Zum Tod von Jazz-Legende Hugh Masekela Der seine Heimat nie vergaß

Er verband Township-Music so kunstvoll mit westlicher Popmusik wie kaum ein anderer: Hugh Masekela war ein begnadeter Musiker - und ein Mann, dessen Biografie Weltgeschichte erzählte.

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"Mein größter Traum war, Musik zu studieren. Aber als Schwarzer im Apartheidstaat hatte ich keine Chance", erzählte Hugh Masekela 2010 dem SPIEGEL. Als Jugendlicher hatte er den Hollywood-Film "Young Man with a Horn" gesehen, in dem Kirk Douglas die Jazz-Legende Bix Beiderbecke spielte. Seitdem wollte er unbedingt Trompeter werden - und begann seine Karriere im christlichen College des Bischofs Trevor Huddleston. Der Jazz-Fan und Anti-Apartheid-Aktivist förderte eine Band mit Jugendlichen aus den Townships von Johannesburg.

Als der Geistliche auf einer Reise in die USA Louis Armstrong traf, erzählte er dem Weltstar von Masekela. Kurzerhand schickte der daraufhin eine Trompete an den jungen Kollegen. Südafrikas Zeitungen berichteten darüber, Masekela wurde schlagartig bekannt. Mit dem Pianisten Dollar Brand, der sich später Abdullah Ibrahim nannte, gründete er die Band Jazz Epistles.

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Hugh Masekela: Der Meister der Melange

Wie Brand und Miriam "Mama Africa" Makeba, mit der er von 1964 bis 1966 verheiratet war, verließ Masekela Anfang der Sechzigerjahre Südafrika. Als Anhänger der Befreiungsbewegung ANC mussten die Musiker Verfolgungen fürchten. In Großbritannien und den USA halfen Prominente wie Yehudi Menuhin, Harry Belafonte und Dizzy Gillespie den Apartheid-Flüchtlingen. Masekela wollte am liebsten bei Art Blakey's Jazz Messengern engagiert werden.

Doch da, so erzählte er, "gab mir Miles Davis den vielleicht wichtigsten Rat meiner Karriere". "If you are going to play jazz, you are just going to be one of us. But you got shit that we don't have. Play your own shit!" (Wenn du Jazz spielst, wirst du nur einer von uns. Du hast deinen eigenen Kram, den wir nicht haben. Also spiel deinen Kram.)

"Grazing" und "Graceland"

Masekela nahm sich den Rat zu Herzen - und brachte fortan Elemente seiner heimatlichen Township-Musik in alles ein, was in seiner neuen Umgebung gespielt wurde: Jazz, Rhythm & Blues und die wechselnden Moden der westlichen Popmusik.

So wurde Masekela bald auch über die Jazz-Gemeinde hinaus bekannt. Er trat mit Herb Alpert auf, machte Platten für das Soul-Label Motown; er arbeitete mit den Supremes Marvin Gaye und Paul Simon. Zum Trompeten- und Flügelhornspielen profilierte er sich zunehmend auch als Sänger. Alle mochten seine samtig-raspelnde Stimme. Doch sein erfolgreichster Hit wurde eine Instrumental-Nummer: "Grazing in the Grass", 1968 veröffentlicht, verkaufte sich über vier Millionen Mal. In den späten Achtzigern nahm Paul Simon ihn, Miriam Makeba und die Band Ladysmith Black Mombazo mit auf seine erfolgreiche "Graceland"-Tournee.

In seiner Biografie, die den gleichen Titel trägt, hat Masekela sein Leben im Township und die 30 nicht minder bewegten Jahre im Exil beschrieben. In den USA geriet er zeitweilig ins Visier des FBI. Er schildert, wie er seinen vor dem Haus wartenden "Schatten" heiße Getränke bringt und sie - vergeblich - auffordert, in die Wohnung zu kommen und mit ihm zu feiern. Der ANC galt vielen westlichen Regierungen im Kalten Krieg als kommunistische Tarnorganisation. Masekela unterstützte den Kampf gegen das weiße Minderheitsregime in Südafrika sowohl mit Geld als auch mit seiner Musik. So forderte er 1986 in seinem Stück "Bring Him Back Home" die Freilassung Nelson Mandelas.

Rückkehr nach Südafrika

Um der Heimat näher zu sein, ließ er sich in den Achtzigerjahren vorübergehend in Lesotho und Botswana nieder. Sein Album "Technobush" nahm er in einem mobilen Studio 30 Kilometer vor der Grenze Südafrikas auf. Zu seinen Konzerten pilgerten Tausende aus dem Land, das er nicht mehr betreten konnte, darunter seine Großmutter, die er 20 Jahre nicht gesehen hatte.

"Sie schleppte mich als Baby im Township auf dem Rücken herum, während sie in ihrer Bar Bier ausschenkte und ich ihr den Rücken nass pinkelte", erzählte Masekela dem SPIEGEL. "Bei unserem Wiedersehen sagte sie: Jetzt bist du berühmt, und ich bin glücklich. Aber wenn du jemals vergisst, woher du kommst, wird dich ein Blitz aus meinem Grab treffen und dich töten."

Hugh Masekela hat seine Herkunft nie vergessen. Nach der politischen Wende am Kap zog er wieder nach Johannesburg und gründete eine Musikschule. Er nahm Schallplatten auf und ging weiter auf Tournee in aller Welt. In seinem nun von der schwarzen Mehrheit regierten Land wurde er nach seiner Rückkehr gefeiert - aber auch angegriffen, weil er offen über den Aids-Tod seiner Schwester sprach. "Damals kam die Kritik über mich, wie eine Tonne voller Ziegelsteine", berichtete er, "denn viele Menschen verbanden Aids mit großer Schande, und die Regierung leugnete die Epidemie. Inzwischen wird das Problem nicht mehr verdrängt."

Masekela war über viele Entwicklungen im neuen Südafrika enttäuscht, aber er glaubte an die Zukunft. "Vergessen Sie nicht, wie lange es gedauert hat, bis sich Ihr Land in einen funktionierenden Staat entwickelte", sagte er vor sieben Jahren, "wir schaffen das auch."

Jetzt ist Hugh Masekela an einer Krebserkrankung gestorben. Er wurde 78 Jahre alt.



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