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22. Juli 2016, 16:15 Uhr

Soundtüftler Holger Czukay

Cool im Radio-Pool

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Als Bassist der Krautrocker Can wurde Holger Czukay bekannt. Ohne die Band produzierte er 1979 mit "Movies" ein brillantes Soloalbum, das als Klassiker der Sampling-Kunst gilt und jetzt neu aufgelegt wurde.

Anfang der Siebzigerjahre saß Holger Czukay mit seinem damaligen Can-Kollegen, dem Schlagzeuger Jaki Liebezeit, in einem Café an der Münchner Leopold-Straße, als ein exzentrisch aussehender Japaner auftauchte, sich auf dem Bürgersteig hinkniete und zu beten begann.

"Das ist unser neuer Sänger!", sagte Czukay zu dem verblüfften Liebezeit und sprach den Japaner an: "Willst du Sänger einer Rockband werden? Du kannst heute Abend anfangen, der Saal ist ausverkauft." Nachdem Damo Suzuki zugesagt hatte, bat Czukay ihn noch, sich für das Konzert bloß nicht umzuziehen. Der Rest ist sozusagen Geschichte.

Er sei eben ein universeller Dilettant, verkündete der mittlerweile 78-jährige Czukay stets fröhlich in Interviews. Diese unkonventionelle Herangehensweise an Musik hat immer wieder zu umwerfenden Resultaten geführt. Wobei Holger Czukay handwerklich betrachtet kein Dilettant, sondern ein ausgebildeter Virtuose ist. Erfrischender und abenteuerlustiger als dieser bei Köln lebende Künstler gingen in Deutschland nur wenige Musiker zu Werke.

Der 1938 in Danzig geborene Czukay landete nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland und entdeckte bereits in jungen Jahren die Freude am Auseinandernehmen und Neuzusammensetzen von elektronischen Geräten, insbesondere Radios. Weil er auch ein Gefühl für Musik hatte spielte er in den Fünfzigerjahren in allerlei Beat-Combos Bass.

In den Sechzigern bewarb er sich um einen Studienplatz bei Karlheinz Stockhausen. Im Prüfungsgespräch mit dem Großmeister der Neuen Musik sagte Czukay: "Herr Stockhausen, ich kann gar nichts!" Was er denn überhaupt werden wolle, erwiderte Stockhausen - "Komponist!" Stockhausen schaute ihn lange an und sagte dann, dass Czukay angenommen sei. Zu den wichtigsten Dingen, die er dort gelernt habe, gehöre der Mut zum Risiko, meinte Holger Czukay einmal.

Den hat er bewiesen. Auf die Initiative des Stockhausen-Mitschülers Irmin Schmidt legte Czukay 1968 mit Can los. Die Musik, die diese sogenannte Krautrock-Band in den folgenden Jahren einspielte, gilt längst als Weltmusikerbe. Can-Alben wie "Tago-Mago", "Ege Bamyasi" oder "Future Days" prägten Künstler von David Bowie bis Sonic Youth. Bei Can war es üblich, ausufernde Sessions mit dem Tonband komplett mitzuschneiden, um später die besten Momente für die Tonträger heraus zu destillieren. Das Schneiden und Bearbeiten der Bänder faszinierte vor allem Holger Czukay.

Kurz nach der Gründung von Can veröffentlichte Czukay sein erstes Soloalbum namens "Canaxis" mit Collagen aus bearbeiteten Bändern und allerlei Sound-Experimenten. Bei Can kündigte er 1977 und legte zwei Jahre später "Movies", sein zweites Soloalbum, vor - ein Meilenstein in der Kunst des Samplings.

Ende der Siebzigerjahre war Sampling zwar nicht neu, aber in der Musikbranche kaum verbreitet. Das Nutzen von Auszügen bereits fertiger Musik oder Tonaufnahmen hatten bereits allerlei Avantgardisten in den Sechzigern ausprobiert, und auch der legendäre Reggae-Sound-Zauberer Lee "Scratch" Perry hatte in den Siebzigern seine Dubmixe mit Versatzstücken aus US-TV-Soundtracks aufgepeppt.

Aber was Holger Czukay mit "Movies" bot, beförderte die Sampling-Kunst auf eine neue Ebene. Ausgiebig hatte er dafür den Klängen verschiedener Kurzwellensender gelauscht und mitgeschnitten, was er dort an faszinierenden Kuriositäten aufgabelte. Auf diesen Reisen in die Tiefen des Äthers spürte Czukay arabische Gesänge, afrikanisches Geplauder und italienische Opernarien auf. Er fand Kino-Sprachfetzen und seltsame Melodien.

Ein Element, das alles zusammenhielt, war der Humor, der Czukays Arbeiten schon immer prägte. Das wird bereits bei "Cool In The Pool" deutlich: Da singt Czukay exzentrisch zu einem funky Gitarrenriff, das von allerlei wundersamen Samples vom Waldhorn bis zu seltsamen Geräuschen eingerahmt wird. So entstand ein Underground-Hit, den Hipster-DJs wie Prins Thomas bis heute im Programm haben. Ein Erlebnis ist auch das 13-minütige "Oh Lord Give Us More Money", das in seiner kunstvollen Exotik an Can erinnert, schließlich gehen Czukay hier die alten Bandkollegen zur Hand.

Für "Persian Love" kombiniert Holger Czukay raffiniert Farsi-Songs mit persischem Pop und Filmdialogen. Und bei der aberwitzigen, 15 Minuten währenden "Hollywood Symphony" tobt sich Czukay, unterstützt von Jaki Liebezeit am Schlagzeug, mit wundersamsten Geräuschen aus. So gelang Holger Czukay ein brillant versponnenes Pop-Album, das 2016 so seltsam einlullend klingt wie 1979, als es deutlich machte, wie man aus Samples fantasievolle und vor allem eigenständige neue Musik zaubern kann.

Lange war dieses Meisterwerk vergriffen und wurde nun von Czukay renoviert mit neuem - seltsamem - Cover und leicht variiertem Namen "Movie!" frisch aufgelegt. Holger Czukay arbeitete danach mit Größen wie Brian Eno, David Sylvian, Eurythmics, The Edge oder Jah Wobble. Seit einigen Jahren aber lässt er es ruhiger angehen und hat sich weitgehend zurückgezogen in sein Studio in Weilerswist bei Köln. Auch geniale Dilettanten müssen sich mal ausruhen.

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