Zum Tode Holger Czukays In ihm lebte der Geist des Krautrock

Die Seele von Can: Holger Czukay war der Bassist dieser weltweit einflussreichen deutschen Band - und noch so viel mehr. Erinnerungen an ein schelmisches Genie.

imago/ Roland Owsnitzki

Es war ganz leicht, zu Holger Czukay höchstpersönlich vorzudringen. Vor knapp vier Jahren, im tristen Weilerswist, südlich von Köln eingekeilt zwischen der A1 und der A61, musste man zunächst in der Bäckerei Lennartz vorsprechen, deren Verkäuferin dann "hinten" anklingelte, im Studio, das früher einmal ein Kino gewesen war.

Nach einer Weile kam ein wunderlicher alter Mann vorbeigeschlurft, mit sockenlosen Füßen in Sandalen und Eidotter auf dem Pullover, kaufte noch ein "leckeres Teilchen" für seine Frau, die derzeit leider krank sei, daher seine Verspätung und überhaupt. Dazu kicherte er wie das Kind, das ihm auch mit 74 Jahren noch wach aus den Augen schaute.

Das Studio war eine halbdunkle Mischung aus Höhle und Halle, verstellt mit altem Equipment und verhängt mit Tüchern. Wenn hier noch der Geist des "Krautrock" umging, dann in Person von Holger Czukay - der hier nicht nur arbeitete, sondern auch lebte. Zwei Zustände, zwischen denen er zeitlebens "ums Verrecken" keinen Unterschied erkennen konnte.

Beschränkung ist die Mutter der Innovation

Geboren 1938 in Danzig als Holger Schüring, sammelte der junge Vertriebene als Musiklehrer und Bassist in amateurhaften Beat- und Jazz-Combos erste Erfahrungen: "Bass", erklärte er fröhlich, "weil man da die Fehler nicht so hört". 1963 sprach er am Kölner Konservatorium für Musikwissenschaften vor, "da war ich ganz schön naiv, ich konnte ja gar nichts. Das habe ich dem Karlheinz Stockhausen auch gleich gesagt", der sich davon allerdings nicht beeindrucken ließ und Czukay als Lehrer unter seine Fittiche nahm.

Tatsächlich gab es kaum ein Instrument, das er nicht beherrscht hätte - und sei es auch nur mehr schlecht als recht. Der Gitarre oder dem Waldhorn konnte er Melodien entlocken, das genügte ihm. Auch den Lehren des Großmeisters der Neuen Musik mochte Czukay nicht ganz folgen, weshalb akademische Weihen als "Komponist" nicht zu erwarten waren. Was er bei Stockhausen gelernt hatte, sei aber der "Mut zum Risiko" gewesen, dem eigenen Dilettantismus mit Duldsamkeit zu begegnen. Beschränkung, hatte er in Köln gelernt, sei die Mutter aller Innovation.

Zusammen mit dem befreundeten Keyboarder Irmin Schmidt gründete Czukay 1968 ein zunächst loses Experimentierkollektiv, das sich bald unter dem Namen The Can zur echten Gruppe zusammenrütteln sollte. Der Geist, in dem hier musiziert wurde, ist schon auf den frühesten Demo-Bändern zu hören, für die Aufnahmen der Studentenunruhen in Paris als Samples verwendet wurden.

Das Studio als Instrument betrachtet

Ihre Abkehr von konventioneller Rockmusik angloamerikanischer Prägung, aus der Not geboren, führte zwangsläufig zu einer Öffnung für repetitive und improvisatorische Elemente. Von den nicht selten bekifften Zeitgenossen wurde diese Musik als psychedelisch wahrgenommen, die britische Presse bezeichnete sie zunächst abfällig als "Krautrock". Can schielten auf Edgar Varèse, nicht auf Jimi Hendrix. Sie hätten "die Hauptlinie links" überholt, sagte Czukay.

Als Kind hatte er schon antiquierte Volksempfänger auseinandergenommen. Nun wuchs er rasch in die Rolle des Tüftlers und damit Toningenieurs hinein. Als Bassist von Can war er zwar Teil der legendär motorischen Rhythmusgruppe (mit Jaki Liebezeit am Schlagzeug), in seinem Spiel aber beinahe lyrisch und ruhig. Er war vielleicht nicht der Motor, aber doch die Seele der Gruppe.

Als Mann an den Knöpfchen und Reglern gehörte er zu den ersten Künstlern, die das Studio selbst als Instrument betrachteten, und nutzte dessen Möglichkeiten auf seine ganz eigene, eben spielerische Weise. Während die Kollegen noch versonnen vor sich hindudelten, ließ Czukay bereits die Bänder laufen - und hielt so das Zufällige für die Ewigkeit fest. Protopunk für Menschen mit einer längeren Aufmerksamkeitsspanne als drei Minuten, Protoprogrock ohne masturbatorische Eitelkeit, Prototechno mit Seele.

Während die breiten Massen und die Plattenfirmen den klanglichen Ausfallschritten von "Monster Movie" oder "Tago Mago" eher ratlos begegneten, schienen Regisseure nur auf die rauschhafte Monotonie der modernistischen Klangflächen von Can gewartet zu haben. Verwendet wurden sie in insgesamt 21 Filmen, von "Das Millionenspiel" über Francis Durbridges "Das Messer" ("Spoon", 1971) bis zur Erkennungsmelodie des ZDF-Kulturmagazins "Aspekte" ("Aspectacle", 1978).

