HipHop und Islam: Rappen mit Allahs Segen

Von Jonathan Fischer

Danksagungen an Allah gehören auf HipHop-Alben inzwischen zur Normalität. Ob Mos Def, Nas oder Queen Latifah - trotz der Vorurteile gegen ihre Religion bekennen sich immer mehr prominente US-Rapper offen zum Islam. Die Vermischung von Musik und Mission besitzt reichlich Sprengkraft.

"Muhammad Walks" heißt ein gerade auf Mixtape erschienener Song des US-Rapstars Lupe Fiasco. Offensichtlich lehnt er sich an Kanye Wests Hit "Jesus Walks" an. Ein bloßes Gimmick? Oder die muslimische Antwort auf die immer offenere Zurschaustellung christlich-religiöser Themen im HipHop? Tatsächlich ist die Verbindung von Islam und Rap nicht wirklich neu: Schon vor einem Vierteljahrhundert zitierten HipHop-Größen wie Afrika Bambaataa, Brand Nubian oder die Poor Righteous Teachers neben Public Enemy oder dem X-Clan immer wieder mal Allah und den Koran in ihren Versen.

Neu hingegen ist die Sprengkraft, die solche Glaubensbekenntnisse im Post-9/11- Amerika entwickeln. Zumal sie jede Menge Missverständnisse evozieren: Einerseits steht der islamische Glaube bei vielen US-Bürgern unter dem Generalverdacht des Anti-Patriotischen und Un-Amerikanischen. Andererseits scheint er per se im Widerspruch mit der von unverhohlenem Materialismus und halbnackten Tänzerinnen geprägten HipHop-Kultur zu stehen.

Tatsache ist: Danksagungen an Allah gehören auf Rap-Alben zur Norm. Mit dem Islam als einer der am schnellsten wachsenden Religionen unter schwarzen Amerikanern – Schätzungen gehen von etwa zwei Millionen afroamerikanischen Muslimen aus – wäre es auch erstaunlich, würden sich Glaubensbekenntnis und die vorherrschende schwarze Musikmode nicht berühren. Heute sind Rapper die sichtbarsten Botschafter eines schwarzen Islam: Gangster-Poseure wie Scarface, Beanie Sigel oder Ghostface Killah gehören genauso dazu wie die politisch bewussten Legenden RZA, Nas, Sister Souljah, Queen Latifah und Chuck D oder die Nachwuchs-Stars Common, Lupe Fiasco und Mos Def.

Letzterer etwa eröffnete sein Album "Fear Not Of Man" mit einer Anrufung Allahs: "Mich hat der Islam gelehrt", sagt Mos Def, "Worte, die in die Öffentlichkeit hinausgehen, zu segnen. Das gibt ihnen ein spirituelles Siegel. Und Insha'Allah (arabisch für: So Gott will) werden meine Bemühungen von Gott akzeptiert."

"Offizielle HipHop-Religion"

Manche Kulturkritiker haben den Islam deswegen schon zur "offiziellen HipHop-Religion" erklärt. Doch sein tatsächlicher Einfluss in der Szene bleibt weitgehend unerforscht. Ist der Koran die Triebfeder hinter der Sozialkritik vieler muslimischer Rapper? Und wie vertragen sich HipHop-Profanitäten mit dem religiösen Reinheits-Gebot?

Akil, ein Rapper der kalifornischen Jurassic 5, ist eigenen Angaben zufolge erst durch die Musik zur Religion gekommen. Nachdem er HipHop-Truppen wie Public Enemy Reden von Malcolm X und Koran-Verse zitieren hörte, habe er sich für den Islam interessiert. "Each one teach one", führt sein Kollege AZ einen populären HipHop-Spruch mit Verbindung zum Koran an. "Jeder soll seinen Nächsten unterrichten. Deshalb benutze ich meine Musik nicht für die Verherrlichung von Gewalt und Prostitution. Sondern um Wissen zu verbreiten."

Auch weiße Rapper erliegen der Anziehungskraft des Islam: Erik Schrody alias Everlast etwa bedankt sich heute mit Songs wie "Mercy On My Soul" für seine Errettung durch Allah: "Ich bin katholisch erzogen worden", erzählt der einstige Frontmann der HipHop-Formation House Of Pain, "aber nach langjährigen religiösen Diskussionen mit einer befreundeten islamischen Familie, schien mir der Islam die besten Antworten auf meine Fragen bereit zu halten." So hört man den Rapper auf Carlos Santanas Grammy-gekröntem Album "Supernatural" den religiösen Lobgesang "La Ilaha Il Allah" intonieren.

Zumindest kommerziell scheint die Rechnung aufzugehen. Muslimischer Rap hat im letzten Jahr allein in Nordamerika Umsätze von ungefähr 1,8 Milliarden Dollar gemacht.

HipHop als ideales Predigt-Werkzeug

Auch in Europa finden HipHopper mit muslimisch inspirierten Texten wie die Dänen Outlandish oder die Berliner Rapperin Sahira zunehmend Gehör. Doch nirgends ist der Islam so geschichtsträchtig und politisch aufgeladen wie in den Vereinigten Staaten. In der Tradition des frühen Malcolm X und Muhammad Ali symbolisierte er lange eine Distanzierung von der Religion des weißen Mannes. Dabei rivalisieren spezifisch nordamerikanische Sekten wie die Nation Of Islam und die Nation Of Gods And Earths (auch als Five Percent Nation bekannt) mit dem Mainstream-Islam um die Gläubigen.

