Historische Jazzaufnahmen: Juwelen im Keller

Von Hans Hielscher

Ein riesiger Schatz lagert in den Archiven deutscher Radiosender: Aufnahmen toller Jazz-Konzerte. Jetzt werden von John Coltrane und Dave Brubeck Einspielungen auf CD veröffentlicht, die der WDR vor 50 Jahren aufgenommen hat.

Historische Jazzaufnahmen: Juwelen im Keller Fotos
AP

Haben die Saxophon-Giganten John Coltrane und Stan Getz jemals gemeinsam auf der Bühne oder in einem Studio musiziert? Nein, glaubte die Jazzwelt. Denn Beispiele dafür waren bislang nicht dokumentiert. Nun aber wissen wir, dass die beiden Stars doch einmal zusammen aufgetreten sind: Am 28. März 1960 spielte das John Coltrane Quartet (mit Wynton Kelly, Piano, Paul Chambers, Bass und Jimmy Cobb, Drums) in einem Studio des WDR in Düsseldorf; und Stan Getz und der Pianist Oscar Peterson stiegen als Gäste ein.

Das denkwürdige Konzert (von dem ein Ausschnitt auf YouTube zu sehen ist) hat der Kölner Sender jetzt als CD und LP auf den Markt gebracht. Gleichzeitig gab der WDR in Zusammenarbeit mit dem Label Jazzline Aufnahmen mit dem Dave Brubeck Quartet, dem Modern Jazz Quartet und dem Bud Powell Trio heraus. Weitere CDs und LPs von bearbeiteten Bandaufnahmen aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren sollen folgen.

Wollen die Fans historische Tonträger?

Möglich ist das, weil in den Archiven deutscher Rundfunkanstalten massenweise Mitschnitte von Konzerten der Weltelite des Jazz lagern. Duke Ellington, Count Basie, Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie, Art Blakey und viele andere gastierten in der Bundesrepublik; ihre Auftritte wurden für das Radio und teilweise auch für das Fernsehen aufgezeichnet. Nun wird bei mehreren Sendern darüber nachgedacht, dem Beispiel des WDR zu folgen und die Juwelen aus dem Keller zu holen. Freilich müssen die Rechtsabteilungen prüfen, ob und unter welchen Umständen das Material neu genutzt werden kann. Aber schon weil zunehmend 50-Jahre-Fristen ablaufen, nach denen das Leistungsschutzrecht endet, ergeben sich viele Möglichkeiten, Aufnahmen herauszubringen.

Bleibt die Frage, ob genügend Fans solche historischen Tonträger erwerben wollen. Und Produzenten müssen überlegen, ob sie ganze Konzerte herausbringen oder nur außergewöhnliche Höhepunkte wie etwa das Zusammenspiel von Coltrane und Getz. Es lohnt sich sicher, die Archive nach ähnlichen Überraschungen zu durchforsten. Eine Fundgrube wären die Bänder der NDR-Jazzworkshops, die 1958 begannen und bis heute (als "Konzerte im Rolf-Liebermann-Studio") oft Musiker zusammen bringen, die noch nie miteinander gespielt haben. Ein Beispiel für ein solches Treffen hatte in der Vergangenheit der Hessische Rundfunk herausgebracht. Er dokumentierte auf einer CD des Labels L+R, wie der sanfte Publikumsliebling Chet Baker auf dem Frankfurter Jazz Festival 1988 als Gast in der Band des sperrigen Avantgardisten Archie Shepp auftrat.

Für das Treffen Coltrane-Getz 1960 in Düsseldorf ist indirekt Miles Davis verantwortlich. Der Trompeter hatte während einer Europa-Tournee sein Quintett mit John Coltrane nach Meinungsverschiedenheiten kurzfristig verlassen. An seiner Stelle wurde der damals in Kopenhagen lebende Stan Getz verpflichtet.


CDs (auch als LPs erschienen):
John Coltrane with Special Guest Stan Getz:
"1960 Düsseldorf";
Dave Brubeck Quartet: "1960 Essen, Grugahalle";
The Modern Jazz Quartet: "1959 Bonn, Beethovenhalle";
Bud Powell with Special Guest Coleman Hawkins: "1960 Essen. Grugahalle",
alle WDR/Jazzline; je 18,99 Euro.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. ...
mbberlin 10.11.2010
Tolle Sache! Eine kleinere, aber feine Fangemeinde gibt es definitiv.
2. Auch der SWR hat schätze!
MFKBoulder 10.11.2010
Zitat von sysopEin riesiger Schatz lagert in den Archiven deutscher Radiosender: Aufnahmen toller Jazz-Konzerte. Jetzt werden von John Coltrane und Dave Brubeck Einspielungen auf CD veröffentlicht, die der WDR vor 50 Jahren aufgenommen hat. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,728156,00.html
AFAIR hat der SWR die Konzerte Jazz Now! in München 1972 aufgezeichnet. Wäre schön, wenn es das in der Rundfunk Qualität auf CD gäbe.
3. Die Düsseldorfer Aufnahme
tmeise 10.11.2010
ist klasse, sehr interessant, wie Coltrane als Leader das Repertoire von Miles Davis spielt. Es gibt auf jeden Fall ein Publikum für diese Aufnahmen, und das weltweit. Beispielhaft ist in diesem Zusammenhang auch das US-Projekt wolfgangsvault.com, das wöchentlich mehrere historische Konzerte der Newport-Festivals publiziert. (Leider sind sie auf der ziemlich unnavigierbaren Seite kaum zu finden.)
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