollegen. Herausragend war das "Soli II" der französischen Tänzerin Emile Sudre, Mitglied der feministischen Compagnie Revolution. In ihrem Stück über die weibliche Form tanzte sie in High Heels und Hot Pants und schließlich, mit dem Rücken zum Publikum, mit nacktem Oberkörper. Das Publikum war mit dieser künstlerischen Provokation überfordert - es gab Gelächter im Dunkeln, schließlich ein Ruf aus den Reihen: "Hört auf zu onanieren!"

Für Verblüffung sorgte auch der Künstler Bill Shannon alias The Crutchmaster (Meister der Krücken). Ausgerüstet mit zwei Krücken führte er seinen speziellen Vierbeiner-Stil in"Spatial Theory" vor. Auf seine Gehhilfen gestützt schwang er sich über die Bühne, eine virtuose Breakdance-Performance, die die Behinderung zum kreativen Potential umdeutete.

Der absolute Publikumsliebling war jedoch der französische B-Boy-Clown Salah. Mit fiepsiger Stimme und umwerfender Pantomime brachte er in "The Dream of Gluby" das Publikum im 10-Sekunden-Takt zum Lachen, dann wieder durch Breakdance-Einlagen wie zum Beispiel dem Handstand rückwärts zum Staunen.

Vielleicht liegt die Stärke des HipHops in diesem interdisziplinären Stil, denn so experimentell und dabei doch Zuschauer-orientiert ist kaum eine andere Tanzform der Gegenwart. Zur abendfüllenden, künstlerisch stimmigen Inszenierung fehlt den meisten HipHop Acts jedoch noch ein tragendes Konzept.

"Wir müssen das kreative Potential noch besser umsetzen", gibt Jonzi D zu und lässt eine grünliche Rauchwolke aus seinem Mund quellen. "Aber ich glaube daran, dass wir uns durchsetzen werden, denn HipHop ist eine große Kunst."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Tanzfestival: "HipHop ist eine große Kunst"