Besonders die Mitte der siebziger Jahre von Minister Louis Farrakhan wiederbelebte Nation Of Islam hat im HipHop viel Resonanz gefunden. Zu einen, weil ihre auf schwarzem Stolz und disziplinierter Lebensführung basierende Religion in den sozialen Brennpunkten Afroamerikas als Selbsthilfe-Programm funktioniert. Zum anderen, weil Farrakhan die Aggressivität des HipHop als ideales Predigt-Werkzeug erkannte.

Konservativere islamische Religionslehrer haben sich oft skeptisch gegenüber der Verbindung von Musik und Mission geäußert. Farrakhan, ein ehemaliger Calypso-Sänger, der in den letzten 20 Jahren zu den charismatischsten Führerfiguren Afroamerikas aufstieg, genießt hingegen so viel Respekt in der HipHop-Welt, dass er wiederholt Friedenskonferenzen zwischen verfeindeten Lagern ausrichtete. Zudem ermutigte er Rapper erst auf seiner diesjährigen Abschiedsrede in Detroit, "keine negativen Botschaften in die Welt hinauszutragen".

Ob er damit nur den Sexismus und die Gewaltverherrlichung des HipHop meinte? Oder auch die von ihm nie widerrufene Theorie einer jüdisch-weißen Weltverschwörung? Tatsächlich finden sich in den Raps von Anhängern der Nation of Islam häufig Anspielungen auf ihren Glauben wie "Yacub's crew" (Weiße) oder "dead niggaz" (nichtmuslimische Schwarze), die Nichteingeweihte kaum verstehen. Die vom Mainstream-Islam als Abweichler gegeißelte Nation Of Islam predigt, dass Weiße vor 6000 Jahren von einem bösartigen schwarzen Wissenschaftler namens Yacub erschaffen wurden.

Namen ändern, um Missverständnisse zu vermeiden

Das Gros der muslimischen Rapper aber verkündet einen friedliebenden, toleranten Islam und sieht sich eher als Botschafter Allahs denn des Rassenkriegs: "Wir versuchen nicht zu predigen, das ist nicht unser Ding", sagt etwa Akil von Jurassic 5. "Ich zeige nie mit dem Finger auf andere Menschen. Sonst würde ich mit vier Fingern auf mich selbst zeigen".

Und Lupe Fiasco stellt auf "Muhammad Walks" die Friedensstifter Jesus und Muhammad den falschen Propheten und Terroristen gegenüber, ruft selbst Gs – ein kumpelhaftes Slang-Wort für Gangster – zur Glaubens-Solidarität auf: "Gs up along with Muhammad and Jesus/ In Quran they call him Isa/ Don't think Osama is our leader..." In einem Song namens "American Terrorist" beklagt Fiasco allerdings auch die Vorurteile den heimischen Muslims gegenüber. So haben einige HipHop-Gruppen gar ihre Namen geändert, um Missverständnissen zu entgehen: "Wir haben uns früher Jihad genannt", erzählt Amaar Zaheer, eine Hälfte des Rap-Duos Mountain View. "Im arabischen heißt das schlicht und einfach Kampf. Aber nach 9/11 wurde das als 'Heiliger Krieg' interpretiert, was niemals unsere Botschaft war. Der Islam lehrt, positiv zu handeln, ein Rollenmodell zu sein. Das versuchen wir in unserer Musik widerzuspiegeln."

Zu den spektakulärsten Newcomern des Genres gehört das Rap-Trio Native Deen aus Washington D.C., dessen Name sich dem arabischen "Deen" für "Lebensweg" oder "Glaubensweg" entlehnt. In Songs wie "Praise Allah Together" rappen die drei jungen Freunde über islamische Werte: Vom fünfmaligen täglichen Gebet über das Fasten während des Ramadans bis zur Abstinenz von Alkohol und Gewalt. So ernst nehmen Native Deen ihren Glauben, dass sie nicht nur in traditionellen muslimischen Gewändern auftreten, sondern einer strikten Auslegung des Korans zufolge Tanzbewegungen wie auch Wind- und Saiteninstrumente meiden. Stattdessen begleiten sie sich nur mit zwei Trommeln und einem Synthesizer.

"Wir haben als Teenager eine Menge Druck erlebt, uns anzupassen", erzählt Rapper Naeem Muhammed. "Wenn du schwarz und obendrein noch Muslim bist, hast du es doppelt schwer". Besonders schwierig sei es gewesen, die eigene Liebe zum HipHop von dessen gewalttätigen und pornographischen Werten zu lösen, und mit dem eigenen Leben als Muslim zu versöhnen. Verkaufszahlen bedeuteten ihnen dabei nicht alles "Schon die Tatsache, dass wir eine muslimische HipHop-Gruppe sind", glaubt Naeem, "wirkt auf die Jugendlichen bestärkend. Wir wollen mit unserer Musik zeigen, dass man ein guter Muslim und trotzdem stolzer Amerikaner sein kann."

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