Hippie-Revival Musik mit Bart

New Folk, Weird Folk oder Neo Hippie Music? Egal, fest steht, dass sich eine Horde von Vollbartträgern und ein paar zarte Frauen anschicken, die Poplandschaft mit analoger Musik und alternativem Lebensstil nachhaltig zu verändern. Die Stars der Szene heißen Joanna Newsom und Devendra Banhart.

Von Thomas Winkler


Arthur Schopenhauer war dereinst der Meinung, "der Bart sollte, als halbe Maske, polizeilich verboten sein". Der Philosoph verstarb vor bald anderthalb Jahrhunderten. Sonst könnte ihn womöglich verstören, dass eine Horde von Vollbartträgern sich nun anschickt, die Musiklandschaft umzukrempeln – allerdings mit vollkommen friedlichen, kaum justiziablen Mitteln.

In den USA ist in den letzten Jahren eine Szene entstanden, die bewusst die Errungenschaften der modernen Populärkultur ablehnt, sich an traditionellen Spielweisen wie Folk orientiert, ihre spirituellen Grundlagen in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verortet und deren männliche Mitglieder fröhlich und ungehemmt ihr Kinnhaar sprießen lassen.

Jahrelang werkelte man weitgehend im Verborgenen, aber nun kommt langsam der Erfolg. Immer öfter werden Alben auch in Europa veröffentlicht, so "II", das neue Werk des in Philadelphia beheimateten Sextetts Espers, einer der zentralen Bands der neuen Bewegung. Und immer öfter hat diese Musik auch kommerziellen Erfolg: Das dieser Tage erscheinende zweite Album von Joanna Newsom, die aus Harfe und Stimme traumgleiche Musik spinnt, wird nicht nur von den Zehntausenden Käufern ihres Debüts sehnsüchtig erwartet, sondern auch in Mainstream-Medien bereits mit Kritikerlob überschüttet.

Die "New York Times" sah bereits "ein neues Zeitalter des Wassermanns" herauf ziehen, gar einen "Summer of Love 2.0" und zeigte sich beeindruckt. Vor allem von den geradezu "biblischen" Ausmaßen des Bartes von Asa Irons. Der ist ein Achtel von Feathers, einer in dem kleinen Städtchen Brattleboro im bergigen Vermont residierenden Landkommune, deren Platten außerhalb der USA nur schwer zu bekommen sind. Auf Fotos posieren sie mit bemalten Gesichtern versteckt hinter Grashalmen. Auf ihren Platten tauschen sie ständig die Instrumente, spielen mit Kinderxylofon und Harfe rein akustische Stücke mit unwirklichem, geradezu sphärischem Charakter ein. "Wir haben alle eine sehr unterschiedliche Philosophie vom Musikmachen", erzählt Irons' Kollegin Meara O'Reilly, "also spielen wir einfach jeder drauf los und irgendwie passt dann alles zusammen."

Andere überlassen weniger dem Zufall. Musikalisch bewegen sich die meisten Vertreter des neuen Trends in einem relativ breiten Spektrum, viele beziehen sich zeitlich auf die goldenen Sixties: Bei Vetiver werden ganz entspannt die akustischen Gitarren gezupft, als würden Simon & Garfunkel mit am Lagerfeuer sitzen; Grizzly Bear aus New York benutzen Klavier und Banjo, um ein wundervoll entspanntes Geschwebe zu spinnen; Howlin Rain aus San Francisco übernehmen den etwas rockigeren Part und geben die Creedence Clearwater Revival dieser Generation; Comets of Fire aus Kalifornien improvisieren lärmend, als wollten sie Jimi Hendrix zum Leben erwecken; und Espers schwingen sich auf einer lieblichen Folk-Grundlage auf zu nachgerade symphonischen Höhenflügen.

Man kennt sich untereinander, personelle Querverbindungen zwischen den verschiedenen Bands sind die Regel, und viele der Musiker und Musikerinnen sind Söhne und Töchter von Hippies. Jetzt, 40 Jahre später, erinnern sie sich an die Errungenschaften ihrer Eltern und feiern Vashti Bunyan, eine mittlerweile 60-jährige Songwriterin aus London, die nach einer nahezu drei Jahrzehnte währenden Schaffenspause aus der Versenkung auftauchte: als Vorreiterin ihrer Bewegung. "Niemals wieder klang die Musik so gut wie damals", findet Espers-Gitarrist Greg Weeks, der als einer der wenigen Männer in der Szene keinen Vollbart, sondern nur zarten Flaum trägt.

Bewusst setzen sie sich die neuen Hippies ab von der glatt polierten musikalischen Einheitsware, die die Charts beherrscht, sei es R'n'B oder Rock. Sie distanzieren sich auch vom politischen und gesellschaftlichen Mainstream in den USA, und das nicht nur mit ihrer Musik. "Wir wollen einen langsameren, einen anlogen Lebensstil", erzählt Weeks per Telefon aus Philadelphia, "wir wollen nicht mehr nur das, was uns aufgezwungen wird, wir wollen eine Wahl. Wir fühlen uns einfach sehr fremd in diesem Land."

