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HipHop und Gewalt: "Du Tunte bist tot"

Von Johannes Gernert und Daniel Haas

Markieren die Schüsse auf Rapper Massiv eine neue Phase der Gewalt im HipHop? Der Fall zeigt: Die Aggressivität der hiesigen Gangsta-Rap-Szene kann nicht mehr als Kaspertheater abgetan werden. Branchen-Insider rechnen mit dem Schlimmsten.

Könnte alles nur eine Inszenierung gewesen sein? Der bekanntermaßen von Bodyguards bewachte Rapper Massiv wurde auf offener Straße angeschossen, mehrere Male drückt der Täter ab, das Opfer wird nur leicht verletzt.



In zwei Wochen erscheint das neue Album des Hardcore-Reimers, eine bessere Promotion kann man sich nicht wünschen. Das klingt natürlich zynisch, ist aber vor allem naiv. Die Hoffnung, es handele sich bei den Gewaltausbrüchen der Gangsta-Rapper um reine Fiktion, gehört ins Repertoire bürgerlicher Ressentiments. Die wollen nur spielen, so die Idee, mit Waffen und Kampfhunden zwar, aber letztlich doch nur im Rahmen der rhetorischen Mobilmachung oder der Inszenierung eines Videoclips.

Das Attentat auf Massiv fällt aus dem Rahmen. Es beweist, wie dünn die Grenze zwischen Ästhetik und Wirklichkeit im HipHop geworden ist. Und dass sich die Fragen nach Integration und Jugendgewalt, sozialem Elend und seiner Übersetzung sowohl in Kunst als auch in Kriminalität in keinem Genre derart verdichten wie im Rap.

HipHop - zum Schießen

Wer auch immer auf Massiv geschossen hat: Die Tat lenkt den Blick auf eine Szene, die den Streit zum Stilprinzip und die ethnische Differenz zum bestimmenden Thema erklärt hat. Zwar wirkten die Auseinandersetzungen in Deutschland lange virtuell; die Rapper prahlten mit ihrer Vergangenheit als Kleinkriminelle, bekamen allerdings nie Kugeln ab wie zum Beispiel der neun Mal angeschossene Amerikaner 50 Cent.

In den vergangenen Monaten kam es jedoch häufiger zu Übergriffen. Als der Rapper Fler nach einer Sendung das MTV-Gelände verließ, musste sein Bodyguard drei vermummte Gestalten mit Messern abwehren. Wenige Tage später sprang bei einem Bushido-Konzert in Hannover ein junger Mann auf die Bühne und kickte den Rapper zu Boden.

Im Sommer war Massiv selbst bei einem Auftritt im Ruhrgebiet auf der Bühne angegriffen worden. Ein Mob von Fans und Freunden verfolgte die Täter anschließend und verprügelte sie. Der muskelbepackte, tätowierte Rapper, der von seiner Plattenfirma Sony BMG als authentischer Gangster vermarktet wird, fluchte anschließend in einem Clip, der immer noch auf der Videoplattform youtube kursiert: "Heute haben wir bewiesen, dass wir jeden ficken können." Er sprach von seinen libanesischen und arabischen Brüdern.

Kreativ aggressiv

Als Wasiem Taha, so ist sein bürgerlicher Name, vor zwei Jahren nämlich aus der Pirmasenser Provinz nach Berlin kam, um seine Karriere zu starten, hat er sich bei einem der großen arabischen Clans der Hauptstadt Verbündete gesucht, die ihm einerseits Glaubwürdigkeit in der Szene verleihen, ihn aber auch ganz praktisch schützen sollten. Auch Bushido ist in solch einem Clan, den LKA-Ermittler Großfamilie nennen, verwurzelt. Wie ernst es in diesen Kreisen, die ihre Geschäfte mit Drogen, Discos und Prostituierten machen, zugeht, hat sich vor ziemlich genau einem Jahr gezeigt. Da wurde auf einen von Massivs arabischen Beschützern geschossen. Das LKA vermutete eine Verbindung zu Bushidos Clan. Kasperletheater sieht anders aus; Deutschlands Star-Rapper spielen nicht nur Halb- und Unterwelt, sie sind in ihr tatsächlich verwurzelt. "Alle kaufen Schutz in Berlin", erklärt beispielsweise ein bekannter deutscher Rapper. "Und die größten Stars bezahlen."

Beim Berliner Underground-Label Shokmuzik kann man über den Angriff auf Massiv deshalb nur traurig lächeln. Massiv habe am Anfang seiner Karriere versucht, sich als Kiez-Original aus dem Wedding zu inszenieren und so die im HipHop dringend notwendige Authentizität zu ergaunern, sagt ein Label-Verantwortlicher. "Wir haben ihn gewarnt, das kann nicht gutgehen. Immer wieder kommen wütende Jugendliche zu uns, die so einen abstechen wollen."

Verschäft regional

Für eine Jugend, die abgekoppelt von gesellschaftlicher Partizipation ihre Zeit zwischen Fernseher und Automatencafés zubringt, definiert sich das soziale Selbstverständnis verstärkt über die Zugehörigkeit zum Kiez. Wenn die Welt auf ein paar Straßenzüge zusammenschnurrt, wachsen die Empfindlichkeiten. Dies ist - neben der Verstrickung deutscher Rap-Stars ins organisierte Verbrechen - der zweite Aspekt, der nicht mehr übersehen werden darf. Die HipHop-Helden der urbanen Jugend stehen für einen verschärften Regionalismus, weil sich Zukunftsperspektiven mehr und mehr in der Fixierung auf die eigene Scholle auflösen.

Deshalb fiel Massivs Streit mit den Ruhrpott-Rappern Snaga, Pillath und Manuellsen auch ganz besonders heftig aus. Snaga und Manuellsen produzierten einen Track mit dem Titel "Massiv hängt". "Du kannst nachts vor Angst nicht schlafen, ich sing dir Chöre des Todes", rappt Manuellsen da. Und: "Du Tunte bist tot." Massiv antwortete mit eigenem Schmäh-Track: "Ich bin dieser Junge, der euch Blei in den Magen feuert." Snaga und Manuellsen veröffentlichen ihre Alben beim Hamburger Label Deluxe Records. Dort war für eine Stellungnahme niemand zu erreichen.

Die übelsten Angriffe auf Massiv kommen jedoch aus Stuttgart. Seit Monaten schon taucht auf YouTube immer wieder ein Video des Rappers Bözemann auf. Der nennt sich selbst einen "Albo", also Kosovo-Albaner, und prahlt mit der eigenen Freischärler-Vergangenheit im Kosovo-Krieg. In anderen Clips posiert er mit vermummten und schwer bewaffneten Gestalten. Weil Massiv als gläubiger Muslim auftritt, schaufelt Bözemann ihm ein Grab und stellt ein Holzkreuz mit Davidstern darauf. "Massiv wird als Jude gedisst", erklärte ein Text das Video. An anderer Stelle hat Bözemann, über dessen Identität bisher nichts bekannt ist, angekündigt: "Ich gehe davon aus, dass dieser Beef blutig wird."

Verschärfen sich die Verhältnisse, könnte er Recht behalten. Um so wichtiger, dass die Lage nicht verharmlost wird. In Amerika gibt es einen "HipHop Summit", einen Kongress, wo über die Lage der Jugendlichen, Gewalt und die Möglichkeiten politischer Einflussnahme diskutiert wird. Die härtesten Rapper engagieren sich dort. Wann gibt es einen solchen Gipfel in Berlin?

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Gewalt und Rap: "Blei in den Magen"


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