Hipster-Rap Schampus statt Schießerei

Die Zeit der HipHop-Muskelprotze ist vorbei: Hipster-Rap heißt der neue Stil, der Fans und Musiker inspiriert. Galionsfigur des Trends: Pop-Dandy Kanye West. Er weist dem Genre mit viel Raffinesse und Mut zur Kauzigkeit den Weg.

Von Uh-Young Kim


Ausnahmsweise war Kanye West sprachlos - vor Freude. Der sonst nicht um Worte verlegene HipHop-Star hat es neben David Beckham und Karl Lagerfeld in die International Best Dressed Liste 2008 der "Vanity Fair" geschafft. Im Gegenzug ließ sich Modefürst Lagerfeld im Modemagazin "Harper's Bazaar" mit Goldketten und Turnschuhen ablichten und bekannte dazu tollkühn: "Ich liebe HipHop!"



Dabei ist HipHop in den letzten Jahren alles andere als hip gewesen. Vielmehr ist er zu einer Parodie seiner selbst verkommen. Der Gangsta-Rap kann mit seinen Allmachtsphantasien von Drogendeals, dicken Schlitten und scharfen Bräuten allenfalls noch die feuchten Träume Minderjähriger befeuern. Und die Kinderreime und Schulhoftänze des amerikanischen Shootingstars Soulja Boy sind beim besten Willen nicht mehr als innovative Ausdrucksform einer unterdrückten Minderheit auszulegen.

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass die HipHop-Kultur totgesagt wurde und rundum erneuert wieder aufersteht. Vom frühen New Yorker Disco-Rap über kalifornischen G-Funk bis zum Crunk-Sound aus den Südstaaten unterzieht sich das Genre alle fünf Jahre einem kompletten Facelifting.

Der neue Trend heißt Hipster-Rap und remixt Stilelemente aus all diesen Phasen - lässt die Kaputtheit des Gangsta-Rap aber außen vor. Seitdem Kanye West vor genau einem Jahr den Obergangster 50 Cent in Albumverkäufen übertrumpft hat, nimmt der jüngste HipHop-Ableger kräftig an Fahrt auf.

Damit haben Schussverletzungen - wie sie 50 Cent berühmt gemacht haben - als Alleinstellungsmerkmal im Pop ausgedient. Kanye West verdient sich nicht an der brennenden Mülltonne seinen Respekt, sondern bei der New York Fashion Week. Den Hipster-Rapper zeichnet vor allem ein verfeinertes Stilbewusstsein aus. Vorbei sind die Zeiten, als durch HipHop modische Nachlässigkeiten aus der Gangkultur verbreitet wurden: die bis zur Poritze schlabbernde Ballonhose, XXXL-T-Shirts oder gleich der freie Oberkörper.

Schwul und cool

Stil-Zampano West trägt Jeans so bunt und eng geschnitten, dass sie in HipHop-Kreisen schon als schwul gelten. Sein Rucksack wurde von Stardesigner Marc Jacobs entworfen und die Mütze von Prada maßgeschneidert. In seinem Blog präsentiert West japanische Designer, Haute-Couture-Kreationen, Luxusmöbel, Cutting-Edge-Architektur, Roboter, alte Rapvideos, Supermodels und ab und zu eine Yacht.


So verschiebt sich das Männlichkeitsbild im HipHop vom harten Körper der Straße zur geschmeidigen Gestalt des kosmopolitischen Dandys. Der Nihilismus des Überlebenskampfes im Ghetto ist dem Narzissmus eines Jetset gewichen, in dem Rapstars heute die Trends setzen.

Die Überschneidung von Catwalk und Streetwear hat sich bereits in den extravaganten Kostümen des Sängers Andre 3000 angekündigt und setzt sich in der neuen Eleganz des ehemaligen Skaters Pharrell Williams fort. Gruppen wie Kidz In The Hall wiederum beziehen sich mit der Hingabe von Nerds auf die achtziger Jahre, als Rapper noch über sich selbst lachen konnten. Damals nähten sie sich Statussymbole wie zum Beispiel überdimensionierte Gucci-Logos selbst auf die Kleidung. Heute machen ihnen große Labels mit exklusiven Modelinien den Hof.

Drei Streifen, ein Trend

Den Grundstein für die Liaison von Mode und HipHop legten Run DMC, denen die Hipster-Rap-Crew The Cool Kids religiös nacheifert. 1986 luden die Pioniere aus Queens Manager von Adidas zu einem Auftritt im Madison Square Garden ein. Während ihres Tribut-Songs "My Adidas" forderten sie die Menge auf, ihre Sportschuhe mit den drei Streifen in die Luft zu halten - und staubten danach einen Millionendeal mit eigener Modelinie ab.

Die Urväter des HipHop trieben es noch wilder: Grandmaster Flash & The Furious Five verkleideten sich als abtrünnige Paradiesvögel der Disco-Ära. Die Neonfarben ihrer Space-Outfits sind im Zuge des Achtziger-Revivals allgegenwärtig. Und auch musikalisch wird an die Tanzmusik der Old School angeknüpft. Synthetische Sounds und Electro-Beats unterstreichen die Spaß-Attitüde des lesbischen Duos Yo Majesty aus Florida und der Rapperin Kid Sister aus Chicago, die von Kanye Wests Tour-DJ A-Trak produziert wird.

Ihre Tracks verbreiten sich im Internet. Unterhalb des Chart-Radars hat sich durch unzählige Blogs und MySpace-Bekanntschaften ein digitaler Underground um Protagonisten wie die britisch-tamilische Sängerin M.I.A. oder DJ Diplo aus Philadelphia gebildet. Ihr Sound lässt sich nicht mehr auf eine bestimmte Region zurückführen, sondern greift die weltweiten Strömungen urbaner Popmusiken auf - mit Schnittstellen zu den Pariser Clubstars von Daft Punk und Ed Banger, karibischen Dancehalls, Favelas von Rio und südafrikanischen Townships.

Weg von der Straße

Angesichts der Dynamik der international vernetzten Party-Community verblasst der Mythos der Straße zunehmend. Die Jagd nach Glamour und Coolness reflektiert den Alltag der meisten HipHop-Hörer ohnehin angemessener als die Action-Spektakel der ewig gleichen Ghettofabeln. Statt BMW-Felgen sind nun BMX-Räder en vogue.

Die Herrschaft des Gangsta Rap endet unterdessen mit der Amtszeit von George W. Bush. Während 50 Cent das Recht des Stärkeren im Pop verkörpert hat, ließ der Kriegspräsident die Muskeln auf dem Schlachtfeld spielen. Die jungen und bunten Hipster-Rapper hingegen eröffnen eine globale Perspektive, die mehr mit der Aufgeschlossenheit von Barack Obama gemein hat.

Nicht zuletzt ist Obama selbst eine Stil-Ikone geworden. Seit seiner Kandidatur ist es schwer angesagt, politisch zu sein. Mal schauen, ob das neue Hipstertum auch wirklich über die Wahl des richtigen Turnschuhmodells hinausgehen wird.

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