So suchen die Bands nach alternativen Lebensformen. Und finden sie in alten Konzepten: Feathers leben nicht nur als Kollektiv auf einer Farm, sondern verzichten aus Überzeugung auf Handys, Internet und einen Manager für die Organisation der Band. Brightblack Morning Light, ein Duo aus Alabama, deren letztes Album nun auch hierzulande erscheint, lebt seit Jahren in einem Zelt in Kalifornien, arbeitet mit Öko-Gruppen zusammen und propagiert den flächendeckenden Einsatz von psychedelischen Pilzen, um das kollektive Bewusstsein zu erweitern. "Alles war schon mal da", erklärt Weeks, der sich gut vorstellen könnte, in den Sechzigern zu leben, "aber unsere Perspektive ist eine andere und das macht es wieder aufregend."

Aber nicht alle wollen zurück zur Natur. Weeks lehnt "neue Technologien nicht grundsätzlich ab", Espers setzen im Studio auch Computer ein. Aber vor allem die europäische Variante des Folk-Revivals stützt sich weniger auf akustische Instrumente als die nordamerikanischen Kollegen, sondern integriert elektronische Klangerzeugung. Während in den USA mitunter ungebrochen die musikalischen Ideen der ausgehenden Sixties kopiert werden, adaptieren Bands wie Tunng oder Psapp aus London oder das zwischen Kanada und Frankreich pendelnde Schwesternpaar Coco Rosie vornehmlich die Geisteshaltung, aber setzen sie mit digitalen Sounds neu um. Menschenfreundlich und verspielt tröpfelt nun die Elektronik.

Mittlerweile aber hat der Virus auch Länder außerhalb des anglo-amerikanischen Sprachraums befallen: Die Brasilianerin Cibelle versöhnt, unterstützt von Mike Lindsay von Tunng und Devendra Banhart, die spinnerten Einfälle der Kollegen aus dem Norden mit Samba und Bossa Nova. Der Amerikaner Banhart gilt als großer Onkel der Szene. Auch sein Vollbart ist gewaltig, vor allem sein kommerzieller Erfolg aber überstrahlt bisher noch den seiner Brüder und Schwestern im Geiste. Manche Bands wie Vetiver beehrt er mit Gastbeiträgen, andere wie Feathers lädt er ein, auf seinen eigenen Platten mitzutun, bringt sie auf seinem Label Gnomonsong heraus oder lobt sie – wie Diane Cluck und ihre bisweilen schmerzhaft privaten Folk-Preziosen – euphorisch in Interviews. Mit Bianca Casadie von Coco Rosie verbindet ihn eine Liebesbeziehung.

Devendra Banhart ist aber nicht nur der Cheerleader, sondern, so Weeks, zum "Gesicht der Bewegung geworden, weil er gut aussieht". Dank ihm bekommen die Neo-Hippies Aufmerksamkeit. Oder er ihretwegen. "Devandra kam erst später hinzu, er hat die Szene nicht wach gerüttelt", sagt Weeks, "das alles wäre auch ohne ihn ins Rollen gekommen."

Jetzt, da etwas in Rollen gekommen ist, könnte Großes bevor stehen. Im britischen Magazin "Mojo" bekam die Bewegung bereits eine Titelgeschichte, und der Rest der Medien streitet sich momentan noch um die korrekte Bezeichnung: Haben wir es nun mit New Folk, Weird Folk oder Neo Hippie Music zu tun? Weder noch und schon gar nicht mit einer Bewegung. Sagt ausgerechnet Joanna Newsom, das aktuell neben Banhart prominenteste Aushängeschild einer Szene, die für sie gar keine ist. "Eine reine Konstruktion der Medien" sei der Neo Folk, sagt sie in ihrer kindlichen Stimme, leise, aber bestimmt, während sie sich in der Lounge eines kleinen Berliner Hotels vertraulich zum Interviewer beugt: "Viele dieser Bands haben die Aufmerksamkeit sicherlich verdient, aber in den USA ist der Hype um diese so genannte Bewegung mittlerweile lächerlich geworden. Es gibt keine Bewegung, es gibt keine Szene."

Andere sind da gegensätzlicher Meinung. Greg Weeks von Espers glaubt fest daran, dass seine Band und die anderen etwas verändern helfen können. "Unsere Zeit und die Sechziger verbindet viel", glaubt Weeks: "Damals wie heute war das wichtigste politische Thema der Krieg." Damals wie heute trieb die Menschen eine Sehnsucht um nach einer besseren, friedlicheren Welt. Das erklärt vielleicht den zunehmenden Erfolg der Neo Hippies und ihrer bisweilen allzu lieblichen Musik. Die Fehler allerdings, vor allem den übermäßigen Drogenkonsum der Original-Hippies, verspricht Weeks, gedenke man, da einem "der Luxus der nachträglichen Einsicht" zur Verfügung steht, nicht zu wiederholen. "Eine Revolution kommt nicht über Nacht", verspricht Greg Weeks, "wir haben einen langen Atem."



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