Heute gilt die Verwendung technischer Hilfsmittel bei gleichzeitiger Verweigerung jeder offensiv ausgestellten Virtuosität als bahnbrechend für ganz Generationen von Musikern. Die Liste derer, die sich auf Can berufen, reicht von Marc Bolan bis zu Radiohead und ließe sich endlos fortsetzen. "Wir hatten, wie Stockhausen gesagt hätte, die Wand durchbrochen", erklärte Czukay.

Ein Eulenspiegel, der über die Folgen seiner Streiche kichert

Nach der Trennung von Can, am Ende der Siebzigerjahre, blieb der Mann einfach im Studio sitzen und experimentierte weiter. Mit explodierender Kreativität, deren Methoden ihrer Zeit weit voraus waren. Schon 1978 fing er zufällige Programme aus aller Welt über sein Kurzwellenradio ein, sammelte atmosphärische Störgeräusche, klebte die Bänder dieser akustischen objets trouvés eigenhändig zusammen, steuerte echte Instrumente bei - und schuf so nicht nur humoristische Collagen und dystopische Prä-Industrial-Skizzen, sondern auch frühe Beispiele dafür, wie berührend und universell der Einsatz von Samples sein kann.

In den folgenden Jahren spielte er auf der ersten Platte der Eurythmics, machte Dub mit Jah Wobble, trommelte für Peter Gabriel, beeinflusste das Gitarrenspiel von The Edge ("Gerade, weil ich nicht spielen konnte!"), heiterte David Sylvian auf, ermunterte The Mars Volta zu ihrem wesensverwandten Irrsinn oder setzte Damon Albarn den Floh einer "virtuellen Band" ins Ohr, aus dem die Gorillaz werden sollten. Im Gespräch erinnerte er sich daran mit großer Heiterkeit. Kein Greis, der nach Anerkennung kräht. Ein Eulenspiegel, der über die Folgen seiner Streiche den Kopf schüttelt.

Nach dem Tod gefragt, lächelte er sein schelmisches Lächeln und machte eine wegwerfende Handbewegung. Nein, der eigene Tod kümmere ihn nicht. Solange er lebe, gehe der ihn nichts an. Und stelle der Tod sich doch eines Tages ein, sei er schon fort. Der Mann hatte seinen Epikur gelesen. Und las noch immer die aktuelle Musikpresse, "wie ein Teenager", schwärmte über die Texte von Jens Balzer in der "Berliner Zeitung" und von Albert Koch im "Musikexpress".

Beim Abschied sprach er noch von seinem Traum, eines Tages Can wieder auferstehen lassen zu wollen. Nicht mit Musikern, "das wäre albern", sondern aus sich selbst heraus: "Originale Elemente, kleine Partikel aus Klang, sozusagen DNA-Sequenzen", aus denen heraus er der Musik "mit elektronischen Mitteln" zu einer Unsterblichkeit verhelfen wollte, die sie doch längst schon hat - und in die er ihr nun gefolgt ist.

Es ist übrigens noch immer ganz leicht, zu Holger Czukay vorzudringen. Man höre nur das liebende "Persian Love" oder das lächelnde "Cool in The Pool", am besten beide Stücke, in dieser Reihenfolge, und begegnet ihm höchstpersönlich. Dem Genie, dem Irren, dem Kind. Einem der Größten unserer Zeit.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Japhyryder 06.09.2017
1. Holger Czukay
Ich halte ihn für einen Großen. Ohne die Musik von Can sähe mein Leben anders aus. Ich bin ihm dankbar. Gute Reise Reformator.
anonlegion 06.09.2017
2. toller Nachruf für einen grossen Menschen
Das hätte Ihm gut gefallen. Als Mensch und als Musiker war Holger Czukay ein Grosser. Werde mir nun ein Glas mit goldenem Whiskey füllen, alte CAN Platten hören und ein wenig trauern. Ruhe in Frieden und such Dir eine Tüftelecke dort oben Holger
Referendumm 06.09.2017
3. Krautrock ?
Im selben SPON-Beitrag von Arno Frank erfährt der Leser dann doch, dass Holger Czukay / CAN wohl mehr gemacht hatte als "Krautrock". Zusammen mit Kraftwerk, Jean-Michel Jarre, Pierre Henry sowie den (eher) Theoretikern vom Schlage eines Pierre Schaeffer (Musique concrète) und eines Karlheinz Stockhausen haben sie die Grundlagen der elektronischen Musik erst einmal erschaffen. Sie waren die Vorbereiter vieler dann ganz großen Bands wie Tangerine Dream, (Klaus Schulze) oder auch Pink Floyd, ELP oder YES uvam.. Wie dem auch sei: RIP Holger Czukay.
hannsheinz 06.09.2017
4.
Danke Holger, für die Revolution meines musikalischen Weltbildes.
Skalla-Grímr 06.09.2017
5.
"Protoprogrock ohne masturbatorische Eitelkeit" Die guten alten Vorurteile. Wenn ein Prog-Rocker ein technisch anspruchsvolles Solo spielt, ist das masturbatorisch und eitel. Wenn ein Jazzer oder ein klassischer Musiker dasselbe tut, nicht. Warum auch immer. Kann man nicht jemanden würdigen, ohne derartige pauschalisierende Seitenhiebe auszuteilen? Gleiches gilt für die Bemerkungen in Richtung Punk und Techno.
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